Einarmig dem Sommer entgegen

Triathlon-Olympiasiegerin Nicola Spirig musste nach ihrem Unfall kreativ in der Trainingsgestaltung werden.

Keine Zeit für Warteschlaufe: Nicola Spirig lässt sich von Ehemann Reto Hug ihre verletzte Hand fürs Training vorbereiten. Foto: Urs Huwyler

Keine Zeit für Warteschlaufe: Nicola Spirig lässt sich von Ehemann Reto Hug ihre verletzte Hand fürs Training vorbereiten. Foto: Urs Huwyler

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Sie flog durch die Luft, stürzte auf Hand und Schulter. Innert weniger Sekunden wurde am Sonntag vor zwei Wochen die Planung von Nicola Spirig über den ­Haufen geworfen. Eigentlich hätte jenes WM-Serie-Rennen in Abu Dhabi als Standortbestimmung hinsichtlich Olympia dienen sollen. Aber ab dem ­Moment ihres Sturzes auf der Rad­strecke zählte nur noch die Gegenwart.

Spirig reagierte intuitiv: Sofort wieder auf die Beine kommen, überprüfen, ob noch alles im Körper funktioniert. Kann ich das Rennen fortsetzen? Das Velo wieder fahrtüchtig kriegen? Weiterrennen, ­weiterkämpfen?

Es ging nicht. Die Schmerzen in der Hand waren zu gross. Die 34-Jährige musste zwei Stunden operiert werden. Der Handspezialist brachte drei Metallplättchen zum Stabilisieren der gebrochenen Knochen ein.

Nun schwirren die Fragen herum: Wie geht es Spirig heute? Wie hat sich ihre ­Gedankenwelt verändert seit diesem ­Unfall? Wo steht sie? Mit welchen Gefühlen denkt sie an Rio de Janeiro, wo sie Mitte August ihren Olympiasieg zu verteidigen hofft?

Überraschungen à la Sutton

Spirig sagt: «Olympia ist zwar präsent, aber nicht im Zentrum.» Die Distanz ist gewollt. Dass es keine fünf Monate mehr dauert bis zum Tag x an der Copacabana, dem wichtigsten Rennen seit ihrem Triumph in London, schiebt sie beiseite. «Was in fünf, drei, zwei Monaten sein wird, ist jetzt nicht entscheidend. Jetzt zählt der Augenblick», sagt die Zürcherin. Sie will ihre ganze Energie für die Heilung der Ver­letzung aufwenden.

Dass sie dabei eine erstaunliche Ruhe begleitet, führt sie auf die Erfahrungen aus ihrer Karriere zurück, auf frühere Verletzungen: die fünf Ermüdungs­brüche, eine hartnäckige Entzündung im Knie, einen Rippenentzündung. «Auch wenn jede Heilung anders verläuft, Geduld ist immer erforderlich», sagt sie. Früher fiel ihr der Umgang mit solchen Rückschlägen schwieriger.

Entscheidend ist nun, dass sie die richtige Balance findet. Ihre vorzügliche Verfassung zum Zeitpunkt des Unfalls will sie nutzen, darauf aufbauen. «Den Körper in Schwung halten, ihm aber Ruhe für die Regeneration lassen», so nennt Spirig den Kern ihres aktuellen Trainings. Mit Coach Brett Sutton befindet sie sich in noch regerem Austausch als üblich. Nie weiss sie, wie der nächste Tag ausschauen wird. Spannend findet sie diesen Prozess und die Frage nach dem Wie-weiter. In dieser heiklen Phase schenkt sie Sutton volles Vertrauen.

Spirig trainiert reduziert – zwei Mal statt drei Mal am Tag. Weniger intensiv und mit mehr Hilfsmitteln. Um die Wund­heilung nicht zu gefährden, schwamm sie die letzten beiden Wochen nur einarmig – mit Konzentration auf den Beinschlag. Ab dieser Woche ist sie mit Paddles im Hallenbad unterwegs und benutzt wieder beide Arme. So schont sie Hand wie Schulter, bei der sie Schürfungen und einen Haarriss des Knochens davongetragen hatte. Und «um die Beine in hoher Kadenz spulen zu lassen, den Puls aber dennoch im tiefen Bereich zu belassen», bedient sie sich wie schon vor der Leichtathletik-EM vor zwei Jahren eines Anti-Schwerkraft-Laufbands. Dieses sorgt dafür, dass die Wucht des Aufpralls auf den Boden ­abgefedert wird. Bei den Velo­einheiten auf dem ­Ergometer fühlt sie sich am ­wenigsten eingeschränkt.

Nicht mehr dem ursprünglichen Plan entspricht auch der Trainingsort: St. Moritz statt Cran Canaria. «Vom ­Höheneffekt profitiere ich, auch wenn ich nichts tue», sagt sie.

Neue Taktik für Rio?

Dass sie die Gedanken an die Zukunft nicht ganz ausgeblendet hat, beweist eine Frage, die sie sich in diesen Tagen stellt: «Kreieren Brett und ich für Olympia eine neue Taktik oder bauen wir ­weiterhin auf das bisherige Szenario?» Oder anders gefragt: Verschiebt sich in den nächsten Wochen und Monaten die Priorität vom Schwimmen zum Laufen? Ihr Weg wird Spirig nach Rio führen, doch die Route ist noch ungewiss.

Erstellt: 21.03.2016, 23:07 Uhr

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