Der Kenianer

Kann ein Nichtafrikaner schnellster Marathonläufer der Welt werden? Julien Wanders, Sohn einer Geigerin und eines Chemielehrers aus Genf, versucht es gerade.

Historischer Moment: Julien Wanders läuft am 8. Februar 2019 als erst fünfter Europäer den Halbmarathon unter 60 Minuten. Video: Facebook/ATHLE.ch

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Prolog

Es ist zwanzig nach fünf an einem Maimorgen, als sich bei der Tankstelle am Ortseingang zwei Dutzend dünne Männer einfinden. In der Nacht hat es geregnet. Es ist kühl, und aus dem Tal steigen Nebelschwaden auf. Die Männer, lauter müde Gesichter, quetschen sich in ein matatu, ein Sammeltaxi. Der Fahrer dreht die Musik auf und startet den Motor. Dann jagt er in irrem Tempo über die Strasse, die aus der Stadt führt.

Fünfzehn Kilometer weiter hält das Sammeltaxi bei einem Feldweg. Von hier aus wollen sich die Männer auf ihren allmorgendlichen Trainingslauf begeben. Sie ziehen ihre Jacken und langen Hosen aus und bilden einen Halbkreis im Kegel der Autoscheinwerfer. Einer, offensichtlich der Anführer, tritt vor und erklärt in knappen Worten, was heute auf dem Plan steht: fünfundzwanzig Kilometer Laufen. Zu Beginn soll die Geschwindigkeit bei dreieinhalb Minuten pro Kilometer liegen, langsamer als sonst, doch dann muss sie auf knapp unter drei Minuten gesteigert werden. Als sich die Gruppe in Bewegung setzt, ist es bis auf das Knirschen der Erde unter den Schuhen der Läufer und dem Gezwitscher der Vögel mucksmäuschenstill.

Solche Gruppen sind in Iten, einer Ortschaft im Hochland von Kenia, an jedem Tag im Jahr unterwegs. Sie brechen vor dem Morgengrauen ein erstes und nach dem Mittag ein zweites Mal auf. Iten ist ärmlich, aber weniger arm als die Dörfer der Gegend, es gibt eine Bank, eine Poststelle, Schulen. Vierzigtausend Menschen leben hier, eine Autostunde von der Universitätsstadt Eldoret entfernt, auf 2400 Metern über Meer. Ein Viertel der Bevölkerung bezeichnet sich als Läuferin oder Läufer, was bedeutet, dass sie so Geld verdienen oder es zumindest versuchen.

Auf einem rostbraunen Torbogen am Stadteingang steht: «Home of Champions». Der Slogan wird in Zeitungen auf der ganzen Welt zitiert und ist nicht übertrieben. Etliche der besten Langstreckenläufer der Geschichte stammen von hier. Und ständig treffen Auswärtige ein, um etwas von dem Zauber abzubekommen, der von dem Ort ausgeht.

Die Frage, woher dieser Zauber rührt und wie Kenias extreme Dominanz im Langstreckenlauf erklärt werden kann, ist eine der kontroversesten im Sport: Was ist für den Erfolg wichtiger – Talent oder Training? Was ist angeboren, was erworben?

Die Mitglieder der Trainingsgruppe sind alle schwarz. Ihr Anführer aber ist weiss. Er stammt aus einem Land, das viele Tausend Kilometer entfernt liegt und ungleich reicher ist. Dennoch kann er sich nichts Besseres vorstellen, als hier an diesem Ort zu sein. Er heisst Julien Wanders, ist dreiundzwanzig Jahre alt und in Genf aufgewachsen. Er stammt aus einem Bildungsbürgerhaushalt. Die Mutter ist klassische Musikerin, der Vater Chemielehrer. Am Gymnasium übersprang er eine Klasse. Dem Studium setzte er ein noch schnelleres Ende: Nach dem ersten Tag ist er nie wieder hingegangen.

Als sich im Frühling 2017 eine Journalistin des «Tages-Anzeigers» bei ihm erkundigte, bei welcher historischen Begebenheit er gern dabei gewesen wäre, blickte er nicht in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft: «Ich wäre gerne der Hauptakteur beim ersten Marathon unter zwei Stunden.» Lange hielten ihn die Leute seiner Ziele wegen für arrogant – was von seinem wahren Wesen nicht weiter entfernt sein könnte –, und es gab eine Zeit, da sah es danach aus, als würden die Zweifler recht bekommen.

Inzwischen müssen selbst die, die Wanders für ein Grossmaul hielten, einräumen, dass er sich auf einem vielversprechenden Weg befindet. Seine erste Marathonteilnahme steht noch aus, aber im Halbmarathon verfügt er über eine Bestzeit, die man nicht hoch genug bewerten kann: 59:13 Minuten. In der Weltbestenliste belegt er damit Platz 40 – hinter Kenianern und Äthiopiern und einem Bahraini kenianischer Herkunft. Der nächste nichtafrikanische oder nicht in einem afrikanischen Land geborene Läufer folgt auf Platz 90, ein Brasilianer, dessen Karriere weit zurückliegt.

Wenn du am Ende bist, fang von vorne an: Julien Wanders beim Lauftraining. (Bild: Georges Cabrera)

Julien Wanders ist der mit Abstand beste Halbmarathonläufer weisser Hautfarbe, sein Werdegang eine der erstaunlichsten Geschichten, die man im Sport gegenwärtig beobachten kann. Zufrieden ist er aber noch nicht: Er will nicht nur der beste Weisse sein, sondern besser als die Ostafrikaner, die seit den 1990er-Jahren alle Disziplinen des Langstreckenlaufs beinahe nach Belieben dominieren.

Was ist das für ein Mensch, der in behüteten Verhältnissen in einer der wohlhabendsten Städte der Welt aufgewachsen ist, eine Karriere als Arzt oder Ingenieur hätte einschlagen können, sich aber freiwillig für ein entbehrungsreiches Leben in Iten entschied, dem Ort, wo er inzwischen etwa neun Monate pro Jahr lebt?

