Spitzenathletin, schwanger, Olympia als Ziel

Wie bringt man Mutterschaft und Hochleistungssport zusammen? Nicola Spirig im grossen Interview.

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Das Babybäuchlein zeichnet sich schon deutlich ab, wo bei Nicola Spirig sonst höchstens das Sixpack durchschimmert. Die Triathlon-Olympiasiegerin von 2012 ist momentan zwischen ihren Rollen: Einerseits zwar immer noch Profisportlerin, die trainiert, um die physischen Verluste der Schwangerschaft so gering wie möglich zu halten. Zugleich aber auch werdende Mutter, die derzeit nicht nur auf sich, sondern auch auf das neue Leben in ihrem Bauch achten muss. Die beiden Gegensätze passen zur Bandbreite von Gefühlen, die die 36-Jährige in diesem Jahr durchlebte.

Fehlgeburt, EM-Titel, dritte Schwangerschaft: Wie wird Ihnen 2018 in Erinnerung bleiben?
Es waren wirklich viele Emotionen, in allen Bereichen. Ich bin auch ein wenig stolz auf dieses Jahr. Klar, auf dem Papier ist es «nur» ein weiterer EM-Titel. Aber wenn man weiss, wie das Jahr lief, die Vorbereitung, zuerst lange verletzt, dann die Fehlgeburt, wie mein Trainer Brett Sutton und ich danach zusammensassen und uns sagten: «Wir müssen nun innert sechs Wochen in Form kommen.» Dass das klappte – obwohl ich an der EM bei meinem Sieg nicht in Topform war. Da habe ich beim Laufen sehr fest geblufft.

Sie liefen vorne weg, Brust raus.
(lacht) Genau, ich sagte mir: Ich bin Olympiasiegerin, und die anderen glauben, ich sei gut. Ich hoffte, sie würden mein leidendes Gesicht nicht sehen, ich hatte Krämpfe. Und doch konnte ich mein Anfang Saison gestecktes Ziel erreichen. Brett und mir brachte das die Erkenntnis: Da ist noch so viel Potenzial, auch mit 36 und nach 20 Jahren Training und zwei Kindern. Es war für uns eine Bestätigung, dass die Olympischen Spiele in Tokio 2020 noch Sinn machen.

Weil Sie selbst deutlich unter Ihrer Bestform mithalten können.
Das gab mir Selbstvertrauen: Die Chance ist da, dass ich noch einmal mit den Besten werde mitmischen können. Weil ich in so vielen Bereichen noch Steigerungspotenzial habe. Für mich war es in dem Sinn ein eindrückliches Jahr. Und ich bin dankbar, dass jetzt alles gut läuft mit der Schwangerschaft.

«Ich werde nicht die sein, die nur wegen des Geldes den Sport weitermacht.»Nicola Spirig

Sie kontrollieren gerne alle Faktoren in Ihrem Leben. Dazu gehörte auch, dass Sie selber Ihre Fehlgeburt öffentlich machten, etwas enorm Persönliches. Wo ziehen Sie die Grenze, was Sie preisgeben?
Das ist für mich eine Gefühls­sache. Wir machten es ja nicht im Frühling öffentlich. Reto und ich und unsere Familien brauchten Zeit, um mit der Situation klarzukommen. Ich hätte die Fehlgeburt zu 80, 90 Prozent nicht öffentlich gemacht, wenn ich nicht noch aktiv wäre. Weil es einen sportlichen Zusammenhang hatte: Ich wollte Ende Saison erklären, warum sie so verlaufen war, warum ich nun wieder schwanger bin – was ja ein «komischer» Zeitpunkt ist, so nahe an den Spielen. Der andere Grund war, dass so wenig über Fehlgeburten gesprochen wird, obwohl das ganz viele Frauen betrifft. Danach kamen ganz viele auf mich zu und sagten: «Ich auch.» Ich wollte auch darüber sprechen, dass mir das passierte. Auch bei mir, wo es aussieht, als ob alles immer klappt, gibt es Dinge, die nicht perfekt sind.

