Die Idylle der Europameisterin

800-m-Läuferin Selina Büchel ist die Schweizer Leichtathletin der Stunde. Ihren Aufstieg und ihren EM-Titel in der Halle verdankt sie dem speziellen Umfeld im Toggenburger Vereinsleben.

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Auf dem Plakat hinter der verglasten Schulhaustür steht in fetten Wasserfarbe­lettern: «Nur noch 5 Tage». Es ist Montagabend, die Schule in Bütschwil ist längst aus, der Pausenplatz liegt ver­lassen da. Der Countdown gilt den nahenden Sommerferien. Genauso trifft er aber auf jene Frau zu, die nur einige hundert Meter weiter auf dem Sportplatz auf den Trainingsbeginn wartet. Sie hat den Namen dieser Ortschaft im Toggenburg in die Schweiz und nach ­Europa hinausgetragen: Selina Büchel vom KTV Bütschwil. Am Wochenende startet die 23-Jährige erstmals an einem Diamond-League-Meeting im Ausland. Auf das Rennen von morgen in Paris angesprochen lächelt sie und sagt wenig beeindruckt: «Speziell ist es schon. Mit Athletissima, «Weltklasse Zürich», EM und WM habe ich aber schon einige Rennen auf Weltklasseniveau bestritten.»

Wie Maria Walliser aus Mosnang

Bestritten ist untertrieben, es ist Ausdruck ihrer Bescheidenheit. Anfang März wurde Selina Büchel in Prag Hallen­europameisterin über 800 m. Nun steht sie da, vor dem Häuschen, vor dem sich ihre Trainingsgruppe langsam sammelt. Sie will ein bisschen mehr über ihr Umfeld erzählen – doch rund ein Dutzend Kolleginnen und Kollegen, alle um einiges jünger als sie, kommen ihr zuvor. Jeder Einzelne begrüsst per Handschlag Fotografin und Journalistin und nennt den Vornamen. Was soll sie da noch ­sagen? Dass es ihr in diesem Umfeld wohl sei? Dass ihr ein solcher Umgang gut tue? Überflüssig.

Also erklärt sie, dass dies ihr vorerst letzter Arbeitstag als Raumplanungszeichnerin gewesen sei, sie hat in St. Gallen eine 30-Prozent-Stelle. «Nun würde es zu viel, im Juli bestreite ich noch fünf Wettkämpfe und im August ist WM.» Und dann sagt sie, dass immer am ­Montag Vereinstraining sei und deshalb am meisten Athleten teilnähmen. Die Europameisterin im Vereinstraining? «Ja, klar! Viermal in der Woche trainiere ich mit der Gruppe, acht Trainings ­absolviere ich allein», sagt sie. Selina Büchel hat einen ungewöhnlichen Aufstieg hinter sich, an dessen Basis der Wechsel von der Läuferriege Mosnang zum KTV Bütschwil liegt, «als ich 15 war». «Moslig», wie die Toggenburger ­ihren Heimatort gleich nebenan nennen, hat neben der Läuferriege einen Seilziehclub, die Radballer und mit ­Maria Walliser eine dreifache Skiweltmeisterin. Und seit kurzem eine herausragende Mittelstrecklerin.

Es ist Punkt sieben Uhr, die Gruppe ist vollzählig, Trainer Urs Göldi gibt den Fahrplan der Woche bekannt. Wann wo trainiert wird, wer sich heute auf was konzentriert und am Wochenende an welchem Wettkampf teilnimmt. Der erste Teil ist nicht ganz unwesentlich, denn die Europameisterin über zwei Bahnrunden hat in Bütschwil gar keine 400-m-Bahn zur Verfügung. Da muss sie schon nach Wil. Aber solche Details halten Selina Büchel nicht auf. Es kommt auch vor, dass sie eine Einheit auf der Strasse läuft, einer ohne Trottoir.

Während die anderen zum Aufwärmen Basketball spielen, erhält sie ihren persönlichen Wochenplan. Vieles entspricht dem Training der anderen, ausser dass sie die Serien schneller absolviert. Urs Göldi ist nur die eine Hälfte des Gespanns, das Selina Büchel an Europas Spitze geführt hat, seine Frau ist daran ebenso beteiligt.