Seit der Abfahrt von der Tankstelle ist etwas mehr als eine Stunde verstrichen. Die Sonne ist aufgegangen und taucht die Gegend in ein unvergleichliches Licht. Julien Wanders trägt ein blaues T-Shirt, schwarze Hosen und Ärmlinge. Das Haar ist dunkel und auf den Seiten fast kahl geschoren, sein Blick starr nach vorne gerichtet. Die Schritte wirken so leicht, als schwebe er über dem Boden. Der Bauernjunge, der nach einigen Kilometern am Wegesrand auftaucht, schaut dem schnellen Weissen ungläubig hinterher, bis die Kühe, die er aufs Feld bringen soll, in alle Richtungen davongetrottet sind.

Was bin ich bereit, für meine Ziele aufzugeben? Das war die Frage, die Julien Wanders hierhergeführt hat. Die Antwort fiel anders aus als erwartet.

I

Julien Wanders kannte Iten, noch ehe er es mit eigenen Augen gesehen hatte: Für seine Maturaarbeit hatte er alles über das kenianische Hochland in Erfahrung zu bringen versucht. Als er zum ersten Mal dorthin aufbrach, Anfang 2015, war er gerade volljährig. Er schulterte seinen Rucksack und verabschiedete sich von den Eltern. Als er einen Monat später wieder vor ihnen stand, hatte er eine Lebensmittelvergiftung. Statt ihr Angebot anzunehmen, ihm ein Hotelzimmer mit Vollpension zu buchen, war er bei einem Einheimischen untergekommen. Nicht alle Gerichte waren ihm gleich gut bekommen.

Ein halbes Jahr später fuhr er wieder hin. Noch hielten ihn die Einheimischen für einen ganz normalen mzungu, einen dieser Europäer, die eine Weile von der für Ausdauertrainings idealen Höhenlage profitieren wollen, ehe sie sich wieder in den Komfort ihrer Heimat begeben. Doch nun erfuhr sein Leben zwei einschneidende Veränderungen.

Zunächst verstand Julien Wanders, dass die Einfachheit, die es ihm angetan hatte, nur dann ihre volle Wirkung entfalten kann, wenn er sich ihr nicht bloss für ein paar Wochen im Jahr aussetzt. Und dann verliebte er sich.

Joan Jepkorir, die alle Kolly nennen, ist vier Jahre älter als er, stammt aus Iten und arbeitete in einer Highschool, als sie Wanders kennen lernte. Dann übernahm sie das Café im Zentrum und wurde zugleich die grösste Unterstützerin ihres neuen Freundes. Sie kocht und wäscht, begleitet ihn zu den Rennen. Klingt nach traditioneller Rollenverteilung, doch jeder, der Kolly kennt, sagt, dass sie garantiert nicht für immer den Haushalt schmeissen werde.

In gewissen Dingen haben sie und Julien Wanders sehr verschiedene Ansichten, etwa wenn es um die Einrichtung der neuen Wohnung geht, die sie bald beziehen. Noch leben sie in einem Kabäuschen an der Hauptstrasse, das man nur über einen schmalen Durchgang zwischen einem Kiosk und einem Beautyshop erreicht. An Leinen, die an Pfählen befestigt sind, hängt Sportlerwäsche, auf einem Holzgerüst am anderen Ende des Hofs thront ein Wassertank für den Fall, dass die Kanalisation wieder einmal ausfällt.

Die Wände sind aus Backstein, Fenster und Türen mit knallblauem Rost vergittert. Die Monatsmiete beträgt achttausend Kenia-Schilling, knapp achtzig Franken, gleich viel wie der Internet- und Fernsehempfang. Etwa fünfzig Franken pro Woche kostet das Essen.

Der grösste Teil des Haushaltsbudgets geht fürs Training drauf. Weil der Umbau des öffentlichen Stadions nicht vorangeht, gibt es in Iten nur eine Anlage, in der man sich auf Bahnrennen vorbereiten kann – das High Altitude Training Centre an der Strasse nach Eldoret. Die frühere Spitzenläuferin Lornah Kiplagat, in deren Besitz es sich befindet, verlangt horrende Preise. Von den Einheimischen können sich die wenigsten den Eintritt leisten, weshalb Wanders für die ganze Gruppe bezahlt, in manchen Monaten mehr als tausend Franken.

Für ihr neues Daheim werden Kolly und er zwanzig Franken mehr ausgeben, aber es wird über ein drittes Zimmer verfügen. «Ich möchte den zusätzlichen Platz für Gäste haben», sagt Kolly auf Englisch, als sie in der winzigen Küche Geschirr und Lebensmittel in Umzugskartons verpackt. Wanders liegt auf der Couch und erholt sich vom Training, doch auf einmal ist er hellwach. «Ich dachte, da kommen meine Fitnessgeräte rein.» Dann lachen beide und sehen sich mit verliebten Augen an.

Julien Wanders ist liebenswert, aber schüchtern. Es braucht Zeit, bis er sich öffnet. Er spricht leise und wirkt, als gingen ihm tausend Dinge durch den Kopf, zu kompliziert, um sie mit jemandem zu teilen. Auf Whatsapp und Facebook schreibt er ellenlange Nachrichten, aber wenn er einem gegenübersitzt, ist er sparsam mit den Worten. Kolly hingegen strahlt Offenheit aus und ist vorwitzig. Sie umarmt die Menschen schon beim Kennenlernen.

In der Schweiz gilt Julien Wanders seit langem als Talent, doch in Iten war er bis vor kurzem einer unter vielen. Das änderte sich, als er zwischen Dezember 2018 und Februar 2019 drei bemerkenswerte Ergebnisse an Strassenläufen erzielte. In Houilles, einem Vorort von Paris, lief er Europarekord über zehn Kilometer. In Ras al-Khaima, einer Stadt in den Vereinigten Arabischen Emiraten, lief er Europarekord im Halbmarathon. Und in Monaco brach er auch noch den Strassenweltrekord über fünf Kilometer.

Die eindrücklichste Leistung war jene in Ras al-Khaima: Erstens ist nahezu jeder gute Marathonläufer auch ein guter Halbmarathonläufer. Zweitens war das Rennen top besetzt. Drittens hatte der Europarekord, den Wanders sich schnappte, zuvor dem Briten Mo Farah gehört, einem vierfachen Olympiasieger. Viertens ist im Halbmarathon noch niemals ein Nichtafrikaner schneller gelaufen.

