Die Kraft des Laufens

Am Sonntag starten Zehntausende zum New-York-Marathon. Laufen ist weit mehr als bloss Sport: Es fördert die Kreativität, hilft gegen Depressionen – und könnte Ursprung unserers intellektuellen Vorsprungs sein.

Wer läuft, kommt auf andere Gedanken: Morgenlauf im kenianischen Niahururu. Foto: Angelika Jakob (Keystone)

Wer läuft, kommt auf andere Gedanken: Morgenlauf im kenianischen Niahururu. Foto: Angelika Jakob (Keystone)

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New York ist das Zentrum der Marathonwelt. Wer als Läufer nicht einmal in seinem Leben in die Metropole reist, um 42,195 Kilometer durch die Strassenschluchten der Millionenstadt zu rennen, ist kein wahrer Marathonenthusiast. Darum haben sich diese Woche wieder 50'000 (darunter mehrere Hundert Schweizer) aufgemacht, ihr jährliches Fest des Schweisses und des Leidens zu feiern: Am Sonntag findet der New-York-Marathon zum 45. Mal statt. Laufen ist mit seiner Schwestern­disziplin Gehen die meistverbreitete Fortbewegungsart und bildet die Basis für beinahe alle Sportarten. Ohne sie gäbe es weder Lionel Messi noch Roger Federer oder Tiger Woods.

Die Bedeutung der natürlichsten Art des menschlichen Vorwärtskommens geht über den Sport hinaus. Sie führt zurück in die Entwicklung des Menschseins, zur Gattung des Homo. Vor 2,5 Millionen Jahren begann sein Aufstieg. Der aufrechte Gang zeichnet den Homo ebenso aus wie sein vergrössertes Gehirn. Anthropologen hintersinnen sich seit langem, wie die Zusammenhänge zwischen Fortbewegung und Hirnvergrösserung exakt zu erklären sind. Immerhin existieren Theorien.

Beine als Jagdinstrumente

Einer der prominentesten Ansätze, vorgetragen von einem Wissenschaftsteam um Dennis Bramble (Utah) und Daniel Lieberman (Harvard), fusst auf der Bedeutung des Laufens. Gemäss Bramble/Lieberman benutzten die frühen Menschen ihre Beine als Jagdgerät: Sie liefen das Wild in eine derart grosse Müdigkeit, dass es an Überhitzung starb. Im Gegensatz zu Menschen oder Pferden besitzt die Mehrzahl der Tiere keine funktionsfähigen Schweissdrüsen. Wollen sie sich abkühlen, müssen sie hecheln, sich auf dem (kalten) Boden wälzen oder sich ablecken. Die Jäger aber schreckten ihr angepeiltes Tier bei seinen Versuchen, zur Ruhe zu kommen, immer wieder auf, worauf es nach Stunden des Jagens kollabierte – und den Jägern eine Menge an Proteinen lieferte.

Weil das Wild den Jägern zumindest in der ersten Phase immer wieder entwischte, mussten sie sich auf das Spurenlesen einlassen und mögliche Verläufe der Jagd antizipieren. Damit schulten sie ihr Vorstellungsvermögen. Laufen, Planen und Proteinessen hätten das Gehirn darum gleich dreifach stimuliert, sind Bramble/Lieberman überzeugt. Im Wissenschaftsmagazin «Science» publizierten sie ihre Arbeit 2004 unter dem Titel «Endurance running and the evolution of Homo» (Ausdauerlaufen und die Entwicklung des Homo).

Wie sehr Bewegung das Hirn fordert und fördert, zeigt sich an Nichtmenschen. Roboter sind inzwischen zu vielem fähig, harmonisch-flüssig gehen wie Menschen aber können sie nicht. Stefan Schneider, Professor am Institut für Bewegungs- und Neurowissenschaft der Sporthochschule Köln, sagte gegenüber dem Wissenschaftsmagazin «Spektrum»: «Bewegung wird komplett unterschätzt; bereits einfaches Gehen bedeutet eine riesige Rechenleistung für unser Gehirn. Man kann nicht hochintensiv laufen und gleichzeitig schwierige Aufgaben lösen. Die Kapazitäten reichen nicht aus.»

Plötzlich ein Selbstläufer

Trotzdem dürfte mancher schon erlebt haben, dass er beim Schlendern, Gehen oder beim lockeren Rennen einen kreativen Schub erfuhr. Oft ergeben sich die Lösungen für Probleme beim Fortbewegen wie von selbst. Diesen Zusammenhang zwischen Körper und Geist machten sich bereits die griechischen Philosophen der Antike zunutze. Aristoteles etwa (be)lehrte seine Schüler, während er ging.

