Der Spätzünder und die Mütter

Ex-Weltrekordler Wilson Kipsang gewann den New-York-Marathon beim Debüt, Mary Keitany nach Babypause.

Kältestau: Bei 6 Grad laufen 50'000 über die Verrazano-Narrows Bridge. Foto: Keystone

Kältestau: Bei 6 Grad laufen 50'000 über die Verrazano-Narrows Bridge. Foto: Keystone

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Ein Bodycheck war es zwar nicht gerade, den Lelisa Desisa seinem letzten Gegner Wilson Kipsang einige Hundert Meter vor dem Ziel verpasste. Erbost ­genug aber war der Kenianer. Er stauchte den Äthiopier zusammen. Die Szene ­belegte: Kipsang verfügte im Finale über genügend Kraft, machte sich deshalb mit einem beherzten Spurt auch gleich von dannen. Er gewann beim Debüt in New York letztlich souverän in 2:10:59 Stunden. Das ist trotz des welligen ­Parcours eine bescheidene Zeit. Dem drittschnellsten Läufer der Marathon­geschichte (2:03:23) aber blies ebenso wie seinen Konkurrenten ein heftiger Wind ins Gesicht.

Bis zur Hälfte war dieser 44. New-York-Marathon bei den Männern darum ein Bummelrennen. 66:55 Minuten benötigten die Favoriten. Letztmals hatte man sich vor 30 Jahren mit einem langsameren Anfangstempo begnügt, bei ungleich höheren Temperaturen. Nun war es am Start mit 6 Grad hingegen kalt. Mit seinem Sieg sicherte sich Kipsang die 500'000 Dollar der Marathon-Gesamtwertung sowie 100'000 Dollar für den New-York-Triumph. Im Frühling hatte er bereits in London gewonnen.

Was ein Athlet seines Formats im Training leistet, teilte er Interessierten im September mit, als er auf seiner Website eine typische Woche auflistete. Sie enthielt etwa ein Bahntraining von ­10-mal 1000 m in 2:50 Minuten pro Kilometer sowie einen Longjog über 35 km in 1:54 Stunden. Lockere Trainings absolvierte er in einem 4-Minuten-Schnitt pro Kilometer, was viele Hobbyläufer selbst bei Volltempo nicht erreichen.

Marathon-Debüt mit 28 Jahren

Aber Kipsang ist ja auch kein Durchschnittsathlet. Erst mit 24 Jahren begann er seriös zu rennen. Den ersten Marathon absolvierte er 2010 mit 28 Jahren, also als Spätzünder. 2:07:13 Stunden schaffte er sofort. Sechs Monate danach steigerte er sich auf 2:04:57 und zählte umgehend zu den Besten. Im Folgejahr verpasste er den Weltrekord bloss um vier Sekunden, ehe er ihn im September 2013 brach. Mit seinen 32 Jahren ist der 4-fache Vater nun im besten Marathon­alter. New York dürfte nicht sein letzter grosser Sieg gewesen sein.

Ebenfalls 32 ist Siegerin Mary Keitany. Die Kenianerin setzte sich ebenso in ­einem Schlussspurt gegen Landsfrau ­Jemima Sumgong durch – mit einem Vorsprung von bloss drei Sekunden und in einer Zeit von 2:25:07 Stunden. Für ­Sumgong war es die zweite Niederlage in ­einem Wimpernschlagfinale – zumindest für Marathonverhältnisse. In Boston musste sie sich vor zwei Jahren gar nur um zwei Sekunden geschlagen geben. Der Ausgang dürfte die Organisatoren ­indes gefreut haben: Sumgong trainiert mit Rita Jeptoo. Diese hatte am letzten Freitag mit einer positiven Dopingprobe für Wirbel in der Szene gesorgt.

Das schnelle Vorbild

Was die Top 3 der Frauen – als Dritte lief die Portugiesin Sara Moreira bei ihrem Debüt ein – verbindet, ist nebst ihren ausdauernd-schnellen Beinen der ­Nachwuchs: Sie sind alle bereits Mütter. Keitany hatte im vergangenen Jahr darum auf Wettkämpfe verzichtet und ihr zweites Kind zur Welt gebracht. Ihr letzter Einsatz über die 42,195 km ­datiert vom August 2012, als sie an den ­Olympischen Spielen Vierte wurde.

Dass Spitzenläuferinnen sowohl Karriere wie Kinder zu kombinieren vermögen, ist eine neuere Entwicklung. Darum sorgte Marathonrekordhalterin Paula Radcliffe vor sieben Jahren noch für Schlagzeilen, als sie neun Monate nach der Geburt ihrer Tocher Isla bereits wieder schnell genug war, um in New York zu siegen. Keitany liess sich für die ­Rückkehr im Verhältnis zur Britin zwar deutlich mehr Zeit, hat das Comeback aber ebenso souverän gemeistert – und dürfte darum wie Wilson Kipsang ­weiteren grossen Siegen entgegensehen.


New York. 44. Marathon. Männer: 1. Kipsang (Ken) 2:10:59. 2. Desisa (Äth) 2:11:06. 3. Gebremariam (Äth) 2:12:13. 4. Keflezighi (USA) 2:13:17. 5. Kiprotich (Uganda) 2:13:24. – Frauen: 1. Keitany (Ken) 2:25:07. 2. Sumgong (Ken) 2:25:10. 3. Moreira (Por) 2:26:00. 4. Prokopcuka (Lett) 2:26:15 5. Linden (USA) 2:28:11. – Rollstuhl. Männer: 1. Fearnley (Aus) 1:30.55. – ­Ferner: 13. Frei (Sz) 3:36. 18. Hug (Sz) 6:37. – Frauen: 1. McFadden (USA) 1:42:16. – Ferner: 6. Graf (Sz) 10:24.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.11.2014, 23:36 Uhr

Wilson Kipsang feiert seinen Triumph in New York. Foto: Getty Images

Mary Keitany beim Zieleinlauf. Foto: Reuters

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