Die Frage nach dem «Wie viel zeige ich?» stellt sich Ihnen im Kleinen fast täglich, Ihre Präsenz in den sozialen Medien zwingt Sie dazu. Sie geben da relativ viel preis, zeigen auch Ihre Kinder. Machen Sie auch das nach Gefühl?
Es gibt da sehr viele Überlegungen. Von mir als öffentlicher Person darf danach jeder die Fotos und Aussagen benutzen, die ich da mache. Das muss einem extrem bewusst sein. Ja, ich zeige meine Kinder. Aber, wenn Sie genau schauen, oft in Situationen, in denen man sie nicht genau erkennt, etwa von hinten. Ich bin wahnsinnig stolz auf sie, sie sind ein Teil meines Lebens. Aber ich habe nie nackte Babyfotos online gestellt. Ich überlege mir bei jedem Foto: Kann ich es vertreten, dass ihre Schulkameraden dieses einmal herumzeigen und darüber lachen? Aber man muss auch die andere Seite sehen.

Welche?
Wenn man sagt: Gar keine Fotos der Kinder! Dann darf an einem Wettkampf dein Kind im Ziel auch nicht in deine Arme laufen. Wie erklärst du ihm das? Aber es muss immer wieder neu entschieden werden. Wir sagen zum Beispiel auch: Keine Fotos hier bei uns im Wohnbereich. Nicht das Sofa, nicht die Kinderzimmer.

Ihr Leben als Profisportlerin und Mutter ist komplex. Wie viele Leute sind mittlerweile involviert, damit es funktioniert?
Es braucht viele Leute, und vor ­allem 100 Prozent engagierte ­Leute. Am wichtigsten ist sicher mein Mann Reto, der mit mir die klassischen Rollen getauscht und die Hauptverantwortung für die Kinder hat, mir aber auch in anderen Bereichen den Rücken freihält. Dann seine und meine Eltern, die oft an Abenden oder Wochenenden zu den Kindern schauen, wenn auch Reto engagiert ist. Dann ist es das Management, das die meisten E-Mails erhält, aussortiert, nachfragt. Dann sportlich mein Trainer Brett Sutton, fürs Medizinische Patrick Noack, mein ­Mechaniker, der zum Velo schaut, der Chiropraktiker und die Masseurin hier in der Nähe, bei denen ich mich melden kann und morgen einen Termin habe. Wir überlegen uns nun, mit drei Kindern eine Nanny für gewisse Tage hinzuzuziehen. Vor allem in den Trainingslagern wäre das gut. Und natürlich die Sponsoren: Ich ernähre ja eine Familie. Es ist sehr wichtig, dass ich auch in einem Jahr ohne Wettkämpfe noch ein Einkommen habe, mit dem ich ohne Sorgen die Familie ernähren kann.

Wie sehr ist die monetäre Seite ein Faktor, dass Sie auch mit 36 und zwei Kindern noch Profisportlerin sind? Sie haben zwar einen Jus-Abschluss, aber in einer Anwaltskanzlei würden Sie niemals gleich so viel verdienen.
Einen Job erhielte ich wohl, da habe ich genügend Beziehungen. (lacht) Ich wurde in letzter Zeit öfters gefragt, warum es nicht mehr Sportlerinnen gibt, die nach der Geburt zum Spitzensport zurückkehren. Der Grund ist: Wenn ein Kind da ist, und der Mann das Haupteinkommen trägt, ist der Sport, den die Frau macht, ein Hobby, das sie sich neben dem Kind leistet. Das muss man rechtfertigen können.

Vor allem in verdienstschwachen Sportarten.
Wobei das eigentlich die meisten Frauen im Spitzensport betrifft ausser im Tennis und Golf. Und Olympiasiegerinnen. Es gibt wahnsinnig viele Sportarten, die für Frauen nicht genug lukrativ sind. Ich bin deshalb froh, habe ich das Privileg, so viel zu verdienen, dass das kein Faktor ist, um aufzuhören.

Nicola Spirig fährt in diesen Tagen Velo nur noch auf der Rolle - wegen ihrer Schwangerschaft. Bild: Sebastian Magnani

Nach Tokio 2020 könnte der Punkt kommen, an dem rein sportlich nicht mehr viel für eine Fortsetzung der Karriere spräche – finanziell aber schon.
Ja – und nein. Für mich stimmt es nur, wenn ich hohe Ziele habe und diese Erwartungen erfüllen kann. Ich werde nicht die sein, die nur wegen des Geldes den Sport weitermachen wird. Nur dafür ist es dann doch sehr viel Leiden und Schwitzen und Kämpfen.

