Der Super-Schuh ist für Hobbyläufer gefährlich

Lauflegende Markus Ryffel findet es sinnvoll, dass Schuhe neu reglementiert sind – und hinterfragt die Renner von Nike.

Dieser Schuh bleibt erlaubt. Nicht aber jener, in dem Eliud Kipchoge den Weltrekord lief. Bild: Keystone.

Dieser Schuh bleibt erlaubt. Nicht aber jener, in dem Eliud Kipchoge den Weltrekord lief. Bild: Keystone.

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Seit Nike 2016 einen Laufschuh präsentierte, der allein zwischen Sieg und Niederlage entscheidet, ist die Laufwelt in Aufruhr. Schliesslich verfügten Athleten ohne Swoosh über einen Nachteil: 31 von 36 Top-3-Rängen an den sechs weltgrössten Marathons von 2019 holten sich Läufer in diesem Spezialmodell. Am Freitag reagierte der Leichtathletik-Weltverband mit Regeln. Sie verbieten die neuste Nike-Entwicklung, erlauben aber anderen Produzenten, nachzulegen.

Braucht es wirklich Regeln für Laufschuhe?
Bei diesem Entscheid sind die Topathleten im Fokus – nicht die Hobbyläufer. Aus Topathletensicht ist es sinnvoll, die Schuhe zu reglementieren. Schliesslich war die Verzweiflung bei Läufern, die nicht von Nike gesponsert wurden, teils immens: Sie überklebten den Swoosh mit dem Logo ihres Ausrüsters, malten etwa drei Streifen darüber. Die Regeln sorgen für Ruhe.

Ist die Laufschuh-Branche je derart durchgerüttelt worden wie mit Nikes Innovation?
Zumindest hat es immer wieder grosse Veränderungen gegeben. Das fing mit dem Äthiopier Abebe Bikila an. 1960 holte er barfuss Marathon-Gold, vier Jahre später in Schuhen. 1964 war er drei Minuten schneller, erneut in Weltrekordzeit.

Der Vergleich hinkt. Schliesslich waren die damaligen Laufschuhe allen zugänglich.
Okay, dann wähle ich ein anderes Beispiel. 1968 verfügten die Amerikaner über Nagelschuhe mit ganz vielen kleinen Borsten an der Sohle und stellten in ihnen vor den Spielen viele Weltrekorde auf. Die Athleten, die nicht solche Spikes besassen, waren natürlich wenig erfreut. Was tat der Verband? Er verbot den Bürstenschuh.

Markus Ryffel in Rapperswil. Bild: Urs Jaudas.

Ist das Problem mit neuen Regeln nun behoben?
Zumindest werden Nikes Konkurrenten nun ähnliche Schuhe auf den Markt bringen. Der Zugang für alle ist damit bald gewährleistet. Aber natürlich geht die Entwicklung der Schuhe weiter. Darum ist es möglich, dass je nach Innovation die Regeln angepasst werden müssen. Ich sage nur: Wir benutzen ja auch keine Nokia-Handys mehr.

Hätte der Verband früher intervenieren müssen? Er brauchte fast dreieinhalb Jahre, bis er reagierte.
Ich habe Verständnis für seine Position. Schliesslich sind immer wieder Schuhe auf den Markt gekommen, deren Produzenten behaupteten, allein die Schuhe würden Läufer schneller machen. Aber eine solche Aussage muss man erst einmal belegen können.

Das ist beim Nike-Wurf erwiesen.
Diesen Fakt zweifle ich an. Nike ist ein Coup gelungen, zweifellos. Aber primär betreffend Marketing. Denn ich habe noch keine methodisch standardisierte Studie gelesen, die Läufer über 42,195 km schickte und schaute, ob allein der Schuh für die Zeitdifferenz sorgte.

Was wollen Sie damit sagen?
Ich glaube, dass die Nike-Schuhe tatsächlich die Laufökonomie verbessern, aber in viel geringerem Ausmass, als es Nike behauptet. Ich glaube hingegen, dass der Placebo-Effekt am meisten ausmacht, Läufer ihre Bestzeiten in den Nike-Modellen also primär darum verbessern, weil sie daran glauben, in ihnen schlicht schneller rennen zu können. Darf ich noch einen anderen Gedanken anfügen?

Bitte.
Nikes Coup bestand darin, dass selbst bei einem Ausnahmeathleten wie Marathon-Weltrekordhalter Eliud Kipchoge alle nur noch von den Schuhen reden. Aber Kipchoge ist ein moderner Athlet und investiert neben dem Ausdauertraining zum Beispiel auch enorm viel in den Kraftbereich. Marathonläufer brauchen beides. Lange aber wurden einfach nur Kilometer abgespult.

Das bedeutet?
Ich behaupte, Kipchoge ist in den letzten Jahren keineswegs einfach nur schneller geworden, weil er diesen Schuh am Fuss tragen konnte, sondern weil er schlicht ein besserer, austrainierterer Athlet wurde. Denn wir Europäer haben immer noch dieses klischierte Bild vom afrikanischen Läufer im Kopf, der aus dem Busch kommt und einfach ein bisschen rennt. Das ist falsch.

Richtig ist?
Er hat längst gelernt, nach den aktuellen Trainingswissenschaften zu arbeiten. Aber wie gesagt: Wir verfallen eher der Magie von Nikes Marketing. Dass sie darin mehrfache Olympia-Champs sind, ist wiederum unbestritten. Dazu gehört, dass sie das Angebot verknappen und damit die Strahlkraft des Produkts erst recht verstärken.

Trotzdem will jeder Athlet, der Bestzeiten jagt, einen solchen Schuh tragen.
Das mag sein. Aber ich würde entgegnen: Mit cleverem Training bezüglich Körper und Geist ist über einen längeren Zeitraum viel mehr herauszuholen als mit einem Schuhwechsel. Eines kommt noch hinzu.

Was?
Dieser Schnellermacher von Nike ist primär für Rennpferde geeignet. So wie dieser Schuh gebaut ist, kannst du nur über den Mittelfuss abrollen. Das heisst, 42'000 Schritte im Marathon ohne den Einbezug der Ferse! Der Durchschnittsläufer aber rollt wechselweise über Mittel- und Rückfuss ab.

Sie raten Hobbyläufern gar von diesem Nike-Produkt ab?
Ich würde ihn einem Durchschnittsläufer nur mit schlechtem Gewissen empfehlen. Diese Läufer verfügen gar nicht über die notwendige Kraft in der Wadenmuskulatur, damit sie den Schuh über 42,195 km folgenlos vertragen.



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Erstellt: 03.02.2020, 14:25 Uhr

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