Gemeinsam den Gipfel gestürmt

Mit drei EM-Medaillen trieb Giulia Steingruber das Schweizer Team zu Höchstleistungen an.

Giulia Steingruber beim Bodenturnen. Foto: AFP

Giulia Steingruber beim Bodenturnen. Foto: AFP

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Manche Turner wären froh, sie hätten Gold, Silber oder Bronze. Giulia Steingruber dagegen braucht gerade einmal drei Tage, um alle drei zu gewinnen, den ganzen Satz. Erst Gold im Mehrkampf, dann Silber am Sprung und zum Abschluss der EM in Montpellier gestern Sonntag schliesslich Bronze am Boden. 2012 hat sie ihre erste EM-Medaille gewonnen, eine bronzene am Sprung, drei Jahre später steht sie schon bei 7, und ein Ende dieser Hatz ist nicht abzusehen. Besser und schöner und konstanter als in Montpellier hat sie noch nie geturnt. Der Titel im Mehrkampf ist eine gewaltige Leistung.

Dass es nicht zu mehr reichte, zur anvisierten Goldmedaille am Sprung zum Beispiel oder zu einem noch besseren Rang im Bodenfinal, das schmerzte wohl, ist aber nicht ihr anzulasten. Sie tat, was möglich war, und musste akzeptieren, dass andere besser waren. «Es ist fast unverschämt, von einer Enttäuschung zu reden», sagte Felix Stingelin, Chef Spitzensport beim Turnverband (STV), und erläuterte: «Nicht alle Medaillen tragen die Farbe, die wir uns gewünscht hätten.»

Fragwürdige Reise nach Baku

Steingruber mochte nicht einstimmen in dieses Klagelied auf hohem Niveau. Von einer «Super-EM» sprach sie und sagte: «Ich habe mich von Tag zu Tag verbessert und bin sehr glücklich mit den drei Medaillen.» Natürlich schmerzte sie der 2. Platz am Sprung, aber ihr fiel es leichter, das Verdikt zu akzeptieren, da sie sah, dass sie nur bezwungen wurde, weil ihre Gegnerin Maria Paseka schwierigere Sprünge zeigte. Hier, am Ausgangswert ihrer Übungen, muss Steingruber ansetzen, und sie weiss und kann das. Ob es angesichts dieses Nachholbedarfs eine kluge Idee ist, die Turnerin Mitte Juni an die Erstauflage der in vielerlei Hinsicht fragwürdigen Europaspiele nach Aserbeidschan zu entsenden, darf getrost verneint werden. Steingruber würde in dieser Zeit wohl auch selber lieber an ihrer Kür feilen – auch wenn sie öffentlich das Gegenteil sagt.

Das Potenzial, sich weiter zu verbessern, hat sie gewiss an allen Geräten, die überraschende Qualifikation für den Gerätefinal am Stufenbarren zeigte das. Wieso also sollte sie nicht auch an einer WM im Mehrkampf ganz vorne mitturnen können? Ausgeschlossen scheint das nicht.

Auch an den Titelkämpfen in Montpellier überstrahlte Steingruber aus Schweizer Sicht alles. Drei Medaillen sind ein weiteres Novum im Frauen­turnen, für das sie verantwortlich ist, überhaupt ist das in der lange EM-Geschichte erst einmal einem Schweizer geglückt: 1957 dem Zürcher Max Benker. Steingruber setzt Massstäbe, die lange Bestand haben werden.

Werbung für die Heim-EM

Ein Jahr vor der Heim-EM in Bern riss sie im Sog ihrer drei Medaillen zudem die Schweizer Equipe richtig­gehend mit. Das Mehrkampfdiplom von Christian Baumann und dessen Barrensilber oder die Bronzemedaille von Pablo Brägger am Boden – die Fülle der Erfolge verblüfft und lässt aufhorchen. Wo wir schon bei 1957 sind: Damals, zu Zeiten von Jack Günthard, hat die Schweiz letztmals an einer EM so viele Medaillen gewonnen. Wäre Brägger im Gerätefinal nicht vom Reck gestürzt, der Rekord hätte übertroffen werden können. Aber nur schon die Qualifikation am Königsgerät zu gewinnen, war bemerkenswert. Für die EM 2016 hat das Team also schon einmal grosse Erwartungen geschürt. Bessere Werbung konnte es – einen Monat vor dem Start des Vorverkaufs – kaum machen.

Dabei ist es nicht lange her, dass die Männer an der WM 2011 einen Tiefpunkt erreicht hatten, als sie im Teamwettkampf 17. wurden und die Olympiaqualifikation jäh verpassten. Die Lehren aus der bitteren Niederlage wurden gezogen. Heute ist das Nationalkader breiter und qualitativ besser aufgestellt. «Wir sind in einer Position angelangt, in der wir in Sachen Ausgangswerte mit den Besten mithalten können», sagt Chef­trainer Bernhard Fluck. Dass das Risiko zunimmt, je näher man dem Gipfel kommt, zeigten die Stürze von Brägger und Benjamin Gischard in den Finals. Diese Breite oder Qualität wünschte sich der Verband auch bei den Frauen, wo aller Druck auf Steingruber lastet. Stingelin sagt: «Das ist unsere nächste, grosse Herausforderung.»

Erstellt: 20.04.2015, 11:56 Uhr

Artikel zum Thema

Nach Gold und Silber nun Bronze

Giulia Steingruber und Christian Baumann bescherten der Schweiz an der Turn-EM in Montpellier zwei weitere Medaillen. Wie am Sprung wurde die ehrgeizige Ostschweizerin am Boden aber knapp geschlagen. Mehr...

Nur Silber – Steingruber verpasst den Hattrick

Die Schweizer Turnerin gewann im Sprungfinal der EM in Montpellier die Silbermedaille. Die Russin Maria Paseka war zu stark für sie. Am Boden errang Pablo Brägger Bronze. Mehr...

Nahe der Perfektion

Analyse Mit Fleiss und Eifer zum EM-Titel im Mehrkampf – Giulia Steingruber dominiert Europas Frauen-Turnszene. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Blogs

Geldblog Negativzinsen: Was soll das?

Mamablog Ach, diese Instagram-Muttis!

Die Welt in Bildern

Harter Einsatz: Ein Demonstrant wird in Santiago de Chile vom Strahl eines Wasserwerfers getroffen. Die Protestbewegung fordert unter anderem höhere Untergrenzen für Löhne und Renten, günstigere Medikamente und eine neue Verfassung, die das Grundgesetz aus den Zeiten des Diktators Augusto Pinochet ersetzen soll. (9. Dezember 2019)
(Bild: Fernando Llano) Mehr...