Die Hartings – eine schrecklich unterhaltsame Familie

Sie sind erfolgreiche Diskuswerfer, polarisieren und verstehen sich nicht: Robert und Christoph Harting. Der eine erlebte seine letzte WM, der andere fehlte.

Pflegen eine distanzierte Koexistenz: Die Brüder Robert (l.) und Christoph Harting.

Pflegen eine distanzierte Koexistenz: Die Brüder Robert (l.) und Christoph Harting. Bild: Keystone

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Für die Eltern von Robert und Christoph Harting muss es wohl ein angenehmer WM-Wettkampf gewesen sein. Da waren für einmal keine zwei Söhne, die sich konkurrenzierten.

Keiner, der den anderen überragte. Da war nur Robert, der Ältere. Der 32-Jährige weiss schon heute, dass London seine letzte WM war. Noch ein Jahr wird er den Diskus werfen, dann ist Schluss.

Christoph Harting fehlte. Nicht wegen einer Verletzung, sondern weil er an den deutschen Meisterschaften den Diskus nicht so weit warf, wie man das muss, um sich für die WM zu qualifizieren.

Für Aussenstehende war das schwierig zu verstehen, zumal Christoph 2016 in Rio Olympiasieger geworden war. Doch eigentlich ist es nur eine weitere Episode, die beweist, dass diese Familie immer wieder überrascht. Positiv wie negativ.

Robert, der Entertainer

Robert und Christoph Harting sind die Söhne eines Diskuswerfers und einer Kugelstösserin. Beide übernehmen die Sportart des Vaters, werden Diskuswerfer. Beide sind sie talentiert, nur wird das bei Christoph erst später augenscheinlich.

Denn lange ist da nur Robert. Ein massiger, leidenschaftlicher und vor allem erfolgreicher Werfer. Er wird Weltmeister, Europameister, Olympiasieger. Sie nennen ihn den besten seines Fachs. Und einen Entertainer.

Er reisst sich seinen Anzug vom Leib, wenn er gewinnt. Er schreit. Pure Energie. Pure Unterhaltung. Auch, weil er seine Gedanken stets ungefiltert mit der Öffentlichkeit teilte.

2009 sprach er sich beispielsweise für die eingeschränkte Freigabe von Doping aus. Oder 2015, als er die Arbeit der Welt-Anti-Doping-Agentur kritisierte. Oder als er eine Nominierung zum Welt-Leichtathleten ablehnte, weil er nicht auf einer Liste mit Dopingsündern stehen wollte. So ist er, der Robert.

An der WM kracht es nicht

Aufs Alter ist aber auch er nachdenklicher geworden. 2014 bremste ihn ein Kreuzbandriss. Seither werfe er unter Stress, sagt Harting. Er könne sich nicht mehr entfalten, die mässigen Resultate belegen das. Nur ist das für ihn nicht so schlimm. «Die Verletzung hat meinen Kopf aufgeräumt», sagt er.

Früher sei er ein kleiner Junkie gewesen. «Ich fühlte mich in meinem Element. Überall Feuerwerk. Heute reicht es mir, wenn ich eine Rakete im Jahr richtig zünde», erzählte er der «Welt am Sonntag». An der WM in London kracht es nicht. Er wird Sechster.

Vielleicht hat auch Christoph Harting von irgendwo aus den Wettkampf verfolgt. Mitgefiebert hat er kaum. Denn Christoph und Robert, das sind die Gebrüder Groll, wie sie der «Spiegel» kürzlich bezeichnete. Sie mögen sich nicht, seit letztem Herbst trainieren sie nicht einmal mehr in derselben Trainingsgruppe.

In dieser Geschichte geht es aber nicht um Neid. Auch der sechs Jahre jüngere Christoph hatte seinen magischen Moment: 2016, als er doch etwas überraschend Olympiasieger wurde. Es gibt kein Ereignis, das Grund dafür wäre, dass die familiäre Verbundenheit nur auf dem Papier existiert. Offenbar funktioniert es einfach nicht. So wie das eben sein kann, wenn zwei Menschen nicht dieselben Sichtweisen teilen.

«Es ist gut so, wie es jetzt ist. Jeder für sich», sagte Christoph Harting dem «Spiegel». Doch das war nicht immer so. Es gab mal eine Zeit, da versuchten Robert und Christoph der Öffentlichkeit das zu geben, was diese wollte: die erfolgreichen, unzertrennlichen Brüder. Aber wie gesagt: Es passte nicht.

Kapriolen und Schlagzeilen

Christoph Harting ist ruhiger, nicht so vom Diskus besessen wie Robert. In einer Sache ist er seinem Bruder aber ziemlich ähnlich: Auch er polarisiert. Nach dem Olympiasieg wollte er einem Fernsehreporter weder Handschlag noch Interview gewähren. Und als die deutsche Hymne erklang, machte er Faxen.

An der Pressekonferenz sagte er dann: «Mir ist vollkommen egal, was sie über mich denken. Ich habe es bis jetzt, zwei Stunden nach dem Wettkampf, nicht geschafft, meine Familie zu erreichen, und fühle mich deshalb hundeelend.» Er sagt, was er denkt. Eine Harting-Eigenheit eben.

Dass es Christoph Harting nicht an die WM schaffte, brachte ihm auch Häme. Er habe das Training reduziert und einen Misserfolg einkalkuliert, sagt er dazu. «Shit happens.»

Weit weniger gelassen nimmt er die jüngste Geschichte, die der Boulevard über ihn veröffentlicht hat. Er soll unter Alkoholeinfluss einen Autounfall verursacht und sich gegenüber Polizisten nicht angemessen verhalten haben. «Erlogene Falschdarstellung», sagt Harting dazu.

Sie kommen nicht aus den Schlagzeilen, die Hartings. Diese schrecklich unterhaltsame Familie. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.08.2017, 11:52 Uhr

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