Die Stunde des Risikoläufers

Der 22-jährige Genfer Julien Wanders war Europas Leichtathlet des Monats Februar – dank seiner Fabelzeit in Barcelona. An der WM in Valencia will er diesen Exploit heute bestätigen.

«Auch an der WM laufe ich, um zu gewinnen» – die verwegene Ankündigung passt zu Julien Wanders. Foto: Davide Agosta (Keystone)

«Auch an der WM laufe ich, um zu gewinnen» – die verwegene Ankündigung passt zu Julien Wanders. Foto: Davide Agosta (Keystone)

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Es hat ihn geehrt. Gerührt sogar. Die Mehrheit der Wählenden hat sich für den jungen Schweizer Langstreckenläufer und seine Leistung entschieden, und so wurde er zu Europas Leichtathlet des Monats Februar. Julien Wanders hat sich auf Facebook mit einem «grand merci» bei seinen Anhängern gemeldet, viele davon auch in Frankreich, er besitzt ebenso den französischen Pass. Und ganz wie es ihm entspricht, hat er dem Dank den Hashtag «moretocome» angehängt, «es wird noch mehr kommen».

Der Genfer ist am 11. Februar beim Halbmarathon in Barcelona Zweiter geworden. Zwar war damit seine Wintersiegesserie Bulle-Basel-Genf-Houilles gerissen, doch viel wichtiger als der Rang war ihm die Zeit: In horrenden 60:09 Minuten lief Wanders Europa­rekord in der U-23-Kategorie, verbesserte Tadesse Abrahams Schweizer ­Rekord um 33 Sekunden, stiess auf Platz 6 der Allzeit­bestenliste Europas und auf Rang 15 des Jahresrankings weltweit vor. Als noch nicht ganz 22-Jähriger.

Es war die Stunde seines internationalen Durchbruchs. Und von den Tagen danach sagt er, er habe sie genossen, sei glücklich gewesen, «aber dann bin ich in den Alltag zurückgekehrt, ins Training. Ich will mehr.» Alltag heisst bei ihm so viel wie: Wanders kehrte nach Kenia ­zurück, ins Hochland und Läufermekka Iten. Seit rund drei Jahren lebt er in ­bescheidenen Verhältnissen mehrheitlich dort, seit einiger Zeit in einem Zwei­zimmerhäuschen, das er gemietet hat. Am Wochenende mit der Freundin, einer ­kenianischen Lehrerin, unter der Woche allein. Dann bestimmen Training, Essen und Schlafen seinen Lebensrhythmus bis zum nächsten Wettkampf.

Vertrauen und Verantwortung

Und der steht heute an, wieder in Spanien. Wanders startet in Valencia an der Halbmarathon-WM (17.30 Uhr), es sind seine ersten grossen Titelkämpfe bei der Elite. Seine Bestzeit hat ihn in neue Sphären katapultiert, die Qualifikationszeit von 63 Minuten musste ihn nicht kümmern. Wie gross in der erweiterten Weltspitze die Leistungsdichte ­allerdings ist, weiss er längst und vermag eine einzige Zahl zu verdeutlichen: Allein 79 Kenianer hätten den Qualifikationsrichtwert erfüllt. In Valencia sind pro Land fünf Läufer startberechtigt, die Konkurrenz wird dennoch ähnlich gross sein wie an einer Cross-WM. Und trotzdem sagte Wanders unmittelbar nach seinem Exploit in Barcelona: «Auch an der WM werde ich laufen, um zu gewinnen.» Das war natürlich eine verwegene Aussage, aber Wanders steht noch immer dazu. Er ist überzeugt, dass er nur dank seiner Vollgas-vorwärts-Strategie seine bisherigen Erfolge feiern konnte. «Die beste Taktik ist für mich, zu pushen, sonst wäre ich in Barcelona nicht Zweiter geworden.»

Wanders ist über den Winter ein anderer geworden – nach einem Sommer, den er nach verpasster WM-Qualifikation auf der Bahn als «verpfuscht» bezeichnete. Marco Jäger, sein Trainer bei Stade Genève, sagt: «Früher gab er sich nach aussen selbstsicher, innerlich aber zweifelte er. Das hat sich geändert.» Dem widerspricht Wanders nicht. Er sagt: «Ich bin viel selbstsicherer geworden, ich habe Vertrauen gewonnen in das, was ich mache. Und ich habe bewiesen, dass ich ein höheres Level erreicht habe und gegen die Besten laufen kann.» Demonstriert hat er dies auch bei seinem Rekordlauf in Barcelona. Als niemand führen wollte und das Rennen ein verschlepptes zu werden drohte, übernahm Wanders die Verantwortung zusammen mit seinem Pacemaker – und wurde dafür belohnt.

