Diese Athletinnen stehen für das Schweizer Hoch

Nie war ein Schweizer Leichtathletik-WM-Team grösser als nun in London, nie war es weiblicher: Von den 19 Selektionierten sind 16 Frauen – und ein Quartett hat Finalchancen.

Bis ans Limit und darüber hinaus: Stabspringerin Nicole Büchler (33) peilt in London ihren ersten WM-Final an. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Bis ans Limit und darüber hinaus: Stabspringerin Nicole Büchler (33) peilt in London ihren ersten WM-Final an. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

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Nun ist er da, der Saisonhöhepunkt. Der Anlauf war lang, für die meisten war er eine Tour de Suisse vom Diamond League Meeting in Lausanne über Luzern nach Bellinzona und schliesslich an die Meisterschaften in Zürich, gespickt mit Abstechern an internationale Events. Für die Jüngsten ist die WM im Queen Elizabeth Park in London das Dessert, ihren Saisonhöhepunkt ­haben sie mit der EM in den Alterskategorien schon hinter sich. Die 19-köpfige Delegation ist ein­seitig besetzt: 16 Frauen stehen 3 Männer gegenüber, ein Quartett könnte die Titelkämpfe für die Schweiz prägen und andere zu Überraschungen mitreissen.

Lea Sprunger
Die Aussichtsreichste

Sie hätte in drei Disziplinen (200 m, 400 m, 400 m Hürden) zur Dauerstarterin werden können, Lea Sprunger aber hat sich für die Hürden entschieden. Nur 8 Läuferinnen ­waren in dieser Saison schneller als die 27-Jährige, 6 aus den USA. Und jetzt ist die Rechnung schnell gemacht: Von den Amerikanerinnen dürfen nur 3 antreten, auf dem Papier zählt Sprunger also zu den Finalanwärterinnen. Um den Weg dorthin zu überstehen, hat die EM-Bronzegewinnerin von 2016 vermehrt die internationale Konkurrenz gesucht und auch im Mental­bereich zugelegt.
Montag, 20.30, 400 m H., 1. Runde

Nicole Büchler
Die Gratwanderin

Mit Olympia hat sich Nicole Büchler ­versöhnt, nach verpatzten Spielen 2008 und 2012 sprang die Bielerin in Rio auf Rang 6 und zum Diplom. An einer WM steht ihr dieser Schritt oder vielmehr Sprung noch bevor — bei ihrer fünften Teilnahme. Die Voraussetzungen sind gut, dass sie es am Sonntag in den Stabfinal schafft. Und damit ist das Ziel auch gleich genannt, das sie als erste Schweizer Diamond-League-Siegerin (Stockholm) und überwundenen Höhen von 4,65 m und 4,73 m haben muss. Wenngleich die 33-Jährige wie letztes Jahr auf schmalem Grat unterwegs ist. Zugunsten der WM verzichtete sie auf die nationalen Meisterschaften. Nur den Rücken nicht zu sehr strapazieren.
Freitag, 20.45, Stab, Qualifikation

Mujinga Kambundji
Die Vielstarterin

Im Gegensatz zu Sprunger wird Mujinga Kambundji tatsächlich zur Vielstarterin, neben den 100 und 200 m steht auch die Staffel wieder auf dem Programm. Wohl niemand im Schweizer Team findet ­alljährlich exakt beim Saisonhöhepunkt so zur Hochform wie die 25-jährige ­Bernerin. Das sei das Verdienst ihres Trainers Valerij Bauer in Mannheim, sagt Kambundji. Seit vier Jahren trainiert sie dort im «Basislager», wie sie es nennt. Schon an der EM 2014 schlug sich das in einem 4. und 5. Rang nieder; an der WM 2015 schaffte sie es in die Halbfinals und wurde 10. (200 m) und 12., ­bevor sie 2016 EM-Bronze gewann (100 m). War sie aber je stärker als jetzt? Kaum. Ihre drei schnellsten Zeiten auf der kurzen Distanz ist sie in den letzten zwei Wochen gelaufen. Und mit intensiviertem 200-m-Training verbesserte sie ihre Bestzeit in Zürich auf 22,42 – das war an den nationalen Meisterschaften. Eine WM stimuliert sie aber weit mehr.
Samstag, 12.45, 100 m, 1. Runde

Selina Büchel
Die Hallen-Europameisterin

Der 800-m-Spezialistin gelang im März, den Bogen von der erfolgreichsten EM für Swiss Athletics zur WM-Saison zu spannen: Selina Büchel gewann in Belgrad ihr zweites Hallen-EM-Gold dank viel Mut. Nun will sie endlich, was sie bisher verpasste: in einen Freiluftfinal. Sowohl in Peking 2015 als auch in Rio war sie Neunte, an der EM in Amsterdam blieb ihr der ebenfalls undankbare 4. Platz. Büchel läuft taktisch klug, sie hat Ellenbogenqualitäten, und sie ist in dieser Saison schon dreimal unter zwei Minuten geblieben. Das wird kaum ­reichen, sie muss wohl Rekord laufen (derzeit 1:57,95), um ans Ziel zu kommen. Denn mindestens zwei Finalplätze scheinen vergeben an Olympiasiegerin Caster Semenya und Francine Nyonsaba, die beide als intersexuell gelten.
Do, 10. 8., 20.25, 800 m, 1. Runde

Die Frauenstaffel
Schafft sie die Überraschung?

Zuerst zitterte sich die Frauenstaffel durch den Frühsommer. 16 Teams sind an der Weltmeisterschaft zugelassen, als 16. Team war die Schweiz Anfang Juli ­gerade noch dabei. Doch dann demonstrierten Ajla Del Ponte, Sarah ­Atcho und Salomé Kora, wie sehr sie die Rückkehr Mujinga Kambundjis ­beflügelte: In 42,53 Sekunden sprintete das Quartett in Lausanne zur viertbesten Zeit weltweit in diesem Jahr — und träumt jetzt. Vom ­Final. Von mehr? Doch wie schnell ist ein Stab verloren. Kambundji weiss es.
Sa, 12. 8., 11.35, 4x 100 m, Vorläufe

Die Jungen
Kleines Land, grosse Qualität

Angelica Moser (19, Stab), Caroline Agnou (21, Siebenkampf) und Yasmin Giger (17, 400 m Hürden): Sie alle kommen als frisch gekürte Europameisterinnen in ihren Alterskategorien an die WM, zudem Géraldine Ruckstuhl (19), die an der U-20-EM Silber gewann und den Schweizer Rekord im Siebenkampf zum 2. Mal an sich riss. Die Qualität bei den Jüngsten ist gross, die Erwartungen in sie niedrig. Vielleicht kann eine von ­ihnen vergessen machen, dass Hürdensprinterin Noemi Zbären verletzt fehlt. Auch sie wäre Teil der Schweizer Frauenpower.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.08.2017, 23:23 Uhr

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