Das Duell mit ungleichen Spiessen

Der Schweizer Tadesse Abraham fordert den dreifachen Halbmarathon-Weltmeister Geoffrey Kamworor am Grand Prix von Bern heraus.

Wer ist der Favorit und wer der Herausforderer? Tadesse Abraham und Geoffrey Kamworor. (Bild: Raphael Moser)

Wer ist der Favorit und wer der Herausforderer? Tadesse Abraham und Geoffrey Kamworor. (Bild: Raphael Moser)

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Unbestritten ist, dass der heimliche Star am Grand Prix von Bern alljährlich die Masse von Läuferinnen und Läufern ist, die ihn zum grössten Volkslauf der Deutschschweiz macht. Ebenso unbestritten ist aber auch, dass der GP jedes Jahr neben dem heimlichen mit mindestens einem «wirklichen» Star aufwartet. In den Siegerlisten sind so in den letzten Jahren die Namen der äthiopischen Lauflegenden Haile Gebrselassie und Kenenisa Bekele zu finden, beide Olympiasieger und Weltmeister, dazwischen prägte der spätere New-York-Marathon-Sieger Ghirmay Ghebreslassie aus Eritrea zwei Austragungen.

Und nun also hat sich der ­Kenianer Geoffrey Kamworor für das Rennen über 10 Meilen verpflichten lassen. Er, der schon fünf WM-Titel in seinem Palmarès stehen und möglicherweise eine noch grössere Zukunft vor sich hat. Der 38. GP soll zum ­Duell des Halbmarathon-Weltmeisters gegen den Halbmarathon-Europameister werden, zum Duell zwischen Kamworor und Tadesse Abraham.

Der 19-jährige Pacemaker

Kamworor ist direkt aus Kenia angereist und hat am Donnerstagmorgen erstmals die Strecke und ihre Eigenheiten inspiziert – noch vor dem Regen. Wenn er mit leiser Stimme seine Rennen aufzählt, die er in diesem Jahr bestreitet, wird klar, dass der GP für ihn nicht irgendein Wettkampf ist: Cross-WM in Aarhus im März, morgen Bern, Anfang Oktober die WM in Doha – ob auf der Strasse oder auf der Bahn weiss selbst er noch nicht. Der 26-Jährige gilt als sehr behutsam aufgebauter Läufer mit dosierten Einsätzen, der nach den Olympischen Spielen in Tokio nächstes Jahr definitiv auf die Marathondistanz umsteigen wird. Um dannzumal vielleicht Nachfolger seines Vorbildes und Trainingspartners zu werden: Kamworor gehört zur Trainingsgruppe von Marathon-Weltrekordhalter Eliud Kipchoge. «Seit neun Jahren laufe ich mit ihm, sein Trainer Patrick Sang ist auch mein Trainer, es ist sehr ermutigend, was er leistet», sagt er mit viel Bewunderung.

Kamworor allerdings braucht sich nicht hinter seinem grossen Landsmann zu verstecken. Erst 19-jährig, war er bereits Pacemaker, als Patrick Makau 2011 in Berlin Weltrekord lief. Und ein Jahr später, beim eigenen Marathon-Debüt, wurde er – ebenfalls in Berlin – gleich Dritter. Wird er also im Herbst einer der Tempomacher sein, wenn Kollege Kipchoge in London versuchen wird, als erster Mensch den Marathon unter 2 Stunden zu laufen? Kamworor lacht und lässt seine weissen Zähne aufblitzen. «Ja, vielleicht. Darüber diskutieren wir in den nächsten Wochen, wenn ich wieder zurück in Kenia bin.»

Die ersten herausragenden Resultate

Wer ist nun der Herausforderer auf der recht schwierigen, coupierten Strecke über 16,09 km mit Kopfsteinpflaster in der Altstadt und Naturboden im Dählhölzliwald, mit Abschnitten, die bei nassen Bedingungen Vorsicht gebieten? Kamworor oder Abraham, der 36-jährige Schweizer Marathon-Rekordhalter? Der Neuling oder der Kenner der Strecke, der den Klassiker schon dreimal gewann (2005, 2014, 2015)? Der Bronzegewinner der Cross-WM in Aarhus oder der Zweite des Wien-Marathons in seiner zweitbesten Zeit (2:07:24)?

