Doping-Schlagzeilen als Quotenrenner

Die ARD belegt in einer faktenreichen Dokumentation, wie dopingverseucht Teile der Topleichtathletik sind – und lässt dabei unerwähnt, dass viel davon seit Jahren vorliegt. Darum leidet die Glaubwürdigkeit aller Beteiligten.

Gesperrt wegen Epo-Missbrauchs: Die Kenianerin Rita Jeptoo. Foto: Keystone

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Selbst als Berichterstatter über Doping erschrak man ob des Inhalts: «Es sind Daten, die die Leichtathletik erschüttern dürften. Eine interne Datenbank des Weltverbandes zeigt, wie Doping den Spitzensport durchsetzt. Sie enthält tausende auffälliger Blutwerte – auch von zahlreichen Goldmedaillengewinnern.» Hajo Seppelt, der bekannteste Anti-Doping-Rechercheur deutscher Zunge, schrieb dies begleitend zu seiner neusten Doku mit dem Titel «Geheimsache Doping: Im Schattenreich der Leichtathletik». Sie wurde am Samstag auf ARD gezeigt.

Darin geht es unter anderem darum, dass Seppelt einen Datenstick anonym zugeschickt bekommt. Darauf sind 12'000 offizielle Bluttests von rund 5000 Leichtathleten aus den Jahren 2001 bis 2012 enthalten. Weil er diesen Informationswust nicht alleine bewältigen will, lässt er sich von erfahrenen Kollegen der britischen «Sunday ­Times» helfen. Sie kommen zum Schluss: Jeder siebte Leichtathlet weist einen verdächtigen Blutwert auf, ist also mit grosser Wahrscheinlichkeit einmal in seiner Karriere gedopt gewesen. Und: Extrem auffällig sind viele Werte von Russen und Kenianern.

Alte Daten aus Lausanne

Spätestens an dieser Stelle müsste Seppelt auf eine Studie der Doping­bekämpfer von Lausanne hinweisen, die diese vor vier Jahren publizierten. Alle seine Aussagen liegen schon im Lausanner Papier vor. Das deutsch-­britische Gespann kommt bei seiner Analyse auf den gleichen Durchschnittswert an gedopten Leichtathleten: 14 Prozent. Diese Zahl ist erschreckend (hoch), aber alt. Seppelt kennt die Studie, er hat sich mit dem Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Journalisten darüber kurz ausgetauscht.

Über die Recherche-Ergebnisse zeigt sich die Welt-Anti-Doping-Behörde Wada entsetzt, wie sie in einem Statement mitteilt. Denn Seppelt kann – zum wiederholten Mal – riesige Dopingprobleme in Kenia sichtbar machen. So dürfte wohl die Hälfte aller kenianischer Läufer, die an den Olympischen Spielen von 2012 eine Medaille holten, mindestens einmal gedopt gewesen sein. Zudem muss man davon ausgehen, dass jede dritte WM- und Olympiamedaille zwischen 2001 und 2012 im Gehen und Laufen (800 m bis Marathon) an Athleten ging, die mindestens einmal betrogen.

Dass die Wada auf Seppelts Bericht alarmiert reagiert, sorgt bei manchem renommierten Anti-Doping-Experten für Irritation und Unverständnis. Die Wada weiss zumindest teilweise um diese Probleme. So beteiligt sie sich seit Jahren daran, eine nationale Anti-Doping-Behörde in Kenia aufzubauen. Die Gründe für ihr Engagement: Seit einigen Jahren sind Doper im Land der Läufer dokumentiert, auch dank der Arbeit von Seppelt. Die Experten fragen sich also: Wie kann die Wada über etwas entsetzt sein, das sie selber untersucht und kennt?

