Wer ist schuld an Bolts Sturz?

Nach neun Jahren Klamauk sieht man wieder einen Menschen: Usain Bolt stürzt in seinem letzten Rennen und kehrt endgültig zu den Sterblichen zurück.

Am Boden statt auf dem obersten Podest: London ist für Usain Bolt anders als beim Olympia 2012 kein gutes Pflaster.

Am Boden statt auf dem obersten Podest: London ist für Usain Bolt anders als beim Olympia 2012 kein gutes Pflaster. Bild: Reuters

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Um kurz vor zehn Uhr sollte Usain Bolt seine Stadionrunde drehen, mit der jamaikanischen Flagge um den Hals, mit dem goldenen Schuh am linken Fuss. Er hätte noch einmal über den Stadionsprecher Dankesgrüsse ans Londoner Publikum geschickt. Gesagt wie «amazing» oder «unbelievable» die Unterstützung für ihn sei. Dann ein paar Selfies mit jamaikanischen Landsleuten geschossen und allen, die sonst noch an ihn herangekommen wären. Und – na klar – die Sternendeutergeste in alle erdenklichen Kameras posiert, irgendwann auch zusammen mit dem Maskottchen dieser WM. Doch Usain St. Leo Bolt lag bei seinem Abschied auf der Tartanbahn. Mit dem Gesicht zum Boden.

Der Jamaikaner hat seinem Sport Bilder geschenkt, die kleben blieben wie ein Etikett, Bilder von Dominanz, Leichtigkeit, Lebensfreude. Am Samstagabend bei der Leichtathletik-WM in London sollte seine Karriere nach 14 WM- und acht Olympiamedaillen am besten noch einmal mit Gold enden. Es lief gut für Jamaikas 4x100-Meter-Staffel, Schlussläufer Bolt lag nach seiner Kurve schnell auf Rang 3 und hatte noch 50 Meter Zeit, um zu tun, was ihn all die Jahre ausmachte: die anderen im Endspurt zu schlagen. Dann ein schmerzverzerrtes Gesicht, der Griff an den Oberschenkel, Stolpern bei hoher Geschwindigkeit, Abrollen, Liegenbleiben. Der Halbgott kam in seinem letzten Rennen wieder zurück zu den Sterblichen.

Vor diesem 12. August 2017 hatte sich der Sport schon lange gefürchtet, mit Bolt verschwindet der grösste Anziehungsmagnet der vergangenen Jahre, die Werbeikone, der Zuschauerliebling. «Wir werden seine Persönlichkeit vermissen», hatte Sebastian Coe, Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes, gesagt. Und wenn ein Bolt stürzt, hält für gewöhnlich mindestens die Sportwelt den Atem an, doch die Londoner Meute war abgelenkt: Sie hatte mit dem ersten Staffelgold der Briten seit 2004 selbst etwas zu feiern, hinter ihnen holten die USA Silber und Japan Bronze. Bolt hatte sich hochgekämpft und die Ziellinie mit Unterstützung seiner Kollegen abschliessend überquert, da schrie auch London wieder für ihn.

Kein Fernseh-Interview, keine Pressekonferenz

Man hätte dem 30-Jährigen zugetraut, dass er sich selbst im Rollstuhl noch durch die Arena schieben und feiern lässt, doch Bolt tat nur eines: Er ging weg, kopfschüttelnd. Den Blick beharrlich zum Ausgang gewandt, kein Spiel mit den Kameras, Usain Bolt klatschte noch ein paar Mal über seinem Kopf, ohne sich umzudrehen. Er sollte auch nicht mehr zurückkommen an diesem Abend, der Jamaikaner ging zu keinem Fernseh-Interview, und auch zu keiner Pressekonferenz, die gibt es nur für Medaillengewinner. Bolt war gelaufen, gestürzt, verschwunden. So sah er also aus: Der Abschied einer Sprintlegende.

Für ihn redeten andere, Teamkollege Yohan Blake zum Beispiel. Die Zeit im Callroom, dem Wartebereich zum Hinauslaufen, sei zu lang gewesen, berichtete der Jamaikaner. «Das Rennen begann zehn Minuten zu spät, wir mussten 40 Minuten dort warten, es war verrückt.» Auch Justin Gatlin, der Bolt schon über 100 Meter die Abschiedssause versaut hatte und nach Gold nun auch Silber gewonnen hatte, sah in der langen Pause zwischen Aufwärmen und Losrennen ein Problem. «Wir wurden zu lange ohne unsere T-Shirts stehen gelassen. Ich habe meine ganze Wärme wieder verloren», sagte Gatlin und dann deutlich: «Ich glaube, das hat Usains Verletzung begünstigt.» Bolt sei immer auf den Punkt bereit und darauf bedacht, sicher zu gehen, Verletzungen zu vermeiden.

«Ich werde alt», sagte Bolt über Bolt

Ihn hatten in der Vergangenheit ja immer wieder Zipperlein eingeholt, die Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt bei ihm zum beliebten Arzt machten. Seine Weltrekorde über 100 Meter und 200 Meter sind jetzt acht Jahre her, danach entfernte sich Jamaikas Nationalheld immer mehr von ihnen.

«Ich werde alt», hatte Bolt vor dieser WM immer wieder betont, um gleich allen die Hoffnung zu nehmen, er könnte doch eines Tages den Rücktritt vom Rücktritt unternehmen. «Ich bin aufgeregt, endlich normal leben zu können, aufzustehen, wann ich will, und zu wissen, dass ich kein Training habe», sagte er. Man hatte keine Zweifel daran, dass er bereit ist für den nächsten Lebensabschnitt. In London war er in den vergangenen Tagen fast schon abgetaucht.

Er habe einen Krampf im Oberschenkel gehabt, liess Team Jamaika in der Nacht noch vermelden, der Grossteil der Schmerzen komme wohl von der Enttäuschung über die Niederlage. «Seine letzten drei Wochen waren hart, wir hoffen das Beste für ihn.» Der Sprinter liess erst wieder nach Mitternacht von sich hören, auf seiner Facebookseite. «Thank you my peeps», schrieb Bolt, «infinitive love for my fans». Dazu ein Bild von ihm, wie er zwischen seinen Staffelkollegen auf den Knien hockt, gestützt, geschlagen. Nach neun Jahren Klamauk sah man wieder einen Menschen. (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 13.08.2017, 09:42 Uhr

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