«Frauen laufen anders als Männer»

Als Veranstalter des Zürich Marathon und des Silvesterlaufs prägte Bruno Lafranchi die Laufszene von Zürich über 25 Jahre. Sein Rückzug im Dezember war abrupt, der Grund tragisch.

Er ist stolz auf das Gefährt, das älter ist als er: Bruno Lafranchi (63). Foto: Urs Jaudas

Er ist stolz auf das Gefährt, das älter ist als er: Bruno Lafranchi (63). Foto: Urs Jaudas

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Sind Sie heute schon gelaufen?
Nein, ich war mit dem Rad unterwegs. Ich bin früh aufgestanden, habe meine Lebenspartnerin wegen eines kleinen Eingriffs ins Spital gebracht, dann bin ich gut zwei Stunden ausgefahren.

Hat das Radfahren das Laufen ersetzt?
Ja. Mit über 130'000 gelaufenen Kilometern kenne ich es. Zudem spukt es ab und zu in der Wade, ein kleiner Kollateralschaden. Zwei, drei Kilometer zum Krafttraining und wieder nach Hause laufe ich noch, beim Velofahren habe ich keine Beschwerden.

Und es fehlt nichts?
Als ich anfing, Anlässe zu organisieren, hatte ich denselben Leistungsgedanken wie beim Laufen. Den Ehrgeiz konnte ich dann dort befriedigen. Als Läufer wollte ich so schnell wie möglich sein – für mich, für niemanden sonst. Als OK-Präsident des Silvesterlaufs und des Marathons war mein Ehrgeiz ein anderer: Ich wollte den Laufenden einen tollen Anlass bieten, an dem sie Freude haben, die Ziele erreichen können. Speziell beim Marathon.

Wieso dort speziell?
Weil jeder, der dort startet, ein ambitionierter Läufer ist. Es war jeweils eine Riesenbefriedigung, im Ziel zu sehen, was emotional abgeht. Beim Silvesterlauf war es anders, dort reagierten die Kinder am emotionalsten. Mir wird ein Bild von einem Buben bleiben, Typ hundert Prozent unsportlich. Zuletzt hatte er die Medaille in den Fingern, starrte sie an, war der glücklichste Mensch, als ob er Olympiasieger geworden wäre. Da wurde mir bewusst: Wahnsinn! So muss es sein.

Am Sonntag findet der Marathon zum 17. Mal statt – ohne Sie. Sie verkauften ihn vor eineinhalb Jahren. Was brachte Sie dazu, ihn 2002 zu gründen?
Die Idee war viel älter, wir studierten schon 1998 daran herum. 1999 wurde sie konkret. Ich war auf Hawaii in den Ferien und bekam einen Anruf, dass wir eine erste Sitzung hätten mit der Stadt. Ich reiste sofort heim. Danach brauchten wir noch drei Jahre bis zum Ja der Stadt. Es waren schwierige Verhandlungen und ein lehrreicher Prozess für alle. Wir wurden dann von Anmeldungen überschwemmt.

Die Zeit war also reif dafür?
Überreif!

Die ersten Jahre boomte er und hatte bis zu 7500 Teilnehmer, dann ging es abwärts. Wieso?
Man läuft nicht immer den gleichen Marathon, es wird langweilig. Am Anfang entlud sich der Stau jener, die schon lange darauf gewartet hatten. Und nach zwei-, dreimal Zürich Marathon wurden sie uns untreu. Nicht, weil wir schlecht waren, sondern weil sie anderswo hinwollten.

2018 starteten in Zürich noch rund 2200 über 42 Kilometer, am Jungfrau-Marathon hingegen über 4000. Wie erklären Sie sich das?
Den Jungfrau-Marathon kann man als Erlebnis-Marathon verkaufen. Viele Schweizer sind aber auch dort nicht mehr dabei. Marketingtechnisch ist es einfach: Berlin zeigt das Brandenburger Tor und alle Welt weiss: Berlin. Paris zeigt den Eiffelturm, New York ist sowieso eine andere Nummer, London bringt die Tower Bridge. Was zeigt Zürich? Bereits im Aargau wissen sie nicht mehr, was das Grossmünster ist.

Es laufen immer mehr Frauen, die Anteile wachsen enorm.
Je kürzer die Distanz, desto mehr. Frauen laufen anders als Männer. Männer gehen einfach an einen Marathon, das kann ich! Sie sind mal in der RS 50 km marschiert. Und auch wenn sie wie ein Zombie ins Ziel kommen und erbrechen, den Wolf haben – egal. Das gehört dazu! Es war geil. Ganz anders die Frauen. Sie lesen sich ein, überlegen sich, wie sie laufen wollen – Frauen kommen schön ins Ziel.

