Ein Schlitzohr sprintet an die Weltspitze

Alex Wilson ist berüchtigt für seine Sprüche. Jetzt bricht er gleich zwei Schweizer Rekorde. So wurde der Zuzüger zum Klassesprinter.

Alex Wilsons Rekordlauf über 100 m. (Video: Youtube/Swiss Athletics)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Alex Wilson ist ein Ereignis. Bekommt er nämlich ein Mikrofon vorgesetzt, fragt man sich als Zuhörer stets: Wird es wie fast immer lustig – oder auch ein bisschen zum Fremdschämen? Schliesslich scheint es einfach aus ihm heraus zu plappern. Seit vergangenem Sommer ist der Basler auch dank seiner Sprüche weit über die Schweizer Leichtathletik-Szene hinaus bekannt.

Authentisch-unmittelbar parlierte er da wieder einmal ins Mikrofon, nachdem er sich im EM-Final über 200 Metern in starken 20,04 Sekunden die Bronzemedaille erkämpft hatte.

Gestern doppelte er in der Höhe von La Chaux-de-Fonds auf knapp 1000 m über Meer nach: Erst drückte er seinen Schweizer 100-m-Rekord auf 10,08 Sekunden (bisher 10,11), knapp drei Stunden später verbesserte er seinen 200-m-Rekord auf 19,98 Sekunden (bisher 20,04). Wilson ist auch auf dem Papier dort angekommen, wo er sich phasenweise schon immer sah: in der Weltklasse. Mit dieser Zeit nimmt er Position 8 der Weltrangliste ein.

Doch wer Wilson als vielsprechenden Leichtfuss abtut, irrt. Er will wissen, wie man ihn in der Öffentlichkeit wahrnimmt, liest jeden Onlinekommentar über sich – und sagt einem Journalisten auch einmal in seiner direkten Art: «Deinen Text über mich habe ich jetzt aber nicht besonders gut gefunden.»

Der begnadete Verkäufer

Seine einnehmende, schlitzohrige Art zeichnete ihn schon als Teenager aus. Als er in jungen Jahren in der Migros einen Aushilfsjob erledigte, sorgte er in Kürze dafür, dass alle Schlitten ausverkauft waren (und auch fast alle Schuhe, darauf legt er Wert). Er sagte der «NZZ» einst: «Du musst einfach mit den Menschen reden können, dann überzeugst du sie. Mit Arroganz geht nichts; ich bin fröhlich, rede mit jedem.»

Diese Charakterzüge haben ihm geholfen. Obschon er die 100 m bereits mit 22 Jahren in 10,12 sprinten konnte, stagnierte er in der Folge. Dem Profi ging das Geld zwar nicht gerade aus, es wurde aber deutlich weniger.

Mit seiner positiven Art und grossem Engagement schaffte er es trotzdem, seine Karriere nach dem Trainerwechsel zu den beiden Briten Clarence Callender und Lloyd Cowan ab Spätherbst 2016 neu zu lancieren – und die dafür notwendigen 100 000 Franken aufzubringen. Dass er nebenbei auch noch ein Haus kaufte, mitrenovierte, heiratete und zwei Kinder empfangen durfte, belegt: Wilson kann viele Bälle in der Luft halten.

Erfolgreich abgespeckt

Dabei startete er mit enormem Rückstand in sein Leben als Schweizer: Als 15-Jähriger folgte er der Mutter aus Jamaika. Wilson sprach kein Deutsch, verlor seine Freunde, wurde aggressiv und von Heimweh geplagt. Doch er hatte auch immer Glück. In seinen ersten Leichtathletik-Trainern Hansjörg Haas und Christian Oberer fand er auch zwei Ersatzväter, die ihm «Tausende von Nachhilfestunden» gaben und seine Kassenzettel nach Einkäufen kontrollierten, damit er mit Geld umzugehen lernte.

Sein später Durchbruch in die Weltklasse – Wilson wird im September 29-jährig – aber ist auf seine britischen Coaches zurückzuführen. Die sagten dem damaligen Nobody nach dessen Ankunft in der neuen Trainingszentrale London trocken: «Du bist zu schwer.» 92 kg wog Wilson, mittlerweile ist er unter 80 kg und wirkt so austrainiert wie nie.

Verbessert hat er sich zudem in Start und Beschleunigung. Gestern schoss er geschmeidig wie selten aus dem Block. Nun kann er sich am Mittwoch an der Athletissima in Lausanne darum in neuer Paradeform auf der grossen Schweizer Leichtathletik-Bühne präsentieren.

Wilsons Rekord über 200 m: Er bleibt als erster Schweizer unter 20 Sekunden. (Video: Youtube/Swiss Athletics)

Neben Wilson brillierte auch Disziplinenkollegin Salomé Kora. Die St. Gallerin absolvierte bei idealem Rückenwind (1,9 m/s) die 100 m in 11,13 Sekunden und unterbot damit die Limite für Olympische Spiele und WM. Es ist die zweitschnellste Zeit einer Schweizerin. Den Rekord hält Mujinga Kambundji mit 10,95. Leicht verbesserte präsentierte sich Lea Sprunger. Die Europameisterin über 400 m Hürden lief zu Saisonbestzeit von 55,74 Sekunden.

Erstellt: 01.07.2019, 06:31 Uhr

Artikel zum Thema

Revolutionär oder schon gaga?

In der olympischen Kernsportart Leichtathletik wird an vielen neuen Wettkampfformen getüftelt. Die extremste wird vertagt. Doch an den Europaspielen wird ein Vorgeschmack präsentiert. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Ein Märchen aus Lichtern: Zum ersten Mal findet das Internationale Chinesische Laternenfestival «Fesiluz» in Lateinamerika, Santiago de Chile statt. Es dauert bis Ende Februar 2020. (3. Dezember 2019)
(Bild: Alberto Walde) Mehr...