Kurz vor seinem dreiundzwanzigsten Geburtstag ist Julien Wanders in der Weltklasse angekommen. Und so stellt sich nun auch bei ihm die Frage: Talent oder Training – was macht ihn so aussergewöhnlich? Wird er irgendwann sogar mit den allerschnellsten Kenianern mithalten können?

II

Wenn man bedenkt, dass der Laufsport als die am weitesten verbreitete und am leichtesten erlernbare Sportart der Welt gilt, ist es umso bemerkenswerter, dass im Langstreckenlauf ein einziges kleines Volk derart dominant auftritt: die Kalenjin. Sie stellen etwa drei Viertel aller kenianischen Weltklasseläuferinnen und Weltklasseläufer, aber mit etwas mehr als vier Millionen bloss ein Viertel der Bevölkerung des Landes – oder knapp 0,06 Prozent der weltweiten Population.

Die Übermacht der Kalenjin hängt auch mit einem Iren namens Colm O’Connell zusammen. Er empfängt einen in der Lobby des Kerio View, eines Hotels am Stadtrand von Iten. An der Wand hinter der Rezeption hängt ein Schild, «We say no to corruption». Ein Belgier hat das Hotel vor siebzehn Jahren eröffnet, als der Ort zum Anziehungspunkt für Langdistanzläufer aus aller Welt wurde. Über den Winter sind die Zimmer und Bungalows voller mzungu, die nicht auf westlichen Komfort verzichten mögen. Eine Nacht kostet achtzig Franken.

Dafür hat man einen atemberaubenden Ausblick auf den 1400 Meter tiefer gelegenen Talkessel des Kerio Valley und die gegenüberliegende Bergkette. Wenn es Nacht wird, erkennt man vereinzelt Lichter, tagsüber sieht man das ausgetrocknete Flussbett und einen See. Von Iten sind es kaum fünfundzwanzig Strassenkilometer ins Tal, doch dazwischen liegen Welten. Unten wird es vierzig Grad heiss, die Menschen, die inmitten von Staub, Kakteen und einigen widerstandsfähigen Bäumen heimisch sind, kämpfen ums Überleben. Oben ist es selten wärmer als fünfundzwanzig Grad, die Gegend reich an Vegetation.

O’Connell ist klein und geht leicht gebückt. Er trägt eine Bundfaltenhose, ein kariertes Hemd und einen gestreiften Pullover. Darunter wölbt sich ein stattlicher Bauch. Er ist einundsiebzig Jahre alt, das wenige Haar schlohweiss. Ehe er sich an den Tisch im Restaurant setzt, tritt er an die Bar und reicht allen Angestellten die Hand. «Das Übliche», sagt er mit einem Lächeln. Die Kellnerin bringt Wasser. Im Kamin knistert ein Feuer. Er habe schon zu Mittag ausreichend gegessen, sagt O’Connell, nachdem er die Speisekarte so gewissenhaft studiert hat, als wäre er zum ersten Mal hier.

In Iten rufen ihn alle Brother Colm. Vielleicht wäre die Leichtathletik heute eine andere, hätte er vor knapp einem halben Jahrhundert nicht den Entscheid getroffen, sich als Lehrer an der St. Patrick’s High School in Iten zu verpflichten. Die Internatsschule für Buben war 1961 von einer katholischen Brüdergemeinschaft eröffnet worden. O’Connell kam als Geografielehrer, zu einer Zeit, als in dem Ort zweihundert Menschen lebten. Es gab weder Strom noch fliessendes Wasser, Brother Colm wähnte sich am Ende der Welt. Viele Jahre später wurde er Rektor der Schule. Doch Bekanntheit erreichte er, nicht weil die Schule zu den besten des Landes zählt, sondern weil er eher zufällig eines der weltweit erfolgreichsten Trainingsprogramme für Langdistanzläufer aufbaute.

Aufnahmen vom Lauftraining Wanders aus Kenia. (Video: Instagram)

Damals engagierten sich viele Lehrer im Nebenamt für ein Sportprogramm. Ein Amerikaner organisierte Basketballspiele, ein anderer Ire stand auf dem Tennisplatz, ein Brite leitete das Leichtathletiktraining. Die Schule war schon ein wenig bekannt für ihre Läufer – mit Mike Boit hatte ein Alumnus 1972 in München Olympiabronze über 800 Meter gewonnen. Doch trainingswissenschaftlich ausgebildet war keiner der Lehrer.

Brother Colms Erfahrung mit Sport beschränkte sich auf eine Kindheit als erfolgloser Fussballer. Aber als er das Leichtathletikprogramm übernahm, weil der Brite zurück in die Heimat ging, kam ihm das gerade recht. Er eignete sich eine Arbeitsweise an, die er bis heute beibehalten hat und die im Kern darin besteht, dass er genau zuhört, was ihm seine Läufer mitteilen. Er versteht sich als Unterstützer, Beobachter und Organisator, nicht als Schleifer.

Er fing an, sich mit Trainern anderer Schulen auszutauschen, brütete über trainingswissenschaftlichen Büchern, und als 1981 ein Sportwissenschaftler aus Heidelberg mit dem Auftrag nach Kenia kam, die Einheimischen in Trainingslehre zu unterrichten, nahm er Kontakt mit ihm auf. Es kam Brother Colm entgegen, dass sein Einstieg in eine Zeit fiel, die für den kenianischen Laufsport wie ein dunkles Loch war. Weil das Land die Olympischen Spiele 1976 in Montreal ebenso wie jene vier Jahre später in Moskau boykottierte, brauchte der Leichtathletikverband während mehr als eines Jahrzehnts kaum noch Läufer für internationale Wettkämpfe und liess die lokalen Trainer in Ruhe arbeiten.

Der grosse Moment von Brother Colm folgte 1986, an den Junioren-Weltmeisterschaften in Athen. Drei Viertel von Kenias Startplätzen waren von Schülerinnen und Schülern aus Iten belegt – Kenia gewann viermal Gold, viermal Silber und einmal Bronze. Nur die DDR, die Sowjetunion und die USA waren erfolgreicher. Es war der Beginn von Itens Aufstieg zum Zentrum der Langstreckenlaufwelt.

