Erst Notoperation am Darm, nun Königin

Hochbegabt und druckresistent: Géraldine Ruckstuhl ist erst 19, aber im komplexen Siebenkampf bereits Rekordhalterin.

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Der Tisch liegt im Schatten alter Bäume auf der Luzerner Allmend, Géraldine Ruckstuhl ist hier, in der Pilatus Akademie, zur Schule gegangen. Es war eine «Talent school», Schule kombiniert mit Praktikum. Man muss es in der Vergangenheitsform ausdrücken, denn am Dienstag beginnt ihre Lehrabschlussprüfung zur Kauffrau. Vier Tage sind vergangen seit ihrem Coup am international bestbesetzten Mehrkampfmeeting in Götzis am letzten Wochenende. Es waren spezielle Tage, «mit so vielen Gratulationen». Die 19-Jährige kommt eben aus der Massage, die Kältekammer, wo sie bei minus 110 Grad zweieinhalb Minuten zur Förderung der Durchblutung schlotterte, hat sie schon am Dienstag hinter sich gebracht.

Die neue Königin der Schweizer Leichtathletik in sieben Kapiteln.

Das Bewegungstalent

Hürden, Hoch, Kugel, Sprint, Weit, Speer, 800 m – die einen können werfen, die anderen springen, die dritten sprinten, und die Stärke zumindest einiger ist die Ausdauer. Géraldine Ruckstuhl aber, sie kann alles. Sie ist ein Bewegungstalent, 1,75 m gross, rund 64 kg schwer, sie sagt: «Ich wäre auch gern Handballerin oder Volleyballerin geworden. Ich kann eigentlich alles recht gut.»

20Zentimeter des Dünndarms mussten ihr nach dem Hürdensturz 2016 entfernt werden. Der menschliche Dünndarm ist 3 bis 5 m lang

Als Kind hat sie geturnt, zu Hause im STV Altbüron im Luzernischen. Als sie aber als 9-Jährige den Kantonalfinal eines Förderwettbewerbs für Leichtathleten gewann, war es um sie geschehen. «Die Leichtathletik gefiel mir viel besser, weil man immer draussen ist. Ich bin ein Naturmensch», sagt sie. Rolf Bättig wurde ihr Trainer – und ist es heute noch. «Ich musste kein Prophet sein, um zu sagen, dass sie ein Talent ist», sagt er. Nur acht Jahre später wurde sie in Kolumbien Mehrkampf-Weltmeisterin in der U-18-Kategorie, nun ist sie Schweizer Rekordhalterin im Siebenkampf. Bättig schmunzelt. «Ich habe mich nicht getäuscht.»

Der Exploit

Es war auch im Vorarlbergischen heiss am letzten Wochenende, und es ging nicht um einen Sprint in elf Sekunden, sondern um einen Siebenkampf verteilt auf zwei Tage. Götzis ist das Mekka der Mehrkämpfer, «wenn du nach Götzis kannst, musst du gehen. Das ist eine grosse Ehre, einen Wettkampf mit den eigenen Vorbildern zu bestreiten», sagt Ruckstuhl. Sie war erstmals da, begleitet vom Trainer und vom Vater. Mutter, Schwester und Bruder verfolgten das Geschehen im Livestream.

58,31Meter weit warf Géraldine Ruckstuhl den Speer – Schweizer Rekord. Sie ist bei den U-20-Spezialistinnen damit die Nr. 2 weltweit

Es entwickelte sich der leistungsmässig beste Siebenkampf je, angeführt von der Belgierin Nafissatou Thiam. Drei Athletinnen erreichten mehr als 6800 Punkte – eine Premiere. Und zuletzt stand die junge Schweizerin im Fokus, die es mit 6291 Punkten auf Platz 12 geschafft hatte: Sie wurde zum «Rookie of the year» gekürt, dem besten Neuling. Nach dem Speerwurf auf 58,31 m, der zweitbesten Tagesweite und nationaler Bestleistung, habe sie gedacht: «Wow, jetzt ist der Exploit möglich.» Die Folge des aussergewöhnlichen Tages: Stau bei der Dopingkontrolle. «So viele hatten Rekorde erzielt, alle mussten getestet werden, ich wartete fünf Viertelstunden.»

Der Glücksfall

Ruckstuhls Glück ist ihr Verein. Sie ist im Kleinen und in vertrauten Strukturen gross geworden, ähnlich wie die zweifache Hallen-Europameisterin Selina Büchel im KTV Bütschwil oder WM-Hürdenfinalistin Noemi Zbären im SK Langnau. Rund 250 Mitglieder hat der STV Altbüron, er bietet allen etwas. Ruckstuhl lächelt ein wenig verlegen und sagt: «Ausser zweimal Kraft und einmal Ausdauer trainiere ich eigentlich gar nicht da.» Sie sei dreimal wöchentlich im noch kleineren Nachbardorf Grossdietwil. Der Grund ist einfach: «Da gibt es eine 100-m-Bahn und einen Platz daneben.»