Haben Sie es verpasst, die Frauen gezielter zu bewerben?
Das ist schwierig. Hat man einen Frauenanteil von 20 Prozent, sind das bei 3000 Laufenden 600. Will ich den Anteil um einen Viertel steigern, sind das erst 150 mehr, aber ein gigantischer Aufwand. Nein, mit diesem Aufwand spreche ich lieber alle an. Wichtig ist, dass man die Frauen im Team-Run hat. Auch im City-Run über 10 km war das Verhältnis fast 50:50. Die Frauen laufen, aber im Marathon haben sie Respekt.

Sie prägten als Veranstalter über 25 Jahre die Laufszene in Zürich, im Dezember traten Sie überraschend als OK-Präsident des Silvesterlaufs zurück. Das war nicht der Plan.
Nein. Aber zwei Wochen vorher erfuhr meine Frau, dass sie an Bauchspeicheldrüsenkrebs leidet. Wir sind 36 Jahre verheiratet, sie war immer da für mich, also war mein Entscheid klar. Ich will die Zeit mit ihr noch geniessen. Ich habe loslassen können.

Nicht alle Ihre Verhandlungspartner werden traurig sein über Ihren Abgang. Sie gelten als äusserst hartnäckig.
Ich war hartnäckig, teilweise kompromisslos. Aber wenn die Stadt einen Entscheid gefällt hatte, setzte ich ihn um – ohne zu murren. Ich habe keinen gelinkt, nie gelogen. Das wussten sie bei der Stadt. Ich konnte an Sitzungen mühsam sein, ich bin auch einmal davongelaufen – aber ich bot nie eine faule Tour.

Gibt es einen Entscheid, den Sie bereuen?
Ja. Ein personeller in den letzten Monaten, den ich heute nicht mehr so fällen würde. Das gehört aber nicht an die Öffentlichkeit.

Wie gross war der Druck, in der von den sozialen Medien geprägten Zeit Neues zu bieten?
Ich war nie krampfhaft auf der Suche nach Neuem wie andere. Wieso soll ich etwas anders machen, wenn es funktioniert? Plötzlich in Meilen starten statt in Zürich? Ist doch Schmarren!

Wie hat sich die Laufszene seit Ihrer Aktivzeit entwickelt?
Als ich 1979 und 1980 Murten–Freiburg gewann, hatte es wahnsinnig viele Zuschauer. Als ich in Freiburg die Route des Alpes ins Ziel hinaufrannte, war es wie auf Alpe d’Huez. Nur eine schmale Gasse, ich dachte, ich renne noch einen über den Haufen.

Sie sprechen vom Spitzensport, wie sah es in der Breite aus?
Für dieses Rennen gab es Sonderzüge aus St. Gallen – mit Massagewagen! Das hat es gopferteckel gegeben! Und beim GP Bern blieben über die 10 Meilen mehr unter einer Stunde als heute.

Wieso wird die Masse im Schnitt langsamer?
Das finde ich nicht schlecht. Optimal wäre, wenn die Schweizer Bevölkerung dreimal wöchentlich Sport treiben würde, egal was. Die Volksgesundheit wäre besser, und sie hat Priorität.

1982 liefen Sie den Marathon erstmals in 2:11 Stunden und waren die Nummer 10 der Welt. Seither hat nur ein Läufer mit Schweizer Wurzeln diese Zeit unterboten, Viktor Röthlin. Wie erklären Sie sich das?
Ich lief mit absoluter Leidenschaft. Heutige Läufer kann ich nicht beurteilen, habe aber den Eindruck, dass es einige falsch anpacken. Man muss kompromisslos sein. Uns war egal, was später sein wird, ich habe AHV-Löcher noch und noch. Wenn man in diesem Sport an solches denkt, ist man fehl am Platz.

Dann macht es Julien Wanders richtig, der in Kenia lebt?
Ja. Aber schon Viktor Röthlin war so kompromisslos.

War es Ihr Glück, dass Ihr Sport zu Ihrem Beruf wurde?
Mein Glück war, dass in meiner Generation oder schon ein wenig früher Geld in die Leichtathletik kam. Aber ich habe mir vor 20 Jahren nicht überlegt, ob es einst einen Markt geben könnte für eine Veranstaltung, nicht einmal vor 10 Jahren hätte ich mir vorstellen können, dass ich den Marathon verkaufen könnte.

Wohin geht die Laufbewegung?
Noch mehr Fun, und die Distanzen werden kürzer.

Sind Sie am Sonntag an der Strecke?
Ja. Irgendwo.

Erstellt: 22.04.2019, 21:29 Uhr

Bruno Lafranchi

Das Treffen findet im Hafen Enge statt, wo am Sonntag zum Marathon gestartet wird. Bruno Lafranchi (63) ist mit dem Velo da, der einstige Rekordhalter über 42,195 km (2:11:12, 1982) läuft nur noch ins Krafttraining, in seinen Laufkursen und als Personal Trainer. 2017 verkaufte er den Marathon, den er 2002 mit Erich Ogi gegründet hatte, im Dezember trat er als Organisator des Silvesterlaufs zurück. Swiss Athletics ernannte ihn jüngst zum Ehrenmitglied. (mos)

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