Der grosse Moment von Brother Colm folgte 1986, an den Junioren-Weltmeisterschaften in Athen. Drei Viertel von Kenias Startplätzen waren von Schülerinnen und Schülern aus Iten belegt – Kenia gewann viermal Gold, viermal Silber und einmal Bronze. Nur die DDR, die Sowjetunion und die USA waren erfolgreicher. Es war der Beginn von Itens Aufstieg zum Zentrum der Langstreckenlaufwelt.

Wenn Wanders etwas nicht interessiert, bemüht er sich nicht. Will er etwas lernen, muss er nur anderen dabei zusehen. So war es schon beim Cellospiel.

III

Irgendwann fing es an. Die Eltern merkten es, als er plötzlich Nickerchen machte, mitten am Nachmittag in ihrer Wohnung bei der Place des Eaux-Vives. Was war bloss mit ihrem Sohn los? Wer in der Schweiz, der nicht krank ist, legt sich tagsüber zwei Stunden hin?

Auch begann Julien, immer weniger zu essen, zuerst liess er die Schokolade weg, dann die Chips, mit fünfzehn kostete er nicht einmal mehr vom Kuchen, den seine Mutter ihm zum Geburtstag buk. Offensichtlich hatte er sich etwas in den Kopf gesetzt.

Bénédicte Moreau und André Wanders, Juliens Eltern, mussten lernen, dass lange Nickerchen für Ausdauersportler normal sind. Das kannten sie halt nicht. Sie spielt Geige im angesehenen Orchestre de la Suisse Romande, er unterrichtet Chemie am Gymnasium. Und ihr Sohn beabsichtigte nun also, Langdistanzläufer zu werden.

Seine Mutter erinnert sich, wie er ihr schon mit zwölf von dieser Idee erzählte. Eines Tages sagte er: «Maman, ich muss besser Englisch lernen, später werde ich Journalisten aus aller Welt Auskunft geben.» Sie lachte und sagte: «Mon Titi, du träumst.»

Der Vater erinnert sich, wie er Julien in den Sommerferien in ein Tenniscamp brachte. Am ersten Morgen bat er den Trainer um Nachsicht, sein Sohn habe noch nie auf einem Tennisplatz gestanden. Am Abend herrschte der Trainer den Vater an: «Wollten Sie mich hochnehmen? Ihr Sohn hat doch bereits jahrelange Übung.»

Julien, das wussten die Eltern früh, ist ein Phlegma. Wenn ihn etwas nicht interessiert, bemüht er sich nicht im Geringsten, will er aber etwas lernen, muss er nur anderen dabei zusehen. So war es mit dem Skifahren und später mit dem Cellospiel. Sein Vater, der einst selbst von einer Karriere als Cellist träumte, sagt: «Er ist viel begabter, als ich es je war.»

An einem Freitag im Juli fährt Bénédicte Moreau mit dem Zug nach Genf. Sie lebt inzwischen im Jura, getrennt von ihrem Mann. Am Bahnhofskiosk sieht sie ihren Sohn auf der Titelseite der «Tribune de Genève». Das geschieht jetzt immer öfter, aber daran gewöhnt hat sie sich noch nicht. Sie kauft die Zeitung und setzt sich in ein Café. Sie ist achtundfünfzig Jahre alt, braun gebrannt, eher klein, blond. Sie ist, rein äusserlich, das Gegenteil ihres Sohnes, aber glaubt, dass sie ihm in Sachen Fokussiertheit einiges vererbt hat.

Wenn sie ihn als Kind beobachtete, wie er so konzentriert der Musik lauschte, dass er irgendwann vor Erschöpfung neben der Stereoanlage einschlief, erinnerte er sie an sie selbst, als sie Geige zu spielen begonnen hatte. Sie war damals schon dreizehn, aber weil sie jeden Tag vier Stunden übte, holte sie die Gleichaltrigen bald ein. Und wenn sie ihm beim Laufen zusah, mit seinen Steckenbeinen, wusste sie: Er hat die Anatomie ihres Vaters, der ebenfalls ein guter Läufer war.

Es ist der Tag, an dem ihr Sohn an der Athletissima in Lausanne, einem der zwei Diamond-League-Meetings in der Schweiz, das 5000-Meter-Rennen bestreitet. Er ist direkt aus Iten angereist, aber sie wird nicht im Stadion sitzen, weil sie in Genf ein Konzert gibt. Ihren Platz im Orchestre de la Suisse Romande hat sie sich vor über dreissig Jahren gegen hundert Mitbewerber erkämpft. Der Spitzenläufer Julien Wanders hat eine Spitzenmusikerin zur Mutter.

Sie ist stolz auf ihre Kinder, auf den dreiundzwanzigjährigen Julien, die siebenundzwanzigjährige Pferdesportlerin Cécile und die neunundzwanzigjährige Kinderärztin Aurélie – aber sie verhehlt nicht, dass es Zeiten voller Sorgen gab. Sie erzählt, wie sie und ihr Mann ihren Sohn früh lehrten, sich im Leben auf eine Sache zu konzentrieren, statt vieles halbpatzig zu machen. Mit einem Anflug von Schalk fügt sie an: «Tja, und dann hat er das halt getan.»

Dabei war es zu dem Zeitpunkt schon überhaupt nicht mehr lustig. Die Eltern sahen hilflos zu, wie Julien sich immer dünner hungerte, bis er noch fünfzig Kilo wog, bei einer Grösse von 1,75 Meter. Er hatte diese fixe Idee, so leicht wie die Kenianer sein zu müssen, und verfolgte sie stur. Während zweier Jahre war er immer wieder krank, sein Körper zunehmend geschwächt.

Der Mann, der sich um einen Ausweg bemühte, heisst Marco Jäger und ist Juliens Trainer bei Stade Genève, einem Leichtathletikverein, der für die Ausrichtung der Course de l’Escalade bekannt ist, der grössten Laufveranstaltung der Schweiz mit mehr als 40 000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Wie die meisten Leichtathletiktrainer in der Schweiz betreibt er die Tätigkeit als Hobby, und man fragt sich: Wie nur bringt er Job, Familie und Sport unter einen Hut?

