Zeit für eine Entschuldigung

Ein neuer Weg, zwei Rekorde in drei Stunden – Alex Wilson ist der schnellste Schweizer.

Exploit am Samstag: Alex Wilson bei seinem Rekordsprint über 100 Meter im Sepp-Herberger-Stadion in Weinheim. Foto: Simon Hofmann (Getty Images)

Exploit am Samstag: Alex Wilson bei seinem Rekordsprint über 100 Meter im Sepp-Herberger-Stadion in Weinheim. Foto: Simon Hofmann (Getty Images)

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So detailliert hat das niemand aufgeschrieben, aber es ist wohl einmalig in der Schweizer Leichtathletik, was Alex Wilson schaffte: Innerhalb von drei Stunden sprintete der 26-jährige Basler am Samstag in Weinheim (GER) zu zwei Schweizer Rekorden. Einen Tag später aber sagt er, damit habe er noch gar nichts gewonnen. Die 10,11 Sekunden über 100 m reichten ja noch lange nicht für den WM-Final im Sommer. Um eine Hundertstelsekunde hat er die eigene Bestzeit verbessert, vier Jahre alt war diese gewesen. Dass er wenig später überhaupt noch über die doppelte Distanz antrat, war die Folge einer Drohung von einem seiner neuen Trainer: Jetzt 200 m oder am Montag ein hartes Training. Wilson hatte die Wahl. Er entschied sich für das weniger Aufwendige, und nach 20,37 Sekunden hatte er auch den 22 Jahre alten Rekord von Kevin Widmer getilgt.

Zufall ist das alles nicht. Der gebürtige Jamaikaner zog im vergangenen Sommer einen Schlussstrich unter sein bisheriges Athletenleben, er verliess seine Trainingsbasis in Stuttgart. Zwar war er an der EM Siebter über 200 m geworden, sein Hauptziel aber, die Olympischen Spiele in Rio, hatte er ­verpasst. Nicht schnell genug, zu oft verletzt, zu viele Zweifel. Knieprobleme plagten ihn seit Jahren, eine Oberschenkelverletzung war im letzten Frühling dazugekommen. «Es war das Zeichen, dass ich etwas ändern muss und dass ich im Training eine Gruppe um mich brauche», sagt er.

«Auf die Welt gekommen»

Gelandet ist Wilson in London, und auch das ist kein Zufall. Der eher bullige Sprinter stand schon lange in Kontakt mit Lloyd Cowan, ebenfalls ein gebürtiger Jamaikaner, der dort als Trainer tätig ist. Unter gewissen Auflagen war er willkommen, «das und das musst du erfüllen, sagten sie mir, ich wusste, dass es nicht einfach würde», erzählt er. Ein Problem war da noch – ein nicht ganz unerhebliches: Das Projekt London kostet rund doppelt so viel wie bis anhin Stuttgart. Von seinen Plänen liess sich lediglich ein Sponsor überzeugen, «dafür für die nächsten vier Jahre».

Seit Oktober trainiert Wilson also in einer rund 50-köpfigen Gruppe. Üblicherweise pendelt er zwischen Basel und England, zwei Wochen London, drei Tage Schweiz – wenn er nicht gerade im Trainingslager ist wie in den vergangenen drei Monaten in Florida. Wilson hat gefunden, wonach er gesucht hat, doch er sagt: «So etwas habe ich noch nie erlebt, ich bin auf die Welt gekommen.» Er spricht von grossen Trainingsumfängen, von hoher Intensität, ebensolchen Ansprüchen der Coaches, von Kilos, die er hat abspecken müssen, «alles nicht einfach zu ertragen». Es hat Tage gegeben, an denen Wilson aufgeben wollte, die Lust war ihm vergangen. Aber: Die Trainer hinderten ihn daran. Jetzt sagt er – und er kann den Stolz nicht kaschieren: «Ich habe es geschafft, es ist ein erster Schritt.»

Erst ein Schritt zum Ziel

Als Wilson vor acht Tagen in Basel auf der Schützenmatte in seinem ersten Saisonrennen in 10,16 gestoppt wurde, war das zwar erfreulich, erwartet hatten die Trainer aber, «dass ich die WM-Limite aus dem Weg räume», wie er das umschreibt. Vier Hundertstel fehlten damals, bei nächster Gelegenheit hat er die Qualifikation für die Titelkämpfe – in London – nachgeholt. Sie sind das grosse Ziel, «ich will mehr als den Halbfinal», sagt er. Und findet, jetzt sei Zeit für eine Entschuldigung. «Bei meinen Trainern. Für das dauernde Reklamieren und dafür, dass ich immer gemeckert habe, dass die Form nicht kommt.» Sie ist gekommen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.05.2017, 22:53 Uhr

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