Das Schwierigste bei Jungen

Ihr behutsamer Umgang mit der aussergewöhnlichen Athletin hat vor einigen Jahren in der Leichtathletikszene noch für Stirnrunzeln gesorgt. Trainings­umfänge wurden infrage gestellt – und überhaupt: KTV Bütschwil? Urs Göldi sagt: «Seit 2012 betreibt sie mehr Aufwand. Das Schwierigste bei jungen ­Athleten ist doch, dass sie den Mehraufwand physisch ertragen.» Um das zu gewährleisten, intensivierte Selina Büchel vor allem auch ihr Krafttraining.

Die Besprechung dauert heute länger, das Training wird ein abgespecktes sein, denn in den vergangenen Tagen hat sie die Belastungen der vergangenen ­Wochen gespürt. «Die Achillessehne ist ein wenig gereizt, ich sollte sie nun nicht mehr allzu sehr beanspruchen», sagt die ­Athletin.

Sie geht mit der Gruppe hinüber zur Bahn, Lauf- und Sprungschule sind angesagt. Den ersten Teil macht Selina Büchel mit, auf den zweiten verzichtet sie und beobachtet die anderen. Urs Göldi hofft, dass ihre Gedanken vor Paris nun nicht zu sehr bei der Achillessehne sind, denn: «Bis jetzt musste sie in allen Rennen extrem arbeiten, vielfach von der Spitze aus. Jetzt folgen die internationalen Auftritte, in denen sie vielleicht einmal mitgetragen wird, dann könnte sie es unter zwei Minuten schaffen.» Es wäre das erste Mal, dreimal blieb sie knapp darüber, Bestzeit lief sie vor ein paar Wochen in Belgien in 2:00,14.

Während andere Leichtathletinnen den Weg ins Ausland gingen und härtere Konkurrenz suchten, hat Selina Büchel nie auch nur einen Gedanken an diese Möglichkeit verschwendet. «Ich habe mit meinem Umfeld bisher Erfolg ­gehabt, also wieso etwas ändern?», fragt sie. Im Winter war sie für ein Trainingslager in Potchefstroom in Südafrika – bei optimalen Bedingungen. «Ich dachte, die machen sicher alles anders. Aber sie machten alles genau gleich. Solch lange Reisen machen deshalb für mich keinen Sinn.»

In der Schweiz gibt es allerdings keine Läuferin auf ihrem Niveau. In Bütschwil findet sie ihre Konkurrenten derzeit in vier ­Junioren, die sie fordern. «Für mich ist das ideal», sagt sie. Und was bedeutet sie für die jungen Läufer? Ein Vorbild? «Ich bin ein Trainingsgspänli. Ja, vielleicht bin ich auch ein wenig Vorbild.»

Taktisch genügend Erfahrungen

Nach Paris wird sie allein reisen, was nichts Aussergewöhnliches ist. Als Athletin ist sie zur Selbstständigkeit erzogen worden. Und wenn Urs Göldi beschreibt, mit welcher Seriosität, Konsequenz und Konzentration sie ihre einsamen Trainingseinheiten absolviert, gerät er fast ins Schwärmen. «Wir können immer ­sicher sein, dass sie macht, was auf dem Plan steht.» Vorbesprechen wird er mit ihr, welchen Verlauf das Rennen nehmen könnte. Mittlerweile weiss sie aber selber, wie sie sich in den unter­schied­lichen Situationen verhalten soll. «Ich habe dafür genügend taktische Erfahrungen», sagt sie selbstbewusst.

Lauf- und Sprungschule sind beendet, die Gruppe schlendert zurück und wird sich nun aufteilen. Während die einen noch einen kurzen Lauf absolvieren, verzieht sich Selina Büchel noch ein Weilchen in den Kraftraum. Der gewohnte Trainingsrhythmus tut ihr ­gut, die Wochen vor der WM im August ­werden noch genug hektisch.

Erstellt: 03.07.2015, 08:45 Uhr

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