Dopen mit allen Mitteln

Russland hat seine Sportler zum Manipulieren angehalten, sie bei positiven Proben systematisch geschützt und dafür den Geheimdienst eingesetzt.

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Keiner will verlieren. Die russischen Sportfunktionäre und -politiker aber hassten Niederlagen. Sie entschieden darum vor sechs Jahren, ein flächen­deckendes ­Betrugssystem aufzubauen, in das auch Sportler, Trainer, Anti-Doping-Kämpfer und sogar Geheimdienstmitarbeiter des Landes involviert waren.

Schliesslich wollte man 2014 die ­Winterspiele in Sotschi durchführen – und keinesfalls wie 2010 in Vancouver abfallen. Also begann Russland mit seinem Superbetrügen, das die gesamte internationale Sportwelt über fünf Jahre an der Nase herumführte, das Land in Sotschi im Medaillenranking auf Platz 1 brachte und zurück zu einer der führenden Sportnationen.

Gestern zerbröselte dieser Stolz. Eine von der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) eingesetzte Taskforce stellte in Toronto nämlich ihren knapp 100-seitigen, ­erschreckenden Bericht vor. Im Mai war sie von der Wada eingesetzt worden, weil US-­Medien von angeblich flächendeckender russischer Manipulation in Sotschi berichtet hatten. Sie bezogen sich dabei auf Informationen von Grigori Rodschenkow, dem langjährigen Leiter des Anti-Doping-Labors von Moskau und Chef des Labors von Sotschi.

Die drei Haupterkenntnisse der Taskforce gehen weit darüber hinaus, sie ­lauten: 1. Das Moskauer Labor filterte alle positiven Dopingproben russischer Sportler heraus und vertuschte sie. 2. Das Labor in Sotschi tauschte Proben russischer Olympiamitfavoriten aus, damit sie auch während der Spiele dopen konnten. 3. Das Sportministerium führte und überwachte sämtliche Manipulationen in den Labors von Moskau und ­Sotschi, mithilfe des Geheimdienstes FSB und des Trainingszentrums der ­russischen Nationalteams.

Die dreisten Betrüger

Wie unverfroren die Russen agierten, ist im Bericht auf vielen Seiten festge­halten. Zwei Beispiele: Im Labor von Sotschi bezog der FSB quasi Tür an Tür mit den russischen Anti-Doping-Kämpfern, ihren internationalen Überwachern und dem Internationalen Olympischen Komitee ein Zimmer – natürlich nicht in seiner vorgesehenen Rolle, sondern als Mitarbeiter des Baukonzerns Bilfinger getarnt, der den Unterhalt des Labors betrieb. Und: Als der russische Sport ­bereits 2015 von einer ersten Wada-­Taskforce untersucht wurde, hielt er die Manipulationen auf Druck des Sport­ministeriums aufrecht. Denn eines ­offenbart dieser Bericht ebenfalls: Wer sich als Sportler dem ­Betrug verweigern wollte, wurde kalt­gestellt, erhielt ­keinen Zugang mehr zu Trainern und ­Infrastruktur.

Dass sich die Taskforce bei ihren ­Ergebnissen wesentlich auf Informationen von Grigori Rodschenkow stützte, kritisierte die russische Seite. Ihr Hauptargument: Wie kann man einem geständigen Betrüger glauben, der nach seiner Entlassung 2015 in die USA übergelaufen ist? Richard McLaren, der Kopf der Taskforce, hatte überzeugende Gegenargumente. Rodschenkow hatte erklärt, der Geheimdienst habe es ­geschafft, die als aufbruchsicher geltenden Proben­behälter in Sotschi zu öffnen, ­damit er den kontaminierten Urin gegen sauberen habe austauschen können. Tatsächlich stellte das McLaren-Team an den entsprechenden Fläschchen, die sich Rodschenkow notiert hatte, Manipulationsspuren fest.

«Die Ergebnisse des Berichts sind beispiellos und erschreckend.»IOK-Präsident Thomas Bach

Um eine ähnliche Dichte wie bei den positiven Urinproben zu erreichen, fügte Rodschenkow dem sauberen Urin Salz zu. Bei der Wiederanalyse dieser Kontrollen durch die Taskforce ergab sich: Der Salzgehalt übertraf ­normale Mengen deutlich. Die Proben mussten folglich gepanscht sein. Ob sich, wie im Mai von den US-Medien berichtet, in Sotschi 15 russische Medaillengewinner ­unter den Betrügern befanden, konnte McLaren nicht sagen. Man habe sich unter dem Zeitdruck grundsätzlich nicht auf Details konzentrieren können.

Bloss 57 Tage konnte seine Equipe den Vorwürfen nachgehen. Weil bereits in rund zwei Wochen die Olympischen Spiele in Rio anstehen, blieb nicht mehr Recherchezeit. McLaren sagte darum: «Wir haben uns aufs Wesentliche ­beschränkt. Viele unserer gesammelten Daten müssten für eine umfassendere Einsicht noch analysiert ­werden.» ­Dennoch zeigt eine im Taskforce-Bericht aufgeführte Kontrollstatistik des Moskauer Labors, dass Athleten aus vielen Winter- und vor allem auch Sommersportarten in den Betrug involviert ­waren. Diese Informationen bringen das Internationale Olympische Komitee als Hüterin der Spiele unter Zugzwang.

Der betroffene IOK-Präsident

IOK-Präsident Thomas Bach urteilte ­darum: «Die Ergebnisse des Berichts zeigen einen erschreckenden und beispiellosen Angriff auf die Integrität des Sports und der Spiele.» Er wird heute mit seinen Funktionärskollegen beraten und allenfalls erste Entscheide kommunizieren. Wie das IOK auch immer befinden wird: Jedes Urteil muss vor dem Start der Spiele vor dem Internationalen Sportgericht angefochten werden können. Dem olympischen Sport stehen hektische Zeiten bevor, weil Russland den Erfolg mit allen Mitteln vorantrieb.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.07.2016, 23:07 Uhr

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