7Paar Schuhe brauchte sie für ihren Siebenkampf-Rekord – plus Laufschuhe fürs Ausdauertraining

Gefehlt hat es ihr bis anhin an nichts, zumal sie auch dreimal auf der Allmend in Luzern anzutreffen ist. Vom «optimalen Setting» spricht nicht nur ihr Trainer, sondern auch Peter Haas, Leistungssportchef von Swiss Athletics. Es ist das Setting der kurzen Wege.

Der Horrorsturz

Selbstverständlich ist es nicht, dass Ruckstuhl noch Sport treibt. Bei einem üblen Sturz rammte es ihr Anfang März 2016 eine Hürde in den Unterleib. Die Athletin verletzte sich äusserlich nicht, innerlich aber umso schlimmer. Entdeckt wurde das jedoch erst am nächsten Tag – Notoperation. Sie litt an innerlichen Blutungen, 20 cm des Dünndarms mussten entfernt werden.

Ruckstuhl verlor in zwei Wochen 10 Kilogramm, natürlich auch Muskelmasse. Doch es entspricht ihrem Charakter, dass sie möglichst schnell mit einem Sportpsychologen das Drama aufarbeiten wollte. Nichts sollte davon zurückbleiben und in Zukunft zur Hypothek werden. Vier Monate später wurde sie an der U-20-WM Siebte mit dem Speer, im September hatte sie den Wiederaufbau geschafft. Nur das ist geblieben: das Vertrauen in den Sportpsychologen. «Nicht, dass ich ein Problem hätte», betont sie, «aber es ist gut, mit jemandem reden zu können. Es ist ein anderes Gespräch als mit dem Trainer.»

Der Teilzeit- und Vollprofi

Als klassischen «Feierabend»-Trainer im STV Altbüron bezeichnet sich Rolf Bättig, ein einstiger Zehnkämpfer. Mitgewachsen sei er mit der Athletin, die Betreuung entspreche mittlerweile aber «einem 20- bis 25-Prozent-Job» inklusive Planung, Koordination und Organisation. Von den 15 Stunden Training wöchentlich übernimmt Terry McHugh den Speerwurf. Der Ire, mehrfacher Olympiateilnehmer, ist Speer-Nationaltrainer im Verband und arbeitet seit rund vier Jahren mit Ruckstuhl jeweils auf der Luzerner Allmend.

15 000Franken beträgt die Unterstützung von Swiss Athletics jährlich – und deckt damit einen Teil der Kosten

Es ist Ruckstuhls liebstes Gerät, ihre Paradedisziplin – und die einzige, die sie jede Woche trainiert. «Ansonsten legen wir Schwerpunkte fest», sagt Bättig. Wie zielstrebig Athletin und Trainer sind, verdeutlicht ihre Heimfahrt von Götzis. Nicht der Coup war das Thema, sondern was man im Weitsprung verbessern könnte.

Die Weltklasse-Note

Ruckstuhl zählt im Schweizer Verband zu den «World Class Potentials», jenen neun Athletinnen und Athleten, denen Leistungssportchef Haas eine «Sonderbegabung» attestiert, denen er den Aufstieg auf Weltklasseniveau zutraut. Speziell beeindruckt ist er von Ruckstuhls Umsetzungsgabe. «Das geht bei ihr enorm schnell.» Trainer Bättig spricht von anderen Stärken wie dem enormen Willen und ihrer Winner-Mentalität. «Immer, wenn es wichtig ist, zeigt sie das Beste. Das ist eine Qualität, die man nicht erlernen kann.»

«World Class Potential» bedeutet, dass Ruckstuhl vom Verband mit jährlich 15 000 Franken unterstützt wird, was einen Teil ihrer Kosten deckt. Es ist Geld, das gezielt für Trainings, Lager und die Trainerweiterbildung eingesetzt wird. Separat finanziert werden vom Verband Wettkämpfe und Reisen wie an die U-20-EM in Grosseto im Juli oder an die WM in London im August. Für Ruckstuhl kommt nun eine achte Disziplin hinzu: die Sponsorensuche.

Der Teenager

Schule, Praktikum, Siebenkampf – und der Tag hat nur 24 Stunden. Ruckstuhl sagt, sie habe viele Freundinnen und Kolleginnen ausserhalb des Sports, «aber im Sommer fast keine Zeit für sie». Das nehme ihr zum Glück niemand übel, alle wüssten, dass es wieder Winter werde. «Manchmal denke ich schon, es wäre schön, nicht alles durchplanen zu müssen», sagt sie ein wenig sehnsüchtig, schiebt den Gedanken aber auch gleich wieder beiseite.

Auf der Trainingsachse Luzern– Altbüron, auf der auch ihr Arbeitsort Menznau liegt, ist sie meist mit dem ÖV unterwegs. Ist das nicht möglich, «darf ich auch einmal Mamis oder Papis Auto benutzen», sagt sie. Nach den Prüfungen, der EM und WM beginnt für Ruckstuhl ein neuer Abschnitt. Sie freut sich darauf, denn mit der Spitzensport-RS ab Oktober profitiert sie in Magglingen von noch kürzeren Wegen. Sie spricht von der Berufsmatura, von Olympia 2020, und es wird klar: Sie wird wie immer, wenn etwas vorbei ist, nicht mehr zurückschauen. Nur vorwärts, und neue Ziele anvisieren. Höhere. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.06.2017, 07:55 Uhr

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