Das Duell der Schwergewichte

Die Leichtathletik-Legenden Sebastian Coe und Sergei Bubka wollen sich ins höchste Amt ihres Sports wählen lassen. Ihre Wahlversprechen sind mit Vorsicht zu geniessen.

Sebastian Coe (58, links) ist 12-facher Weltrekordhalter über die Mittelstrecken, Sergei Bubka 35-facher Weltrekordhalter mit dem Stab. Fotos: Reuters, Getty

Sebastian Coe (58, links) ist 12-facher Weltrekordhalter über die Mittelstrecken, Sergei Bubka 35-facher Weltrekordhalter mit dem Stab. Fotos: Reuters, Getty

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Sebastian Coe ist Dauer-Rundendreher geblieben. Zwar rennt der 12-fache Mittelstrecken-Weltrekordhalter nicht mehr durch die Arenen dieser Welt, dafür jettet er nun ständig um den Globus. Seit September hat er 450'000 Flugkilo­meter zurück­gelegt, um möglichst viele der 214 nationalen Mitglieder des Weltleicht­athletik-­­Verbandes zu überzeugen, ihn in drei Wochen in Peking zum neuen Präsidenten zu wählen.

Sein Konkurrent steht dem Briten in leichtathletischen Weihen kein bisschen nach: Sergei Bubka, 35-facher Stab-Weltrekordhalter aus der Ukraine. Zwar hat Bubka seine Kilometerzahl nicht zusammengezählt. Betrachtet man sich auf Twitter jedoch, wo er in den letzten ­Monaten überall weilte, dürfte er Coe nahe kommen. Zusammen sah man die beiden Funktionärsschwergewichte praktisch nie. Ihr Verhältnis, so sagt man, sei distanziert. Klar ist, wer bei der Wahl mehr riskiert: ­Sebastian Coe.

Der 58-Jährige verzichtet im Gegensatz zum 51-Jährigen darauf, auch als ­Vizepräsident zu kandidieren. Scheitert Coe, scheidet er aus den Leichtathletikgremien aus. Einige Monate vor Bubka hatte er seine Ambitionen verlautbart und auch einige Monate vor diesem seine Pläne als oberster Leichtathlet publiziert. Der Titel: «Die Leichtathletik in ein neues Zeitalter führen». Bubka konterte mit ­seiner Programm-Schlagzeile (und einer ­Anspielung auf seine Flugkünste): «Die Leichtathletik zu neuen Höhen bringen».

Mehr Geld für die Mitglieder

Inhaltlich sind sich die Dossiers so ähnlich, dass man sie sehr genau vergleichen muss, bis man auf Abweichungen stösst. Beide wollen sie die Jugend auf modernere Art ansprechen, die Wettkampfformen und -orte anpassen, die Mitgliederverbände besser betreuen und alimentieren, Doping härter ­bekämpfen und die Geldströme mehren. In den meisten Punkten ist Coe ­detaillierter und präziser.

Trotzdem geriet er in die Defensive, als Bubka im Juni ankündigte, er wolle den Nationalverbänden mehr Geld zukommen lassen – obschon Bubka offenliess, aus welchen Kassen er wie viel Geld verteilen würde. Welches Mitglied ist da schon dagegen? Ende der letzten Woche legte Coe nach. Auch er verspricht mehr Geld, nennt aber eine konkrete Zahl und die Quelle: 22 Millionen Dollar möchte er neu über einen Zeitraum von vier Jahren verteilen, circa 100'000 Dollar pro Jahr und Verband. Das Geld stammt primär vom IOK und soll für Infrastrukturprojekte oder etwa Trainerlöhne verwendet werden. Eine neue Kommission würde überprüfen, dass das Geld am richtigen Ort ankommt und für die eingegebene Idee verwendet wird.

Zum Gegner haben sich die beiden nie dezidiert geäussert.

Was aktuelle Leichtathletik-Grössen von den Vorschlägen halten, ist mehrheitlich unbekannt. Sie ziehen das Schweigen vor. Trotzdem ist von einzelnen zu erfahren, wen sie favorisieren. Bubka kann sich auf Renaud Lavillenie verlassen, den Stab-Olympiasieger. Für Coe sprachen sich öffentlich die Olympiasieger David Rudisha (800 m), Jessica Ennis-Hill (7-Kampf) und Valerie Adams (Kugel) aus sowie die zurückgetretenen Haile Gebrselassie (5000/10'000 m) und Jelena Isinbajewa (Stab). Von den nationalen Verbänden wiederum wollen beide Signale erhalten haben, dass sie über intakte Wahlchancen verfügten.

Zum Gegner haben sich die beiden nie dezidiert geäussert. Coe erlaubte sich die maximale Spitze, indem er sich als «transparentesten Kandidaten» bezeichnete. Er spielte damit auf das Dossier von Bubka an. Der listet über zwei Seiten zwar ausführlich auf, wo es ihn in den letzten 15 Jahren überall hinzog. Seine undurchsichtigste Position nennt er jedoch nicht: Bubka präsidierte einst eine ukrainische Privatbank, die nach ­finanziellen Problemen verstaatlicht werden musste. Bubka hatte sein Geld da schon abgezogen.

Bubkas Doperin, Coes Autokraten

Irritierend ist bei ihm zudem, dass er in einer kürzlich erschienenen Biografie für Kinder namens «Flying Bubka» über die Bilder von vier ukrainischen Leichtathleten schreiben liess: «Es bereitet mir grosses Vergnügen, zu sehen, ob meine Ratschläge an talentierte Athleten ­erfolgreich waren.» Abgebildet ist mit Natalia Pyhyda auch eine Sprinterin, die wegen Dopings gesperrt war. Wenn Bubka in seinem Programm darum ­davon spricht, betreffend Doping eine Nulltoleranz-Strategie fahren zu wollen, muss man ihm misstrauen.

Auch Coe ist nicht widerspruchsfrei. Er wünsche sich eine glaubwürdige und ethisch handelnde Leichtathletik, schreibt er in seinem Manifest. Dass er mit seiner Marketingfirma für Autokraten in Aserbeidschan und Turkmenistan wirbelte und ihnen mit seiner Sport­expertise beim Aufbau je eines Grossanlasses half bzw. hilft, zeigt auch bei ihm: (Wahlkampf-)Papier ist geduldig.

Erstellt: 28.07.2015, 18:16 Uhr

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