Jäger hat vier Kinder, aber eigentlich noch ein fünftes – Julien Wanders. Sagt er, sagt Julien Wanders, sagen auch die Eltern. Als er sich an einem Montag im April zwischen zwei beruflichen Terminen ins Starbucks an der Place de Longemalle setzt, ist es erst wenige Monate her, dass die Zürcher Bank Rothschild ihr Vermögensplanungs- und Trustgeschäft ans Management verkauft hat, dem auch Jäger angehörte (die Sparte war im Sommer 2018 von der Finma wegen der Missachtung von Geldwäschereigesetzen scharf gerügt worden). Nun ist er Partner, und das ist, wie er findet, für seine «Nebenbeschäftigung» insofern von Vorteil, als dass er die Tage etwas freier gestalten kann.

Jäger ist so viel beschäftigt, dass er noch immer nicht zu Wanders nach Iten gereist ist. Trainingspläne übermittelt er per Mail, Feedbacks erreichen ihn via Whatsapp. Jäger sieht kein grundsätzliches Problem darin, seinem Läufer fern zu sein. Er möchte ihn zur Selbstständigkeit erziehen. «Im besten Fall», sagt er, «kommt Julien irgendwann ohne mich aus.» In Wanders? Trainingsgruppe gibt es Läufer, die von Jägers Existenz nicht einmal wissen. Sie glauben, Wanders schreibe die Pläne selbst.

Jäger ist gross gewachsen, trägt einen teuren Anzug und sieht blendend aus. In seiner Jugend feierte er auf nationaler Ebene Erfolge in Mittelstreckenrennen, doch erst Jahre nach dem Umzug von der Ostschweiz nach Genf fand er zurück in die Leichtathletik: Stade Genève benötigte dringend Trainer, die sich im Nachwuchsbereich engagieren. Jäger hatte wenig Ahnung, aber er lernte schnell. Als Julien Wanders zu seiner Gruppe stiess, brauchte er nicht lange, um zu erkennen, dass er es mit jemandem zu tun hatte, der es weit bringen kann.

Doch es folgten Zeiten, in denen er sich fragte, ob er sich nicht zu viel zugemutet hatte, als er Bénédicte Moreau und André Wanders versprach, sich gut um ihren Sohn zu kümmern. Dieser Sohn war so ein sturer Bock!

Jäger behalf sich, indem er Experten ins Team holte, einen Sportarzt, einen Biomechaniker, einen Physiotherapeuten, einen Mentaltrainer. Zu Julien Wanders sagte er: «Wenn du Weltklasse werden willst, müssen wir uns von Anfang an mit Weltklasseleuten umgeben.» Wanders war noch nicht einmal volljährig, man kann sich also vorstellen, wie das in der übersichtlichen Schweizer Leichtathletikszene kommentiert wurde: Sind die jetzt total verrückt?

Aber Marco Jäger behielt recht, jeder Experte trug etwas zum Vorankommen bei, zunächst vor allem der Ernährungswissenschaftler. Er heisst Christof Mannhart und war eine entscheidende Bezugsperson Viktor Röthlins, des ehemaligen Schweizer Marathon-Europameisters. Nun sollte er Wanders helfen.

Das bedingte, wie Mannhart am Telefon erzählt, einige konfliktreiche Unterredungen. Es gibt einen Fachbegriff für die Situation, in der sich Wanders aus Mannharts Sicht befand: relative energy deficiency in sport. Mannhart war überzeugt, dass Wanders kurz davor war, alles zu ruinieren. Er sah, dass Wanders mit Herzblut Kenianer sein wollte, und sagte: «Deine Haut ist weiss, dein Stoffwechsel anders, ebenso deine Muskelfasern.» Seine Erfahrung verlieh ihm Glaubwürdigkeit, Wanders gab den Widerstand auf und liess sich Ernährungspläne erstellen, bis er achtundfünfzig Kilo wog.

Doch das änderte nichts an seinem extremen Ehrgeiz. Es kam vor, dass er hohes Fieber hatte, aber Marco Jäger nichts davon erzählte, bloss damit dieser ihm nicht die Teilnahme am Training verbot. Jäger bremste, wo er konnte: Neben Julien mahnte er auch dessen Eltern zur Geduld. Im Sport, erklärte er ihnen, könne man nicht zehn Stunden am Stück üben, ohne am nächsten Tag dafür zu büssen. Zwar war er überzeugt, dass er Wanders im Nu an die Weltspitze bringen könnte, so talentiert und strebsam, wie dieser war. Doch der Körper wäre nicht bereit gewesen für die Trainingsumfänge.

Auffällig vielen kenianischen Langdistanzläufern widerfährt genau das: Sie stürmen als Teenager an die Spitze, verletzen sich, kehren nie zurück. Besonders im Marathon werden die Besten immer jünger. Jäger führt die Entwicklung nicht auf neue trainingswissenschaftliche Erkenntnisse zurück, sondern darauf, dass es auf der Bahn im Gegensatz zu früher kaum noch etwas zu verdienen gibt. Wer wegen des Geldes läuft, konzentriert sich heute von Anfang an auf die Strassenrennen.

Jäger zeigte Wanders, dass er genau in diesem Punkt einen Vorteil gegenüber den Kenianern hat: Er hat keinen finanziellen Druck. Und daran, dass man das ideale Marathonalter erst in seinen späten Zwanzigern erreicht, hat sich nichts geändert.

Wanders verstand, und Jäger gestaltete ein Trainingsprogramm, das nicht nur einen pyramidenartigen Aufbau der läuferischen Fähigkeiten vorsieht – Grundlagenausdauer, mittlere Intensität, hohe Intensität, Stehvermögen, Sprint –, sondern ebenso Wert legt auf die technische Ausbildung und die Stärkung von Muskulatur und Sehnenapparat.

Wanders’ Körper soll so robust werden, dass die Karriere nicht wegen Ermüdungsbrüchen oder anderer belastungsbedingter Verletzungen vorzeitig endet.

Dazu gehört, dass der erste Marathonstart frühestens in der Saison nach den Olympischen Spielen 2020 in Tokio erfolgen soll, wenn Wanders fünfundzwanzig ist. Bis dahin gilt das Augenmerk den Bahnrennen, seine Inspiration sind die Grossen: Kenenisa Bekele, Mo Farah, Haile Gebrselassie. Sie alle waren zuerst herausragende Bahnläufer, ehe sie zum Marathon wechselten.