Ein Technologieweiser der Neuzeit, der verstorbene Apple-Mitbegründer Steve Jobs, unterhielt sich mit Arbeitskollegen oft beim Umherschlendern. Schriftsteller Charles Dickens wanderte täglich bis zu 30 Kilometer, weil ihn dies einerseits auf neue Ideen brachte und ihn andererseits geistig leerte. Haruki Murakami, der international bekannte japanische Autor, schrieb ein Buch über sein Leben als sportlicher Literat. Der holprige deutsche Titel lautet: «Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede.» Murakami war lange ein glühender Langdistanzläufer, ehe er sich dem Triathlon zuwandte.

Hirnforscher Schneider glaubt erklären zu können, weshalb Bewegung die Synapsen zum Zünden bringt: Gehen und Rennen stimulieren unsere Steuerzentrale für Bewegung und Koordination, motorischer Kortex genannt. Zugleich wird der präfrontale Kortex heruntergefahren. Er ist für logisches Denken und Planen zuständig. Das Hirn führe beim Rennen also eine Art Neustart durch, vergleichbar mit einem Computer, dessen Arbeitsspeicher überlastet sei. Die Folge: Wir können uns wieder besser konzentrieren und haben den Kopf für neue Ideen frei.

Regelmässige (Lauf-)Pausen fördern die Konzentration – und die Bewegung zusätzlich die Kreativität. Das glaubten bereits die alten Griechen, Untersuchungen von Psychologen der Stanford-Universität bestätigten in diesem Jahr diesen Glauben. Zwar nahmen nur 48 Probanden an der Testserie teil, womit die Resultate keineswegs repräsentativ sind – erhellend sind sie alleweil. Die Studenten mussten in einem ersten Test eine gängige Kreativitätsprüfung erst im Sitzen und dann während des Gehens auf einem Laufband ablegen. Ihre Ergebnisse waren beim Gehen um 81 Prozent besser. Im zusammenhängenden Denken hingegen schnitten sie ungleich schlechter ab, was die Erkenntnis von Hirnforscher Schneider stützt. Um zu überprüfen, ob die Umwelt die Gedankenwelt anregt, liessen die Forscher einen Teil der Gruppe auf einem Laufband in einem Raum gehen, eine zweite ausserhalb des Gebäudes. Das Resultat war dasselbe: Die Kreativität erhöhte sich bei beiden Gruppen.

Nun fragten sich die Wissenschaftler, ob sich das Gehirn bereits stimulieren lässt, wenn die Studenten auf einem Rollstuhl durch die Natur gestossen würden. Die Antwort lautete zwar ja, die Kreativität aber fiel ungleich tiefer aus als bei der Gehergruppe. Deshalb, bilanzierten die Studienautoren, sei allein Gehen der Grund für den Ideenschub. Wo das Gehen hingegen stattfindet, scheint dem Hirn egal zu sein.

Eintönigkeit kann sogar vorteilhaft sein: Man konzentriert sich nicht auf die Umwelt, wird also nicht abgelenkt. Sogenannte Marathonmönche, Gyoja genannt, nutzen diesen Ansatz bei ihrer Suche nach Erleuchtung. Laufen bildet für diese Buddhisten aus Kyoto die Basis ihres Tuns. 46'400 Kilometer müssen sie dabei innert sieben Jahren zurücklegen und harte Regeln befolgen. Eine davon besagt: Nach 100 Tagen des Laufens kann man aus dieser Reise nicht mehr aussteigen. Dolch und Seil trägt ein Marathonmönch darum stets bei sich, um sich im Notfall das Leben zu nehmen, wenn die Kraft der Beine und des Geistes versiegen. Total sind 1000 Lauftage zu bewältigen.

