Der Zauber des richtigen Moments

Die Bilder der Berner EM 1954 von Walter Scheiwiller prägten eine Generation von Sportfotografen.

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Wenn am Sonntag in einer Woche Viktor Röthlin im letzten grossen Rennen seiner Karriere nach 42 Kilometern ins Letzigrundstadion einbiegt, wird keine Sekunde, kein Schritt unbeachtet bleiben. Bild um Bild werden die Fotografen schiessen, den Finger auf dem Auslöser lassen und dann – hoffentlich – auf einem der tausend Bilder jenes finden, das ihn zeigt. Den richtigen Moment.

Vor 60 Jahren, als zum letzten Mal in der Schweiz eine Leichtathletik-Europameisterschaft stattfand, war die Arbeit der Sportfotografen eine andere. Sie drückten genau einmal ab. Keine Serienbilder, kein Monitor, auf dem die eben geschossenen Bilder noch einmal kontrolliert werden konnten. Nur Gefühl, Geschick, Intuition. Der eine Schuss musste sitzen.

Ein Meister dieses einen Schusses war Walter Scheiwiller. Der Zürcher Sportfotograf, heute 92-jährig, war ein Pionier seiner Branche, seine Bilder von der Leichtathletik-EM 1954 stilbildend. Fotoagenturen wiesen ihre Mitarbeiter an, sich an Scheiwiller zu orientieren. Wechselte er an einem Anlass seinen Standort, hatte er eine Schar von anderen Fotografen im Schlepptau.

Ein gutes Geschäft

Scheiwillers beste Bilder sind während der aktuellen EM im House of Switzerland auf dem Zürcher Sechseläutenplatz zu sehen; auch jene, bei denen er etwas tricksen musste. Das alte Stadion Neufeld, wo die EM 1954 stattfand, habe ein seltsames Bild für einen solchen Anlass geboten, sagt Scheiwiller heute. «Ich ­fotografierte deshalb einen 800-Meter-­Vorlauf mit Blick auf die vollbesetzte ­Gegentribüne. Das sah dann höllisch gross aus, und die ganze Welt dachte, die Europameisterschaft finde in einem ­riesigen Stadion statt.»

Scheiwillers Bilder aus Bern gingen um die Welt. Vor allem Zeitungen aus den USA und der Sowjetunion druckten die Aufnahmen. Keystone Schweiz verkaufte wie nie zuvor, «und auch für mich war es ein sehr gutes Geschäft», sagt Scheiwiller. Dass ausgerechnet die Zeitungen in Russland gute Kunden waren, erstaunt nicht. In der Zeitschrift «Sport» hiess es zum Ende der EM: «Die Bilanz ist für das westliche Europa alarmierend. Es wurde von den Staatsamateuren des Ostens regelrecht überfahren.»

Der Russe, der zu schnell war

Auch der Höhepunkt – der Marathon – wurde von einem Russen dominiert. Aber nicht gewonnen. Es ist das Bild der EM 1954, das Scheiwiller in seinem ­Portfolio fehlt. Beim Marathon unterschätzten die Organisationen Ivan Filin – als dieser zu schnell wieder im Stadion auftauchte, fehlten die Abschrankungen. Filin stiess die Helfer, die ihm den Weg weisen wollten, resolut zur Seite. Und rannte in die falsche Richtung. Er wurde Dritter.

Scheiwiller verpasste den Einlauf. ­Dafür hat er den unverhofften Sieger und Zweiten in einem denkwürdigen Moment erwischt, als sie sich, in eine Militärdecke gehüllt, ungläubig von den Strapazen erholten. Auch hier hat ihn Scheiwiller getroffen, den richtigen ­Moment.

Erstellt: 09.08.2014, 08:21 Uhr

Walter Scheiwiller

Vom 9. bis 17. August zeigt das Sport­museum Schweiz im House of Switzerland auf dem Zürcher Sechseläutenplatz Bilder aus der Karriere des 92-Jährigen.

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