Leichtathletik-Meeting in Luzern, 9. Juli 2019: Wanders wird Dritter über 3000 m auf der Bahn. Und läuft wieder einmal eine persönliche Bestzeit. (Bild: Keystone/Urs Flüeler)

Wenn man Julien Wanders auf all das anspricht, auf seine kaum zu bändigende Ungeduld, auf den Gewichtswahn und den teilweise kontraproduktiven Ehrgeiz, sagt er trocken: «Genauso ist es.»

Ganz ähnlich, wenn man mit ihm über seine Hochbegabung reden will. Nach allem, was man hört, ist es nahezu ausgeschlossen, dass er sich zu wenig artikulieren könnte, um ausführlich darüber zu sprechen, oder zu wenig reflektiert wäre. Eher scheint es, als fürchte er, die Leichtigkeit zu verlieren, die Spontaneität und das Selbstverständliche, wenn er seine Gedanken mit zu vielen Leuten teilt. Ein wenig so wie die Angst einer Schriftstellerin vor der Psychotherapie, weil sie fürchtet, dass dadurch ihr Unterbewusstes, die Quelle ihrer Kreativität, ihre Magie verliert.

Worüber Julien Wanders hingegen endlos reden kann, das ist der grosse Plan, den er vor vier Jahren mit Marco Jäger ausgeheckt hat, zu einem Zeitpunkt, als er aus dem Gröbsten raus war: Schritt für Schritt wollen die beiden herausfinden, ob ein Nichtafrikaner der beste Marathonläufer der Welt werden kann.

Im Sommer 2019, als das Ziel noch immer fern, aber nicht mehr komplett grössenwahnsinnig scheint, sagt Julien Wanders: «Dass ich der beste Halbmarathonläufer ausserhalb Afrikas bin, bedeutet mir nichts. Es gibt keinen Wettkampf unter Weissen. So viele Leute sagen mir, ich könne die Ostafrikaner nicht schlagen, weil die zum Laufen geboren seien. Das macht mich jedes Mal wütend. Ich bin auch dafür geboren.»

IV

Wie ist es zu erklären, dass im Jahr 2008 sagenhafte 229 Kenianer die Marathonlimite für die Olympischen Spiele in Peking unterboten? Warum befindet sich in den Top 50 der Marathonbestenliste lediglich ein Läufer, der nicht aus Kenia oder Äthiopien stammt? (Äthiopien ist das zweite Wunderland des Langdistanzlaufs, mit dem ähnlich hoch gelegenen Bekoij als Pendant zum kenianischen Iten.)

Der Versuch, das Rätsel zu entschlüsseln, beschäftigt Wissenschaftlerinnen und Journalisten schon seit langem. Es existieren zahllose Studien, häufig basierend auf ausgedehnten Aufenthalten in Iten. Für sein Buch «Running with the Kenyans» schleppte der Schriftsteller Adharanand Finn gleich die ganze Familie an den Ort. Im Weltbestseller «Outliers: The Story of Success» von Malcolm Gladwell kommen die Kalenjin ebenso zur Sprache wie in «The Sports Gene» von David Epstein, einem der erhellendsten Sportbücher, die jemals geschrieben wurden.

Nature vs. nurture: Das ist die grosse Debatte, nicht nur im Sport. Was lässt sich durch die Biologie erklären und was durch die Umgebung? Was prägt uns stärker: die Gene oder das soziale, wirtschaftliche und kulturelle Umfeld?

In gewissen Kreisen wird die Frage ähnlich hitzig diskutiert wie anderswo der Klimawandel, was auch daran liegt, dass viele Forscherinnen und Forscher weiss sind und an Universitäten ausserhalb Afrikas lehren. Epstein erzählte einmal, dass er die Arbeit an seinem Buch beinahe wieder abgebrochen hätte, als ihm klar wurde, wie heikel seine Fragen in Bezug auf Ethnie und «Rasse» sind. Er berichtete von Wissenschaftlern, die überzeugt waren, Belege für die biologische These gefunden zu haben, sie aber nicht bekannt machten aus Angst, ihren Job zu verlieren.

In den USA wurde die Sklaverei über Generationen zumindest teilweise mit der Behauptung gerechtfertigt, Schwarze seien für körperliche, Weisse für geistige Arbeit prädestiniert, weshalb sich ein Autor des Magazins «The Atlantic» in den frühen 2010er-Jahren fragte, ob man der Lösung des Rätsels der schnellen Kalenjin auch darum noch nicht näher gekommen war, weil es so schwierig sei, über das Thema zu sprechen, ohne die Wunden aus Jahrhunderten der Ausbeutung aufzureissen: «Wir fürchten uns derart davor, Afrikaner auf ihre physischen Attribute zu reduzieren, dass wir einem anderen Stereotyp anheimgefallen sind: dem des barfuss laufenden Bauernjungen.»

Erste Hinweise, dass die Kalenjin über eine vorteilhafte Anatomie verfügen, hatten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bereits in den frühen 2000er-Jahren geliefert. In Kenia löste die Studie heftigen Widerspruch aus, man tat sie als rassistisch ab. Stattdessen hielten sich selbst abenteuerlichste Erklärungsversuche hartnäckig – etwa der Hinweis auf Initiationsriten, die derart peinvoll seien, dass man danach jedes Training mühelos überstehe. Eine ähnlich kühne Überlegung bezieht sich auf den Maisbrei ugali, dem viele Kalenjin eine fast zaubertrankmässige Wirkung nachsagen. Aber wieso wirkt er nur bei ihnen, obwohl er in ganz Afrika verbreitet ist?

Zu den überzeugenderen kulturellen Erklärungen zählen die für Ausdauersport ideale Höhenlage, die langen, einem Frühtraining gleichkommenden Schulwege und die Perspektivlosigkeit des Alltags: Wer läuft, der kann der Armut entfliehen. Auch die von Malcolm Gladwell popularisierte «10 000-Stunden-Regel» wird gelegentlich auf die Kalenjin angewandt – sie besagt, dass Erfolg hat, wer nur genug dafür tut –, ebenso die Theorie des «sozialen Lernens». Ein Vertreter davon ist Brother Colm, der von biologischen Erklärungen wirklich gar nichts hält. Beim Abendessen im Kerio View sagt er: «Jemanden persönlich zu kennen, der etwas erreicht hat, ist immer wirkungsvoller, als von jemandem irgendwo auf der Welt zu wissen, der etwas erreicht hat.»

