Gold im Visier, Weltrekord im Hinterkopf

Siebenkampf-Olympiasiegerin Nafi Thiam soll in der Leichtathletik das Loch füllen, das Usain Bolt hinterlässt. Dabei hat die Belgierin lieber ihre Ruhe.

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Als Nafi Thiam am 19. August 1994 zur Welt kam, besass der noch immer aktuelle Siebenkampf-Weltrekord von Jackie Joyner-Kersee schon fast sechs Jahre Gültigkeit. Fabelhafte 7291 Punkte hatte die Amerikanerin am 23. und 24. September 1988 an den Olympischen Sommerspielen von Seoul gesammelt. Ein Rekord für die Ewigkeit? Nein, glaubt Joyner-Kersee. Wegen Thiam sei er in «unmittelbarer Gefahr».

Die Belgierin, die im vergangenen Sommer in Rio als 21-jährige Aussenseiterin Jessica Ennis-Hill trotz einer schmerzhaften Ellbogenverletzung als Olympiasiegerin entthront hatte, übertraf diesen Mai in Götzis als erst vierte Athletin die 7000-Punkte-Marke. Sebastian Coe, der Präsident des Weltverbands IAAF, sieht in ihr die legitime Nachfolgerin von Usain Bolt als Superstar der Leichtathletik.

Dabei führt Thiam daheim vor den Toren Lüttichs noch immer ein ganz normales Leben. Sie wohnt in einem bescheidenen Backsteinhaus, trainiert auf der lokalen Leichtathletikanlage und nimmt an kleinen Meetings teil. Mit ihrem Trainer Roger Lespagnard arbeitete sie schon als 14-Jährige zusammen.

«Ich bin ein scheuer Mensch»Nafi Thiam

«Als mir nach Rio alle voraussagten, dass sich mein Leben ändern werde, hatte ich ein wenig Angst. Denn ich wollte nicht, dass es sich ändert», erklärte die 1,84 Meter grosse und 68 Kilogramm schwere Sportlerin vor der WM in London dem britischen «Telegraph». Ganz im Gegensatz zu Sprintkönig Bolt, dem grossen Entertainer, mag Thiam das Rampenlicht nicht sonderlich. «Ich bin ein scheuer Mensch», sagt sie. «Wenn mich die Leute auf der Strasse ansehen, ist mir das schon etwas unangenehm.»

Im Stadion legt Nafi Thiam die Schüchternheit ab. Carolina Klüft, die 2004 in Athen Gold gewann, findet, ihre Nachfolgerin als Olympiasiegerin habe praktisch keine Schwächen mehr. Thiams 1,98 Meter, die sie im olympischen Siebenkampf von Rio übersprang, hätten dort zum Titelgewinn im Spezial-Hochsprung gereicht. Auch in London glänzte sie in ihrer Lieblingsdisziplin wieder: 1,95 Meter übersprang vor ihr noch keine Athletin an einer WM.

Ein Geografiestudium als Sicherheit für die Zukunft

Dass Thiam nach dem ersten Tag nur Platz 2 im Zwischenklassement belegt, liegt daran, dass mit dem Hürden- und 200-Meter-Sprint sowie dem Kugelstossen drei Wettkämpfe auf dem Programm standen, die nicht zu ihren liebsten zählen. Ihre Punktzahl ist zwar geringer als bei ihrer persönlichen Bestleistung, aber höher als bei Olympia in Rio. Am Sonntag folgen noch Weitsprung, Speerwurf und 800-Meter-Lauf.

Die Tochter einer Belgierin und eines Senegalesen stammt aus kleinen Verhältnissen. Weil sich die Familie kein Auto leisten konnte, fuhr sie schon früh alleine mit dem Zug zum Training und sass erst vor ihrem Nachtessen, als alle anderen schon schliefen. Ausgemacht habe ihr das nichts. «Ich wusste immer, was ich wollte: eine Entwicklung sehen, meine eigene Bestmarke übertreffen», sagt Thiam, die neben der Leichtathletik Geografie studiert. In Belgien sei es schwer, mit ihrem Sport viel Geld zu verdienen. Sie habe zwar ein paar Sponsoren, wolle aber mit einem Universitätsabschluss für die Zukunft vorsorgen.

Ärgerlich für die schüchterne Superfrau: Um ihr volles Potenzial auszuschöpfen, müsste sie wohl ihre gewohnte Umgebung verlassen. In Belgien gibt es nur eine Indoor-Leichtathletikanlage, und die liegt weit weg von Thiams Zuhause. So muss sie im Winter bisweilen sogar den Schnee selber wegräumen, ehe sie mit dem Training beginnen kann.

(ak)

Erstellt: 06.08.2017, 11:40 Uhr

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