«Alles, was noch kommt, ist Zugabe. Jetzt kann ich es geniessen»

Mujinga Kambundji plant nach ihrer WM-Bronzemedaille über 200 m bis Olympia 2024 und denkt an eine Familie.

Historischer Tag: Mujinga Kambundjis Lauf zu Bronze. (Video: SRF)

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Sie sind auf Ihrem vorläufigen Karrierehöhepunkt – wie ist es da oben?
Sehr schön! (lacht) Weil die Bronzemedaille eine mega Überraschung war – für mich, für alle. Natürlich bin ich mit dem Ziel, das Bestmögliche zu machen, in die Saison gestartet. Aber nicht mit dem Gedanken, dass so etwas möglich wäre. Ich ging auch nicht mit dem Gedanken an eine WM-­Medaille nach Doha.

Ist das die Lehre aus der letztjährigen EM, als Sie dreimal Vierte wurden?
Ja, ich habe in den letzten Jahren gelernt, dass es nicht gut ist, wenn ich denke: Ich will jetzt hier eine Medaille. Ich muss einfach ins Rennen gehen, das Beste herausholen und schauen, wofür es reicht.

Welcher Moment der WM wird Ihnen in Erinnerung bleiben?
Es gab zwei ganz spezielle: Als ich realisierte, dass ich Dritte bin – ich habe es geschafft! Obwohl: Das war nicht anders als 2016 in Amsterdam, als ich EM-Dritte war, oder in Birmingham, als ich an der Hallen-WM Dritte wurde. Es war die gleiche Freude. Der zweite Moment, als ich es noch ein wenig mehr realisierte, war im Hotel. Ich war allein, und als ich all die Nachrichten sah, all die Artikel! Ich überflog ein paar Kommentare, da merkte ich, es ist wirklich riesig, was ich geschafft habe. Vor allem, als ich die Namen der anderen Schweizer WM-Medaillengewinner las, realisierte ich: Ah krass, das hat eine solche Bedeutung.

«Ich überflog die Kommentare, da merkte ich, dass es riesig ist, was ich
geschafft habe.»

War das 100-Meter-Rennen bereits vergessen, bei dem Sie wegen 5 Tausendstelsekunden ausschieden?
Es war schnell okay, wie es war. Ich wusste, die WM ist noch nicht fertig. Ich war schon unten auf der Bahn enttäuscht, als ich die Zeit sah. 11,10 – ich dachte da schon, das reicht wohl nicht. Erst als ich beim TV-Interview war, erfuhr ich, dass eine Konkurrentin ebenfalls 11,10 gelaufen war und die Tausendstel entscheiden mussten.

Sie waren mehr über Ihre Zeit als über das Ausscheiden enttäuscht?
Ja.

War die Medaille Erleichterung oder Genugtuung, oder hatten Sie das Gefühl, es jemandem gezeigt oder jemandem etwas bewiesen zu haben?
Ich habe mich «hönnegfreut», im Final zu sein. Ich wusste, dass ich das Niveau der anderen habe, dass ich mein bestes Rennen machen kann. Es war mehr das Gefühl: Ich habe es geschafft. Da war schon ein wenig Erleichterung. Aber es war kein Vergleich zum Gefühl am Citius-Meeting Anfang August in Bern. Damals war mir wirklich ein Stein vom Herzen gefallen. Zuvor war alles negativ, klappte nichts. Und dann klappte plötzlich alles. In Doha war schon vorher ­alles positiv und cool gewesen, und es wurde noch positiver und cooler.

Eine solche Medaille kann Ansporn für noch mehr sein. Kann sie auch das Gefühl auslösen, die Ziele nun erreicht zu haben?
Beides. Nach diesem Final ist alles, was noch kommt, Zugabe. Ab jetzt kann ich es geniessen, versuchen, es noch besser zu machen. Wenn ich es nie mehr schaffen sollte, eine Medaille zu gewinnen – dann gut, ich habe ja eine. Ich habe geschafft, was ich nie glaubte erreichen zu können. Aber über 100 Meter möchte ich schon auch noch in den Final.


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Alles noch Zugabe – eine gefährliche Ausgangslage?
Nein, eine motivierende. Auch dass ich den 100-m-Final verpasste, war letztlich mega motivierend für die zweite Chance. Ich freue mich «hönne», nächstes Jahr bei Olympia starten zu können. Ich war nun das zweite Jahr auf einem sehr hohen Niveau, das für einen Final reichen müsste. Die Puzzleteile sind da und stabil, und ich weiss, wie und mit welchen Leuten es weitergeht.

Wie geht es weiter?
Mit meinem bestehenden Team, und ich möchte wieder einen grösseren Teil des Trainings in Bern absolvieren, damit ich zur Ruhe komme. Wann ich aber in die Saison einsteige, ist noch nicht klar. Tendenziell wird alles viel früher sein, weil die Olympischen Spiele ja Ende Juli beginnen.