Auch von Seppelts Vorgehen sind sie irritiert. Er lässt die überführte kenianische Topmarathonläuferin Rita Jeptoo in der Dokumentation sagen, im eigenen Land seit 2006 nie mittels Blutentnahme kontrolliert worden zu sein. Jeptoo war 2014 wegen Epo-Missbrauchs für zwei Jahre gesperrt worden. Was Seppelt wissen müsste: Zwar existiert seit diesem Januar auf dem Papier eine kenianische Anti-Doping-Behörde, funktionstüchtig aber ist sie noch nicht. Darum begründete der Leichtathletik-Weltverband wiederholt, bei Kenianern rund um die Meetings in Europa das Blut zu testen. Dass bislang keine Anti-Doping-Behörde in Kenia arbeitet, ist keine Neuigkeit. Dies bedeutet mit anderen Worten auch, dass Jeptoo von eigenen Leuten gar nie mittels Blutwerten hätte überführt werden können.

Kenias harsches Selbsturteil

Man kann diesen fast schon inexistenten Anti-Doping-Kampf in Kenia in einem 96-seitigen Bericht einer Taskforce des kenianischen Sport­ministeriums nachlesen. Sie war nach einem Beitrag von Seppelt aus dem Jahr 2012 gegründet worden. Der Journalist vermochte damals zu zeigen, wie problemlos man im Land an den Schnellmacher Epo herankommt und wie er auch von Athleten benutzt wird. Die Taskforce publizierte ihren Bericht im Herbst 2014. Ihre Kernaussage: «Die kenianische Strategie bezüglich Antidoping ist dürftig, ohne Details und vermag den Geist des internationalen Dopingkampfs nicht zu fassen.»

Das heisst mit anderen Worten aber auch: Diese neusten ARD-Erkenntnisse werden die Leichtathletik keineswegs erschüttern. Dass der Traditionssport nämlich ein teilweise massives Dopingproblem hatte, hat und wohl auch haben wird, ist hinlänglich dokumentiert – auch vom Weltleichtathletik-Verband IAAF. Er generierte die besagten Daten schliesslich. Brüstet er sich darum damit, eine der modernsten Anti-Doping-Kampagnen zu fahren, muss man ihm misstrauen. Zu viele Male ist er mit Wegschauen aufgefallen.

Denn die IAAF vermag gerade ein Prozent der Athleten zu überführen. Dabei hat Seppelt nun bestätigt, dass die Zahl der Gedopten eher bei 14 Prozent liegen dürfte. Nur: In der Dopingverbreitung mag die Leicht­athletik überdurchschnittlich stark betroffen sein, im Mittel werden aber auch in keiner anderen Sportart mehr als dieses eine Prozent an Athleten erwischt – obschon die Dunkelziffer vielerorts deutlich höher liegt.

Zum offensichtlichen Versagen vieler Sportverbände kommt folglich eine weitere Komponente hinzu, die matchentscheidend im Anti-Doping-Kampf ist: der aktuelle Stand der Forschung und der Technologie. Als Beispiel dient die Dokumentation von Seppelt. Er bezieht sich auf Blutwerte der Jahre 2001 bis 2012. Erst seit 2009 kennen die Leichtathleten – die zweiten nach den Radfahrern – jedoch den sogenannten Blutpass. Anhand eines für jeden Athleten erstellten individuellen Profils kann die Wahrscheinlichkeit einer Manipulation festgestellt werden. Es bedarf also nicht mehr zwingend Tests, um Sportler zu überführen.

Bolt und Farah unverdächtig

Wirklich funktionieren und vor den Gerichten bestehen tut der Blutpass bei den Leichtathleten erst seit 2011. Das heisst mit anderen Worten, dass die Anti-Doping-Jäger kaum eine Chance hatten, diese betrügerischen Leicht­athleten zwischen 2001 bis 2012 über den Blutpass zu erwischen. Insofern verdeutlicht diese ARD-Dokumentation ein weiteres Mal, wie unzulänglich der Anti-Doping-Kampf (noch) ist.

Was die ARD unerwähnt liess, die «Sunday Times» aber publizierte: Die Blutwerte der einzigen momentanen Superstars der Leichtathletik, Usain Bolt und Mo Farah, waren unverdächtig. Für eine fette Schlagzeile ist diese Information scheinbar zu wenig gut.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.08.2015, 21:56 Uhr

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