Der kleine Prinz und die Wunderbahn

Seit 3 Wochen wird der Letzigrund für die EM aufgerüstet. Gar eine neue Piste wurde für den Anlass eingebaut.

Spezielle Bauten und Geräte im Letzigrund: Der Wurfkäfig entsteht, hinten rechts wird der fahrbare LED-Würfel vorbereitet. Foto: Doris Fanconi

Spezielle Bauten und Geräte im Letzigrund: Der Wurfkäfig entsteht, hinten rechts wird der fahrbare LED-Würfel vorbereitet. Foto: Doris Fanconi

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Die Arbeiter im Letzigrund sind arme Kerle! Da malochen sie an der prallen Sonne – und aus den Lautsprechern knallen ihnen stets die fünf gleichen Worte ins Ohr: «Ts, Ts, eins, zwei, drei, Test, Test.» Einer witzelt darum: «Der Anlagetester weist nicht gerade ein grosses ­Vokabular auf.» Es ist Freitagnachmittag, vier Tage vor dem EM-Start, und im ­Letzigrund siehts ein bisschen wie in ­einem überdimensionierten Kinderzimmer aus: Überall liegen Dinge herum.

Bereits heute dürfte der (Innen-)Ausbau im und ums Stadion abgeschlossen sein. Im Notfall kann der Montag noch ­genutzt werden. Am Sonntag findet ein Wettkampf statt, damit sowohl ­Anlage wie Abläufe getestet werden können. Man befindet sich also auf der Zielgeraden der Vorbereitungen. Dabei musste zum Baubeginn vor knapp drei Wochen gar eine temporäre Weitsprunganlage ­angelegt werden.

Der europäische Leichtathletik-Verband gibt vor, dass die Gruben parallel verlaufen müssen (was sie im ­Letzigrund nicht tun). Also buddelten die Arbeiter ein grosses Loch in den Rasen, legten eine Anlauf­fläche frei und hievten Stahlplatten samt Anlaufbelag darauf. Nach der EM ­verschwindet diese Installation.

«Der kleine Prinz» schwebt

Mittlerweile hat der Stadionbeschaller sein dröhnendes Gequäle erkannt. Er wechselt ins Poetische. Saint-Exupérys «Der kleine Prinz» schwebt plötzlich durch den Letzigrund. Es ist ein eher spezieller Ort für eine Hörspielaufführung.

Die feinen Töne finden bei Christian Redermayer kein Gehör. Als Gesamt­projektleiter Infrastruktur ist er mit zu ­vielen Detailfragen beschäftigt. Wie komplex die Umsetzung seines Jobs ist, zeigt sich an seiner Anstelldauer: Im Juli 2013 trat er seine Arbeit an. ­Redermayer ist studierter Wirtschafts­informatiker und arbeitete lange als IT-Projektleiter.

Grundlagen gab es für seine EM-­Arbeit nicht, weil ein solcher Anlass in der Schweiz letztmals vor 60 Jahren in viel kleineren Dimensionen stattfand – und ihm kein internationales Sport­event ­dieser Grösse in der jüngeren Schweizer Sportgeschichte als ­Vorlage hätte dienen können.

Um die Komplexität anzudeuten: ­Redermayer arbeitet mit 50 Lieferanten, die er in Ausschreibungen auswählen musste. Hinzu kommen die Vorgaben des ­europäischen Leichtathletik-Verbandes sowie der Stadt Zürich, Bewilligungsgesuche inklusive. Redermayers Team baute dann die Infrastruktur für 50 Lokalitäten auf, die aus 450 Räumen bestehen.

Hilfreiche Armee

5400 Manntage hätten Angehörige der Armee und des Zivilschutzes für die EM geleistet, rechnet Redermayer vor. Das VBS kalkulierte grosszügiger, kommt auf 6300 Manntage, wobei ebenso die eine oder andere kräftige Frau mitwirkte. Welche Zahl auch immer stimmt: Ohne die Hilfe des Bundes ­wären selbst die 12- bis 16-Stunden-Tage von Redermayer in den vergangenen Monaten ­vergebens gewesen.

Zusammen haben sie so einwandfrei gekrampft, dass der Chef ­zufrieden ­sagen kann: «Wir werden gar ein wenig vor dem anvisierten Abschluss fertig.» Für Redermayer ­endet der Job am 22. August. Dann übergibt er an die Crew von «Weltklasse ­Zürich» für das nächste Leichtathletik-Ereignis im ­Letzigrund am 28. August. Für den ­Abbau bleibt ihm und seinen Helfern nur eine Woche. Stehen lassen können sie für «Weltklasse» praktisch nichts, es braucht kein grosses Pressezentrum oder einen Abstellplatz mit 110 TV-­Containern mehr. Die Container verschwinden für «Weltklasse» in den ­Letzigrund-Bauch, wo man für die EM eine temporäre Laufbahn zum Auf­wärmen der Athleten hinstellte.

Zu einem Rennen mit der Zeit und dem Wetter wurde der Pisteneinbau. Weil sich der Juli schlechter als erhofft präsentierte, beim Erstellen der Bahn aber einige ­regenfreie Tage am Stück notwendig sind, verzögerte sich der Ablauf. Nachtschichten waren notwendig.

Konzipiert hat die Piste der Marktführer aus Schaffhausen, Conica. Die Nord­ostschweizer bauten eine «Weltpremiere»-Unterlage, deren Energieverlust beim Sprinten bis zehn Prozent geringer ausfällt als bei der Vorgängerbahn. Zehn Prozent schnellere Zeiten sind damit nicht zu erreichen – oder höchstens in der ­Fabelwelt des kleinen Prinzen.

Erstellt: 09.08.2014, 08:10 Uhr

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