Vieles davon mag ein Körnchen Wahrheit enthalten, doch spätestens seit einer 2015 im «Scandinavian Journal of Medicine & Science in Sports» erschienenen Studie sollte kein Zweifel mehr daran bestehen, dass viele Kalenjin tatsächlich über einen anatomischen Vorteil verfügen. Das sagt auch Severin Trösch, ein Sportphysiologe an der Eidgeno?ssischen Hochschule fu?r Sport in Magglingen.

Trotz seines Arbeitsschwerpunkts begründet er herausragende sportliche Leistungen nicht a priori mit den Genen, der Veranlagung, der «Natur». Bei Ausdauersportarten, sagt er, sei hingegen offensichtlich, dass biologische, also kaum trainierbare Merkmale grossen Einfluss auf die Leistungsfähigkeit haben – im Langdistanzlauf konkret die Anatomie der unteren Extremitäten. Längere Unterschenkel bei geringerem Durchmesser führen zu einem tieferen Trägheitsmoment der Beine, woraus folgt, dass der Energieumsatz pro zurückgelegtem Meter kleiner ist und ein Läufer pro aufgewendete Energieeinheit schneller rennen kann.

Zur Überraschung vieler Physiologen fanden die skandinavischen Forscherinnen keinerlei Beleg dafür, dass die Kalenjin über eine höhere Sauerstoffaufnahmefähigkeit verfügen würden, ein im Ausdauersport ähnlich relevantes Merkmal. Dass aber die langen und dünnen Beine, die einen ökonomischeren Laufstil ermöglichen, bei den Kalenjin viel häufiger sind als in anderen Populationen, haben sie einwandfrei belegt.

Wie dieser genetische Unterschied zustande kommt, ist das nächste Rätsel. Die gängigste Erklärung orientiert sich an der «Out-of-Africa-Theorie», wonach die Ausbreitung des Menschen vom afrikanischen Kontinent aus erfolgt sei. Trösch sagt: «Wenn das stimmt, dann hatte der Homo sapiens dort am meisten Zeit, zufällige Mutationen und genetische Diversität zu entwickeln.» Das würde zweierlei bedeuten: Erstens würden afrikanische Länder im Sport nicht nur die weltweit Besten stellen, sondern auch die weltweit Schlechtesten – was nur darum nicht auffällt, weil es keinen Wettbewerb der Schlechtesten gibt. Zweitens wären afrikanische Länder auch in zahlreichen anderen Disziplinen erfolgreich, wenn sie über die ökonomischen Ressourcen verfügen würden.

Das ist lediglich eine Mutmassung, betont Trösch. Doch der Umstand, dass sich im Langdistanzlauf mit den Kalenjin ein einzelner Stamm so stark nicht nur vom Rest der Welt, sondern auch vom nahen kenianischen Umfeld absetzt, spricht aus seiner Sicht für die Erklärung. «Nehmen wir ein extremes Beispiel: eine einzelne Familie, die eine ganze Disziplin dominiert. Die Vermutung, das liege an einem vererbten anatomischen oder physiologischen Vorteil, wäre doch wesentlich naheliegender als die Theorie, diese Familie habe das ideale Training entdeckt.»

Es ist erstaunlich, dass solche Erkenntnisse gerade in der Sportberichterstattung bis heute vernachlässigt werden. Fürchtet man, der Sport werde an Schönheit einbüssen, wenn man einräumt, dass die hochgejubelten Leistungen auf einem genetischen Vorteil basieren? Oder glaubt man, für eine schlechte Verliererin gehalten zu werden, wenn man sagt, dass der Rest der Welt einen naturgemachten Nachteil gegenüber den Kalenjin hat?

Und was heisst das nun für Julien Wanders? Hat er überhaupt eine Chance?

Wanders will nicht, dass ihm irgendwelche Zahlen über seinen Körper Limiten setzen, deshalb hat er bisher jede Bitte von Wissenschaftlern abgelehnt, ihn ausmessen zu dürfen. Aber auch von blossem Auge sieht man, dass seine Anatomie der vieler Kalenjin ähnelt. Zwei Punkte, sagt Trösch, sind dabei wichtig: Erstens ist Wanders sehr schlank und nicht speziell gross – was ein Vorteil ist, weil beim Laufen das Körpergewicht die Hauptwiderstandskomponente darstellt. Zweitens hat er nicht nur schlanke, sondern im Vergleich zur Körpergrösse sehr lange Beine. Diese ermöglichen ihm dank der im Verhältnis zum Körpervolumen grösseren Körperoberfläche eine bessere Thermoregulation.

V

Es existiert noch eine andere Theorie zur Dominanz der Kenianer im Allgemeinen und ebenso der Äthiopierinnen. Es ist der dunkle Teil der Erfolgsgeschichte, es geht um Kühlschränke voller Ampullen, um schamlose Apothekerinnen und um Athleten, die offenbar mühelos die heiligste Regel des Sports brechen, aus Unwissen oder kaltem Kalkül.

Auch anderswo wird betrogen, adrette Amerikanerinnen dopen ebenso wie die als Bösewichte abgestempelten Russen. Doch in Kenia konnte sich das Bild der schnellen Naturburschen besonders lange halten.

Für die Öffentlichkeit bekam die Idylle erst Kratzer, als der deutsche Journalist Hajo Seppelt im Jahr 2012 mit versteckter Kamera einen kenianischen Arzt filmte, wie er damit prahlte, Läuferinnen und Läufern verbotene Mittel zu verabreichen. Es gab ein Riesengeschrei, aber nicht wegen der Fakten, die Seppelt zutage gefördert hatte. Er wurde als Nestbeschmutzer beschimpft, von Verbandsfunktionären, aber auch von Berufskolleginnen.