Es ist gut möglich, dass wir in einem Jahr wieder hier zusammensitzen und dann über eine dritte Olympia-Medaille sprechen werden. Wie surreal ist die Vorstellung jetzt für Sie, mit Ihrem Babybauch?
Sie ist nicht so surreal. Die Zeit bis dahin ist so kurz, der Gedanke ist schon recht präsent. Auch das Training während der Schwangerschaft: Obwohl es nur darum geht, die Basis zu halten, gehen die Gedanken von Brett schon weiter. Woran können wir jetzt arbeiten, damit wir trotzdem besser sind als vorher? Wie viel Zeit verbringe ich nach der Geburt im Idealfall daheim? Ab wann trainiere ich wieder mit der Gruppe? Welcher Wettkampf ist realistisch als frühestmöglicher Termin für eine Olympiaqualifikation?

Sie beschäftigen sich nicht nur mit dem Schwangersein.
Genau. Ich bin nicht in einer glückserfüllten Luftblase, und ­alles andere gibt es nicht. Tokio ist recht präsent. Wir sprechen über die Vorbereitung, Hitze­trainingslager. Jetzt werden Entscheidungen getroffen, bei denen ich denken muss, als sei ich schon qualifiziert.

«Ich bin immer noch nicht wahnsinnig gerne schwanger – anders als andere Frauen.»Nicola Spirig

Also wie eine nicht schwangere Athletin.
Einerseits muss ich Geduld haben, weil ich jetzt nicht 100 Prozent auf das Ziel hintrainieren kann, und andererseits werden Entscheidungen gefällt: Was für ein Velo fahre ich? Was kann ich daheim machen, um mich noch besser vorzube­reiten?

Was wäre eine dritte Medaille für Sie?
(schmunzelt) Der Gedanke ist nun doch ein wenig surreal. Den Weg dorthin zu planen, ist sehr real. Da habe ich mich nicht verändert: Wenn Sie mich ein Jahr vor London nach meinen Gedanken an einen Olympiasieg gefragt hätten, hätte ich auch gesagt: sehr surreal. Das wird erst ein paar Wochen vorher real. Was es mir bedeuten würde? Das beantwortet diese Schwangerschaft: Ein drittes Kind war für uns klar wichtiger als eine dritte Olympiamedaille. Wir würden uns wohl mal hinsetzen und lachen, weil es so absurd ist: Drei Kinder und drei Olympiamedaillen.

Man könnte das Spiel dann ja immer weiterspielen…
… (lacht) Brett fand auch schon: 2024 werde super sein, weil Paris so nahe gelegen ist, da könnte man mit dem Zug anreisen.

Sie sind jetzt im sechsten Monat schwanger. Wie geht es Ihnen?
Ich kann mich nicht beklagen. Aber anders als andere Frauen bin ich immer noch nicht wahnsinnig gerne schwanger. Das hat sicher mit dem Sport zu tun, weil ich nun halt nicht das machen kann, was mein Beruf ist. Normalerweise bin ich alleine für meinen Körper verantwortlich, nun muss ich noch für jemanden anderes schauen.

Wo müssen Sie sich einschränken?
Die wichtigste Regel ist, auf hochintensive Trainings zu verzichten. Denn wenn ich Sauerstoffmangel habe, könnte das das Baby auch betreffen. Da spüre ich aber eine natürliche Grenze im Kopf. Ich habe momentan keine Lust, so intensiv zu trainieren.

Dann können Sie den Sport jetzt fast mehr geniessen?
Jein – ich finde es ja schon lässig, mich zu verausgaben. Aber ich geniesse diese Zeit, in der ich nur zwei statt drei Trainings pro Tag habe und entsprechend diese so planen kann, dass ich mehr Zeit mit den Kindern verbringen kann. Dass wir beim Frühstück, Mittag- und Abendessen zusammen sind und mehr Zeit zum Spielen bleibt. Gerade in der Weihnachtszeit war dies sehr schön. Sonst steht das Training im Vordergrund, kann ich nicht auf das gemeinsame Mittagessen Rücksicht nehmen.

