Höher, weiter, korrupter

Die Leichtathletik rutscht in ihren grössten Skandal. Schuld hat ihr korrupt-krimineller früherer Präsident.

Lamine Diack erpresste gedopte Athleten. Foto: Imago

Lamine Diack erpresste gedopte Athleten. Foto: Imago

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Gier kennt kein Alter. Kriminelle Energie offenbar auch nicht – zumindest bei Lamine Diack. 82-jährig, war der Senegalese diesen August als Präsident des Weltleichtathletik-Verbandes IAAF abgetreten. In den letzten Tagen hat er sich über seinen Sport hinaus einen Namen gemacht: als der womöglich korrupteste Sportfunktionär je.

Mit seinen zwei Söhnen, seinem Anwalt und dem früheren Antidoping-Chef der IAAF erpresste er gedopte Athleten. Liessen sie dem Diack-Team gemäss der französischen Justiz, die seit letzter Woche gegen das Quintett ermittelt, Bares zukommen, schützten sie die Doper. Weigerten sich diese wie die türkische 1500-m-Olympiasiegerin von 2012, Asli Cakir Alptekin, liessen sie Diack und Kollegen auffliegen.

Noch bevor sämtliche Details vorliegen, ist klar: Die Mehrheit bezahlte, womit die Diacks mehr als eine Million Euro ergaunerten. Man muss sich an dieser Stelle noch einmal daran erinnern, weshalb Lamine Diack vor 16 Jahren an die Spitze gewählt wurde: Er sollte die globale Leichtathletik bestmöglich voranbringen und repräsentieren. Im Verlauf seiner Amtszeit muss ihm diese Rolle so egal geworden sein, dass er zum ärgsten Feind seines Sports mutierte.

Denn Diack erpresste dank seines Insiderwissens, welche Athleten also positive Befunde aufwiesen, nicht nur Sportler, sondern beeinflusste auch den Verlauf von Wettkämpfen. Am drastischsten: Vor den Olympischen Spielen von 2012 schickte er einen seiner Söhne und seinen Anwalt nach Russland. Dabei hatten sie eine Liste mit überführten russischen Athleten. Diese zahlten, um freizukommen. Zwei von ihnen holten danach in London Olympiagold und -silber, wie die «Sunday Times» gestern publik machte. Noch sind deren Namen unbekannt.

Nachfolger Coe: «Widerlich»

Diack war folglich egal, dass selbst der wichtigste Anlass der Leichtathleten zumindest in gewissen Disziplinen grob verfälscht wurde. Dass sein Nachfolger Sebastian Coe, ansonsten ein Mann höchst diplomatischer Töne, gestern darum von «widerlichem Verhalten» sprach, war der Situation nur angemessen. Das Gebaren von Diack ist in der Sportfunktionärswelt schliesslich beispiellos.

Zugleich offenbart der einsetzende Skandal, wie korrupt Teile der Weltleichtathletik sein müssen. Diack musste die Zahl an Mitwissern nicht einmal möglichst klein halten. Die Erpressung der russischen Athleten lief nämlich über deren Funktionäre. Für ihre Mittlerrolle durften diese einen Teil des Geldes behalten. Diack wusste also: Diese Sportsfreunde spielen mit, sind sich des Mischelns keineswegs zu schade (und schweigen natürlich).

Von den Russen wird heute eine Kommission der Welt-Antidoping-Agentur berichten. Sie begann diesen Sommer zu ihrer verdächtigen Leichtathletik zu ermitteln und ermöglichte den Franzosen dank der Informationen die Anklage. Die ganze Dimension dieses Skandals wird darum erst in den nächsten Monaten sichtbar – und könnte doch auch ihr Gutes bewirken.

Krisen sind schliesslich auch immer eine Chance, sich zu hinterfragen – gar tiefgreifende Korrekturen vorzunehmen. Insofern könnte man mutmassen: Hat Lamine Diack seinem Sport auf lange Sicht hinaus gar geholfen? Dem muss man die Erfahrung entgegenhalten: So mancher Grossskandal in der Welt der Spitzensportfunktionäre sorgte bloss für temporäre Hektik. Substanzielle Veränderungen blieben letztlich aus. In der Leichtathletik führte die Diack-Ära offenbar bloss zu höher, weiter, korrupter.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.11.2015, 22:13 Uhr

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