Unfaire Buhrufe gegen den Bolt-Bezwinger

Googlen Sie mal Justin Gatlin und Ritalin. Eben!

Vergebliche Geste: Justin Gatlin schlug Usain Bolt – seine Kritiker konnte er aber nicht zum Schweigen bringen. Foto: Michael Steele (Getty Images)

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Die Meldung klingt knackig: «Zwei­facher Ex-Doper gewinnt den prestigeträchtigsten Titel der Leichtathletik-­WM. Darum wird der Dauerbetrüger vom Publikum vor seinem Start und nach seinem Sieg ausgebuht.» So lautete der Tenor, nachdem Justin Gatlin, der Bösewicht dieses Abends, am Samstag zum Entsetzen vieler über 100 Meter triumphiert hatte. Und überdies den Abgang des royalen Usain Bolt vermasselte, der sich im Olympiastadion von London nach einem ­miesen Start bloss noch zu Bronze gerettet hatte.

Die globale Spitzenleichtathletik, ohnehin dopingverseucht, habe damit ihr passendes neues Stargesicht erhalten, war danach zu lesen und hören. Alles zusammen tönt spektakulär, hat allerdings einen Haken: Die Meldung ist mindestens so falsch wie richtig.

Das Verhalten nach Gatlins Goldsprint sagt mehr über uns als (Sport-)Gesellschaft aus als über den neuen schnellsten Mann. Um es vorwegzunehmen: Es ist keine besonders schöne Welt, die sich da präsentiert, sondern eine populistische, unreflektierte, ja gar besorgniserregende.

Video: Ein spannender 100-m-Final mit einem überraschenden Sieger

Denn um die Geschichte von Justin Gatlin zu erfassen, braucht es nicht einmal eine knackige Meldung. Es reicht in seinem Zusammenhang bereits ein einziges Wort, damit dieses Gegröle verstummt: Ritalin. Man braucht auf Google neben Gatlin bloss Ritalin in das Suchfeld zu schreiben, schon liefert die Suchmaschine die entscheidenden Informationen: Gatlin ist kein zweifacher Dopingbetrüger.

Man muss sich also nicht einmal durch die 947 Seiten der amerikanischen Anti-Doping-Agentur (Usada) wühlen, die seine Vergangenheit aufgearbeitet hat, um zu erfahren: «Mr. Gatlin neither cheated nor intended to cheat.» Auf Deutsch: «Weder betrog Herr Gatlin, noch beabsichtigte er zu ­betrügen.»

Gatlin litt an ADHS

Die Aussage bezieht sich auf sein erstes angebliches Dopen. Gatlin litt als Kind und Teenager an ADHS, einer Aufmerksamkeitsstörung, die oft mit Medikamenten gelindert wird. Diese können amphetaminähnliche Substanzen enthalten. Darum figurieren diese Medikamente auf der Dopingliste, falls sie von Sportlern zur Leistungssteigerung zweckentfremdet werden. Im Fall von Gatlin, der gegen ADHS rund zehn Jahre Medikamente einnahm, ist die Krankheit aktenkundig belegt und anerkannt. Gatlin stoppte das Pillenschlucken vor Wettkämpfen gar, weil ihn die Medikamente ermüdeten.

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Nach seinem zweiten positiven Dopingtest 2006 hätte er als «Wiederholungstäter» für acht Jahre gesperrt werden sollen, was angesichts seines ersten «Vergehens» allerdings zu Recht auf vier Jahre korrigiert wurde. So weit die Fakten. Sie machen Gatlin, der bis heute sagt, nie gedopt zu haben, keineswegs zum edlen Sportler. Aber um das Strafmass geht es in seinem Fall nicht, obschon ihm viele übel nehmen, dass er nie ­gestand. Bloss: Wie soll Gatlin etwas ­gestehen, was er vielleicht nie getan hat?

Selbst die US-Dopingbekämpfer behaupten nicht, er habe sich 2006 mit Testosteron gedopt. Möglich ist nämlich, dass er von seinem Umfeld gedopt wurde, also eine Substanz einnahm, die ihm sein Coach empfahl. Gesperrt gehört ein Athlet auch in diesem Fall. Er ist schliesslich verantwortlich dafür, was in seinen Körper gelangt.

Entscheidend ist jedoch: Gatlin büsste für den Nachweis dieser illegalen Substanz und hat damit alles Recht, seinem Sport wie alle anderen Athleten nachzugehen. Auch in anderen Lebensbereichen erhalten wir sinnbildlich gesprochen eine zweite Chance. Wer – aus welchem Grund auch immer – eine Haftstrafe absitzen muss, darf danach zurück in die Gesellschaft. Ohne Wenn und Aber. Ja, wir Menschen haben uns mittlerweile in vielen Ländern darauf geeinigt, Kriminelle sozial wieder einzugliedern. Kaum einer von uns möchte diese Errungenschaften des modernen Rechtsstaates aufgeben. Nur die Schlimmsten sperren wir lebenslang ein – oder lassen sie gar staatlich töten.

Denn ein Nulltoleranz-Ansatz ergäbe eine hässliche Welt, in der kaum einer leben wollte. Das Gebuhe und damit die Abwertung von Justin Gatlin sind in diesem Zusammenhang einer Demokratie unwürdig und auch scheinheilig. Als er 2012 am gleichen Ort zu den Olympischen Spielen antrat, buhte ihn kein einziger Zuschauer im Stadion aus, wertete ihn keiner in Kommentaren ab. Damals siegte der heilige Usain Bolt allerdings klar – ausgerechnet Bolt, der den bösen Gatlin um Meilen ­abgehängt hatte.

Die fatale Logik

Folgte man der Logik der Schnell­verurteiler, würde das Sportsystem letztlich gar implodieren. Dazu der zurzeit prominenteste Fall: der ­flächendeckende Dopingbetrug des russischen Sports. Das Land bzw. seine Athleten hätten bestimmt kein Recht mehr, jemals wieder an Wettkämpfen dabei zu sein – oder gehörten zumindest auf ewig ausgebuht. Diese Haltung erinnert an den üblen Stil ausgrenzender ­Parteien. Probleme hat man auf diese Art aber noch nie gelöst.

Man muss sich wie im Fall Gatlin schon damit auseinandersetzen, ­weshalb einer betrügt – und dann versuchen, dass er a) einsichtig ist, b) vom Manipulieren abkommt und sich c) wie Gatlin am Anti-Doping-Kampf ­beteiligt. Sympathisch muss uns dieser Justin Gatlin auch danach nun wirklich nicht sein, ja, man kann ihn berechtigterweise hart kritisieren – solange das Fair Play gewahrt ist. Ansonsten überschreiten wir die Regeln des Zusammenlebens, etwas, für das man Gatlin gerade anprangert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.08.2017, 08:35 Uhr

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