Absolvieren Sie Trainings ab und zu noch draussen?
Manchmal laufe ich noch draussen. Veloeinheiten absolviere ich alle auf der Trainingsrolle, da ist die Sturzgefahr zu hoch.

Werden Sie alle drei Disziplinen bis zur Geburt ausüben?
Das kommt darauf an, wie die Schwangerschaft verläuft. Bei den letzten beiden ging das. Ich lief auch draussen, einfach locker. Wobei das dann wirklich nicht mehr lustig ist. Mit 15 Kilogramm mehr, das würde ich ohne das Ziel Tokio definitiv nicht mehr – denn das macht keinen Spass mehr.

Es ist nicht mehr nur Ihr Körper.
Genau. Da ist null Laufgefühl mehr da. Das ist nur noch der Job, um die Muskeln zu erhalten.

Nicola Spirig trat bei einem Plauschwettkampf gegen Fabian Cancellara an.

Ihr Leben ist sehr hoch getaktet: Mit mehreren Trainings pro Tag, der Familie, Sponsorenverpflichtungen. Wann wird Ihnen das zu viel?
Mir ist es sehr wichtig, dass es für die Familie stimmt. Wenn dort Spannungen sind, ich das Gefühl habe, es sei zu viel für jemanden, oder ich habe zu wenig Zeit für ein Kind, dann muss ich etwas ändern. Ich wechselte zum Beispiel mein Management, weil ich den Eindruck hatte: Wenn ich mit drei Kindern noch einmal an die Olympischen Spiele will, mit so vielen Dingen daneben, muss ich so viel wie möglich abgeben können. Ich finde Termine ausserhalb des Sports zwar auch spannend, weil es wertvolle Erfahrungen sind, aber es ist nicht meine Leidenschaft – das gehört als Nebenprodukt dazu. Das kann ich ja auch steuern: Wo sage ich zu, wie viele Events? Wie viele Interviews?

Und wenn das Gefühl unmittelbar kommt, am Morgen beim Aufstehen – oder haben Sie den perfekten Rhythmus?
Den gibt es mit einer Familie nie. Dann wird ein Kind krank – und alles ist anders. Unser Leben ist eine rollende Planung. Darin ­haben wir bewusst immer wieder Momente eingeplant, in denen Reto und ich besprechen: Stimmt das noch so? Nach London 2012 und meinem Olympiasieg war so einer. Wir wollten eine Familie, er arbeitete aber noch 100 Prozent, ich führte meine Karriere weiter – und ein paar Monate später, nach der Geburt von Yannis, musste ich sagen: So geht das nicht, so stimmt es nicht für mich. Entweder würde er sein Pensum reduzieren. Oder ich meine Karriere beenden – was für mich in Ordnung gewesen wäre. Da entschieden wir, dass ich weitermachen würde bis Rio. Nach Rio war wieder so ein Punkt. Ich weiss ja immer: Es geht nur bis zum nächsten Ziel, den nächsten Olympischen Spielen.

Es kann nur vier Jahre lang immer stressiger werden.
Genau, und ich weiss schon jetzt, dass es schlimmer werden wird. Das ist auch okay so – und Reto und mir völlig bewusst. Die Monate vor Tokio werden extrem intensiv sein, für alle. Aber danach werden wir uns wieder hinsetzen und fragen: Wie geht es weiter? Dann können wir unser Leben wieder ganz neu gestalten.

Glauben Sie, drei statt zwei Kinder wird noch einmal eine grosse Veränderung sein?
Ich glaube ja. Wir hören beides: Jene, die sagen, das dritte laufe einfach mit. Und jene, die sagen, man habe zwei Hände – da fehle für das dritte eine. (lacht) Drei Kinder sind viel. Und das wollten wir auch, es war ja unser bewusster Entscheid. Aber mit einem sehr intensiven Tag, drei Trainings, der Müdigkeit und dann noch den Kindern gerecht zu werden nach der Heimkehr, davor habe ich recht Respekt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.12.2018, 23:13 Uhr

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