Die wahren Dauerläufer

Knapp 50 Mönche legten in den vergangenen 500 Jahren diesen beispiellosen Weg der Selbstfindung zurück. Letztmals gelang er einem Mönch 2010, derzeit ist ein weiterer Gyoja unterwegs. Als härtesten Teil der Prüfung bezeichnen die Bezwinger dieses Dauerlaufs nicht das Kilometerfressen, sondern das Fasten. Es beginnt nach dem 700. Tag und dauert neun Tage. Neun Tage ohne essen, trinken, liegen oder schlafen. Zwei Wächter kontrollieren den Gemarterten dabei. «Lebendiges Begräbnis» nennen die Marathonmönche diese Phase. So mancher soll in dieser Zeit gestorben sein. Wer den Prozess aber überlebt, hat seine innere Reinigung erfahren. Er ist dem Ziel des Erleuchtetseins einen entscheidenden Schritt näher gekommen. In der Geschichte dieser Marathonmönche existieren allerdings drei Männer, die zweimal einen solchen Kaihogyo durchliefen. Die schlechte Nachricht lautet also: Die Erleuchtung scheint auch nach der (einmaligen) Tortur nicht garantiert zu sein.

Die Kraft des Laufens bleibt unbestritten, weshalb sie auch zur Behandlung von psychisch Kranken gehört. Am besten nachgewiesen ist der positive Einfluss von Bewegung bei depressiven Menschen. Auch bei Angststörungen oder Demenz setzen Wissenschaftler auf Bewegung. Schon die Ärzte der Antike verordneten «Melancholia»-Patienten, also Depressiven, das Gehen an der frischen Luft. Dabei ist es in der modernen Medizin geblieben.

Adrian Suter, Leitender Arzt an der Privatklinik Hohenegg, die sich auf Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik spezialisiert hat, sagt: «Bewegung ist eine wichtige Säule bei der Behandlung von Patienten mit Depressionen – unabhängig vom Schweregrad.» Suter sagt aber auch: «Unsere Erkenntnisse sind empirisch. Wir können uns den Wirkungsmechanismus noch nicht umfassend erklären. Was wir anhand von MRI-Aufnahmen jedoch sehen: Bewegung führt dazu, dass sich die Aktivität im Hirn umverteilt, hin zu jenem Bereich, der die Gefühle steuert.»

Mittels sogenannter Blindstudien hingegen lässt sich die Kraft der Bewegung nicht nachweisen. Solche Studien bilden in der Wissenschaft jedoch die Basis für allgemeingültige Aussagen. Bei Blindstudien wissen die Probanden nicht, ob sie zur Experimental- oder zur Kontrollgruppe gehören. Man kann damit die Wirkung eines Placeboeffekts ausschliessen.

Bloss nicht ruhen

Beim Einfluss von Bewegung funktioniert dieser Ansatz nicht. Die Kontrollgruppe merkt schliesslich, dass sie sich nicht bewegt. Deshalb bleibt Ärzten zurzeit einzig der Praxistest. Er führt ­gemäss Adrian Suter zu folgender Erkenntnis: Je unsportlicher ein Depressionspatient ist, desto besser spricht er auf Bewegung an. Einem kranken Marathonläufer helfe Sport hingegen kaum mehr. Bei dieser Gruppe erziehlt man mit Entspannung die besseren Resultate. Ergotherapie, Gespräche und Medikamente komplementieren die Therapie. Weil Gehen die einfachste Bewegungsform darstellt, kommt sie bei Depressionspatienten an der Hohenegg am häufigsten zum Einsatz. Wobei bei schweren Fällen nur schon die Herausforderung besteht, sie aus dem Bett zu bringen. Für Bessertrainierte zählen auch Nordic Walking und Jogging zum Aktivierungsprogramm.

Alle diese Bewegungsformen stärken die Kranken in ihrem Selbstbewusstsein und fördern, was Spezialisten die Selbstwirksamkeit nennen. Menschen wollen dank eigener Kompetenz eine bestimmte Handlung erfolgreich selber bestreiten können. Beim Gehen oder Joggen erfahren sie diesen Mechanismus. Auch nach einer abgeschlossenen Behandlung empfiehlt Suter seinen Patienten darum, dass sie sich weiter bewegen.

Stillstehen hingegen schadet dem Körper auf Dauer. Dabei bringt wenig pro Tag viel, damit man die Kraft des Bewegens erfährt: Schon wer 30 Minuten pro Tag geht, fördert seine Gesundheit. Es bedarf also keineswegs eines Marathons in New York oder gar einer 7-Jahr-Reise wie bei den japanischen Laufmönchen.

Erstellt: 31.10.2014, 07:14 Uhr

Die Marathonmönche vom Mount Huei

Quelle: Youtube
Trailer zur TV-Dokumentation

Wovon ich rede, wenn ich laufe

Quelle: Youtube
Ein Video, inspiriert von Haruki Murakami.

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