Sie sagen von sich, im Training eher faul zu sein, wenn zwei Läufe reichen, wieso drei machen?
In der Leichtathletik ziehen die Disziplinen tendenziell gewisse Charaktere an – bei den meisten Sprintern ist es schon so, dass sie keinen Meter zu viel gehen. Ich habe im Training auch noch nie von einem Sprinter gehört, dass er gerne mehr machen möchte. Wo in anderen Sportarten «je mehr, desto besser» gilt, ist es im Sprint überhaupt nicht so, es geht immer ums Qualitative. Wenn zwei Läufe reichen, mache ich zwei vollgas und nicht drei halbbatzig.

Die Spiele in Tokio werden Ihre dritten sein. Wird es auch noch vierte in Paris 2024 geben?
Ja, der langfristige Plan sieht vor, dass ich auch 2024 noch an Olympia dabei bin. Aber ich muss schauen, wie ich mich fühle, man hört so dies und das von Älteren. Es ist nicht mega schlimm, aber ich muss schon vom Alter reden. (lacht) Ich bin halt auch nicht mehr Anfang zwanzig…

Am Samstag wurde Kambundji in ihrer Heimatgemeinde Köniz für den Gewinn der Bronzemedaille geehrt. (Bild: Anthony Anex, Keystone)

Was ist das ideale Sprinteralter?
Sehr unterschiedlich. Es hängt auch davon ab, wann jemand beginnt, richtig hart zu trainieren.

Sie scheinen mittendrin?
Ja, aber es heisst nicht, dass ich dieses Niveau nicht schon vor vier Jahren hätte haben können – vorausgesetzt, ich hätte trainiert wie in den letzten Jahren. Aber: Je älter, desto anfälliger wird man. Ich werde von Jahr zu Jahr schauen, was noch Sinn macht.

Einmal eine Familie zu haben, ist das ein Thema?
Ja, (strahlt) irgend einmal schon. Es wird immer mehr ein Thema, das merke ich. Aber im Moment fägt es noch sehr im Sport, es ist «hönnecool», es wäre schade, das jetzt aufzugeben. Für eine Familie habe ich noch genügend Zeit.

In Doha wurden sechs Mütter Weltmeisterinnen.
Ich glaube, solches kann man nicht planen. Es muss ja alles irgendwie passen. Auf jeden Fall ist bis 2024 kein Unterbruch geplant.

«Geht es Richtung Meisterschaften, verzichte ich auf das Glas Wein
am Abend.»

Das wären noch mindestens fünf Wettkampfjahre. Worauf verzichten Sie für den Sport?
Am ehesten auf das spontane Verreisen. Schnell ein Wochenende in die Berge fahren oder zwei, drei Tage in eine Stadt. Es würde mir auch die Energie fehlen, um wandern zu gehen. Bei allem anderen habe ich nicht das Gefühl von Verzicht, ich mache es weniger oft. Ich sehe meine Kolleginnen weniger, aber die Prioritäten habe ich so gesetzt. Ich muss ich ja nicht mega komisch essen, keine Sachen, die ich nicht geniessen könnte. Gesund essen ist nichts Schlechtes. Klar, wenn es Richtung Meisterschaften geht, verzichte ich auf das Glas Wein am Abend, das ich in der Vorbereitung ab und zu trinke.

Was entschädigt Sie für die Einschränkungen?
Was ich jetzt gerade erlebe. (lacht) Aber ganz allgemein der Sport, die Wettkämpfe, ich war in dieser Saison in Stanford, habe in Frankreich neue Leute kennen gelernt. Oder was jetzt in Doha «hönnehönnehönneschön» war, war die Freude von Konkurrentinnen anderer Nationen, die sich für mich und die Medaille freuten, die mit mir trauerten und mitlitten.

Können Sie sich vorstellen, nach Ihrer Karriere weiter in dieser Szene tätig zu sein?
Ich denke schon. Wohl nicht als Trainerin, aber vielleicht als Coach oder Beraterin von Jungen. Ich beispielsweise profitierte von Mireille Donders (einstige Sprint­Rekordhalterin). Mit ihr konnte ich einfach so reden, und ich wusste, dass sie mich versteht.

Ihre jüngste Schwester ist zehn Jahre jünger als Sie und ebenso talentiert. Ist sie Ihre Zukunft?
Ja, ihr helfe ich heute schon. Sie kommt, wenn sie eine Frage hat, auch wenn es manchmal blöde Fragen sind. Es geht ihr nur darum, zu hören, was ich denke.

Erkennen Sie sich in Ihrer Schwester wieder?
Ja. Was ich bei ihr bemerke: Sie ist so unbeschwert, sie überlegt nicht zigmal, sondern macht einfach, hat Freude. Für sie ist im Moment alles cool, sie war an den Jugendspielen, die Unterkunft war cool, die Kleider, die sie bekamen, waren cool – das war bei mir gleich.

Beneiden Sie sie um diese Unbeschwertheit?
Ja, schon.



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Erstellt: 13.10.2019, 13:11 Uhr

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Mujinga Kambundji

Die 27-jährige Bernerin ist erst die zweite Schweizerin nach Anita Weyermann, die mit Bronze über 200 m eine WM-Medaille gewann. Mujinga Kambundji ist die zweitälteste von vier Töchtern, die alle Leichtathletik betrieben oder betreiben, und ist in festen Händen. Ihr Trainer Steve Fudge hat seine Basis in London, Kambundji weilt wochenweise dort. (mos)

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