«Julien wird immer der sein, der etwas probiert. Er ist auch von den Kenianern geprägt, mit denen er täglich läuft.»Marco Jäger, Wanders' Trainer

Es war ein verrücktes Unterfangen für einen, der erst den zweiten Halb­marathon bestritt. Der Schweizer hatte seinen kenianischen Freund und Tempomacher angewiesen, die Stunden-Marke anzuvisieren. «Julien ist ein Risikoläufer, er wird immer derjenige sein, der etwas probiert», sagt Jäger, der ihn seit je betreut. In dieser Beziehung sei er «auch von den Kenianern geprägt, mit denen er täglich läuft», ist er überzeugt. Wanders betont aber, er habe im letzten Jahr viel gelernt, vor allem taktisch. Auch wenn er behauptet, im heutigen Meisterschaftsrennen zähle einzig der Rang, schielt er auch auf die Zeit. Seine Trainings zeigten ihm, dass er die 21,1 km unter einer Stunde laufen kann.

Die grösste Herausforderung werden nicht die Spitzenläufer um Doppelweltmeister Geoffrey Kamworor (KEN) sein, der ankündigte, den acht Jahre alten Weltrekord von Zersenay Tadese (ERI, 58:23) unterbieten zu wollen. Entscheidend für Wanders wird sein, ob er das eigene Tempo laufen kann. «Er weiss, dass er mit den Schnellsten nicht mithalten kann, aber sein Temperament verleitet ihn manchmal doch dazu, mitzugehen», sagt Jäger. Wanders glaubt, seine Chance zu kennen: «Wenn auf Welt­rekord gelaufen wird, dann verbrennen an der Spitze einige, davon kann ich profitieren, wenn ich abwarten kann.»

Im Fokus der Dopingkontrollen

In den Top 15 des Jahresrankings ­finden sich nur drei Nicht-Afrikaner: ­Galen Rupp (USA, 31), Jake Robertson (NZL, 28) und Wanders (die andern sind heute nicht am Start). Das macht den Schweizer interessant. Bis anhin profitierte er von einem Ausrüstervertrag mit Nike, seit Anfang Jahr ist dieser ausgeweitet und zum Sponsoring geworden. Zudem ist er als wohl grösstes europäisches Talent auf der Strasse in eine 100 Läufer umfassende Gruppe aufgenommen worden, die von einer holländischen Versicherung ­gesponsert und vom derzeit stärksten Marathonläufer, Eliud Kipchoge, sowie von ­Kenenisa ­Bekele an­geführt wird.

Sein fulminanter Aufstieg ist auch den Antidoping-Gremien aufgefallen. Im Laufe des Winters ist er rund zwanzigmal ­getestet worden, allein in den drei ­Wochen vor Barcelona fünfmal – vom internationalen Verband, zweimal von Antidoping Schweiz, vom Organisator, und beim fünften Mal kann er sich nicht erinnern, wer dahinterstand; drei Tests fanden in Kenia statt, zwei in Spanien. Wanders ist damit sehr einverstanden: «In unserem Sport ist dies das Hauptthema. Für mich sind die Tests gut, ich habe nichts zu verstecken und kann ­zeigen, dass es auch ohne ­Doping geht.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.03.2018, 01:49 Uhr

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Schlumpf geht mit einer Bestzeit von 1:10:17 Stunden an den Start, die sie vor einem Jahr in Den Haag erzielte. Sie sagt: «Nach sehr gutem Training traue ich mir mehr zu, ich werde zeigen, was ich kann.» Schlumpf erwartet ein schnelles Rennen und hofft, in einer adäquaten Gruppe unterzukommen. «Das wird der Schlüssel für eine gute Zeit sein, ich vertraue meinem Tempogefühl.»Obwohl Eliteläufer, treten mit Christian Kreienbühl, Adrian Lehmann und Andreas Kempf drei Schweizer Team-Europameister ausser Konkurrenz an, ihre Bestzeiten liegen über den geforderten 63 Minuten. (mos)

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