«Das Duell wird sehr interessant, ich bin auch bereit, den Streckenrekord zu brechen», sagt Kamworor mutig und fügt an: «Kein Mensch ist limitiert.» Bei diesen Worten glaubt man, seinen Lehrmeister Kipchoge herauszuhören, der dieses Mantra lebt wie kein Zweiter. Natürlich weiss auch Kamworor, dass Abraham im Vorteil ist. Dieser sagt, die Leistung von Wien gebe ihm tatsächlich viel Kraft und Motivation, will aber von Vorteil nur bedingt etwas wissen: «Wenn er mir entwischt und ich hinterherlaufe, nützen mir alle Kenntnisse nichts mehr», sagt er mit einem Lachen. Und spätestens jetzt erfährt der Kenianer, dass der Streckenrekord seit 2004 unangetastet bei 46:05 ­Minuten liegt. Auch keine der ­Legenden vermochte die Marke des Eritreers Zersenay Tadese umzustossen.

Kamworor und Abraham stehen sich nicht zum ersten Mal gegenüber, «Geoffrey hat das damals nur nicht realisiert», sagt der Schweizer. Ihr erstes gemeinsames Rennen war 2017 der New York Marathon, der für den einen wie für den andern hervorragend endete. Wie üblich an solchen Grossanlässen werden die Spitzenläufer vorgängig zur Medienkonferenz eingeladen – neben dem Kenianer wurde auch Abraham vorgestellt, es waren der spätere Sieger und der Fünftplatzierte. Kamworor gewann im Central Park sein erstes Rennen über 42,195 km – Abraham erzielte ein Spitzenergebnis, nachdem er in der ersten Jahreshälfte einen Ermüdungsbruch hatte auskurieren müssen.

Der GP als Auftakt für die WM-Vorbereitung

Auch wenn es noch knapp fünf Monate sind bis zum Saisonhöhepunkt: Sowohl für Kamworor als auch für Abraham stellt der Grand Prix den Auftakt zur WM-Vorbereitung dar. Der Schweizer hat damit in den vergangenen Jahren gute Erfahrungen gemacht. Er sagt: «Ich bin schon mehrmals danach an internationalen Meisterschaften gestartet und hatte Erfolg. Im vergangenen Jahr gewann ich in Berlin EM-Silber im Marathon, 2016 wurde ich in Holland Halbmarathon-Europameister.» Abraham wird den Sommer über in St. Moritz weilen und sich erst im August und September seiner Trainingsgruppe in Äthiopien anschliessen. Im Gegensatz zu Kamworor ist er schon für die WM selektioniert. Der Kenianer liebäugelt damit, dass er sich nicht mehr beweisen muss und der Verband ihn aufgrund bisheriger Leistungen setzt – in welcher Disziplin auch immer.

Erstellt: 10.05.2019, 10:02 Uhr

Über 32'000 am GP Bern

Der Grand-Prix von Bern glänzt Jahr für Jahr mit international starker Elite, ist aber auch die grösste Breitensportveranstaltung der Schweiz. 32'425 Läuferinnen und Läufer haben sich für die 38. Austragung von morgen Samstag angemeldet, erst einmal (2017) waren es mehr (33'618). Im Fokus steht das Männerduell Abraham gegen Kamworor über 10 Meilen (16,09 km), im Altstadt-GP über 4,7 km strebt das 18-jährige Berner Ausnahmetalent Delia Sclabas seinen vierten Sieg an.

Verletzungsbedingt forfait geben musste gestern Fabienne Schlumpf, und auch die Vorjahressiegerin im GP, Martina Strähl, fehlt wegen einer Verletzung. (mos)

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