Dennoch kam es nun vermehrt zu positiven Dopingtests, betroffen waren auch grosse Namen. 2016 drohte Kenia der Ausschluss von den Olympischen Spielen. Erst jetzt fand ein Umdenken statt: Die Regierung verabschiedete ein Antidopinggesetz, und die Weltantidopingagentur veröffentlichte einen Report, der das Problem als schwerwiegend einstufte, Kenia aber vom Vorwurf des staatlich organisierten Dopings befreite. Die Kenianer, hiess es, hätten «unkoordiniert und naiv» betrogen.

Im Herbst 2018 nahm in Nairobi ein Antidopinglabor die Arbeit auf, das erste international akkreditierte in Ostafrika, seither müssen Dopingproben nicht mehr um die halbe Welt geflogen werden. Früher waren sie nach der langen Reise oftmals unbrauchbar.

Ob das hoffen lässt, ist umstritten.

VI

Der beste Marathonläufer der Welt trainiert in Kaptagat, einem Dorf südlich von Iten, und heisst Eliud Kipchoge. Julien Wanders lernte ihn kennen, als er ihn vor zwei Jahren als Tempomacher bei «Breaking2» unterstützte, dem Versuch, den Marathon unter zwei Stunden zu laufen, der letzten grossen Barriere in diesem Sport.

Kipchoges Trainer heisst Patrick Sang. Er sitzt an einem Mainachmittag schwitzend auf der Terrasse eines Hotels in Eldoret. Sang hat die Hemdsärmel hochgekrempelt und starrt auf sein Handy, auf dem die Übertragung des Grand Prix von Bern läuft. Mit Geoffrey Kamworor ist einer seiner Athleten gerade dabei, den fünfzehn Jahre alten Streckenrekord zu unterbieten, von dem viele in Bern dachten, er bleibe für die Ewigkeit. Nicht um einige Sekunden, sondern um mehr als eine Minute.

Es sind solche Veranstaltungen, von denen kenianische Läufer träumen. Sie hoffen, dass ein Manager sie entdeckt und ihnen die Teilnahme an den grossen Rennen ermöglicht, wo Antrittsgagen und Preisgelder locken. In Bern erhält der Sieger 1500 Franken – am Dubai Marathon 200 000 Dollar. Der Äthiopier Haile Gebrselassie verdiente während seiner Karriere allein mit Preisgeldern mehr als dreieinhalb Millionen Dollar.

Ostafrika hat die Talente, Europa, die USA und Asien das Geld – so ist es seit langem. Doch der Kampf ist härter geworden, die Veranstalterinnen und Veranstalter stellen ein schwindendes Zuschauerinteresse fest, wenn sie zu viele afrikanische Läufer und Läuferinnen einladen. In Iten fragt man sich, ob das Ende der kenianischen Dominanz eingeleitet ist: Nimmt das Interesse an einer Laufsportkarriere ab, wenn finanzielle Anreize fehlen?

Patrick Sang, der Trainer von Kipchoge, schenkt solchen Überlegungen wenig Beachtung. Er hat sich der absoluten Hochleistung verschrieben, dem Tuning klitzekleiner Details. Wenn er erklärt, was es braucht, um wie Kipchoge über Jahre der Weltbeste zu sein, klingt er wie ein Poet. Interessanterweise glaubt er, dass auch Julien Wanders die Voraussetzungen mitbringt. Nüchtern formuliert lauten die: eine positive Einstellung zum Leben, weil das Ausdauertraining mit viel Leiden verbunden ist; ein Umfeld, das aus nicht mehr als einer Handvoll Leute besteht, von denen alle in dieselbe Richtung ziehen; und grosse Bescheidenheit, die sich auch durch Erfolg nicht erschüttern lässt.

Sang hat viele kenianische Läuferinnen und Läufer kommen und gehen sehen, überwältigt von Verlockungen. Er sagt: «Menschen mit grossen Egos riskieren, sich an allem Möglichen aufzureiben. Man muss in Ruhe arbeiten, alles Negative fernhalten.»

Persönlich kennt er Wanders nur flüchtig, aber was man in Iten über ihn sagt, ist bis zu Sang nach Kaptagat durchgedrungen. Wanders hat sich bemerkenswert leicht eingelebt, weder fällt er wie andere Weisse durch Anbiederung auf, noch sagt man ihm Überheblichkeit nach. Seine Gegenwart in Iten hat etwas Lautloses und Zartes, etwas ganz und gar Selbstverständliches, beinahe Beiläufiges. Einige der Läufer aus seiner Gruppe zählt er zu seinen Freunden, gelegentlich trifft er sich mit ihnen zum Tee, von anderen weiss er nicht viel mehr als den Namen, was aber weder ihn noch sie zu stören scheint. Er hat nicht das Zähe und Masochistische eines weissen Ausdauersportlers, er läuft, weil es ihn glücklich macht. Seinen liebsten Tagesablauf beschreibt er so: Training, Frühstück mit Kolly, Nickerchen, Mittagessen mit Kolly im Café, Nickerchen, Training, Abendessen mit Kolly. «Dann setzen wir uns vor den Fernseher, und um acht Uhr lege ich mich schlafen.»

Er sei beeindruckt von Wanders, sagt Patrick Sang und erzählt von den 1990er-Jahren, als er mehrere Sommer in der Schweiz verbrachte, weil der LC Zürich ihn manchmal für die Vereinsmeisterschaften unter Vertrag nahm. «Ich weiss, welchen Komfort Julien hinter sich gelassen hat.»

Seit dem letzten Jahr ist Julien Wanders Teil des NN Running Teams, dem auch Kipchoge, der Weltbeste, und Kamworor, der Berner Rekordläufer, angehören. Bei dem Team handelt es sich um den exklusivsten Zusammenschluss von Langdistanzläuferinnen und -läufern mit Trainingszentren in Kenia, Äthiopien, Südafrika, Eritrea und Uganda. Ein Fokus liegt auch auf der Vermarktung, gegründet wurde das Team vom Niederländer Jos Hermens, der die finanzielle Seite der Leichtathletik mit seiner Agentur Global Sports Communication seit Jahrzehnten prägt.

Ehe sich Patrick Sang verabschiedet, um die Glückwunschbotschaften zu beantworten, die wegen des Berner Wunderlaufs auf seinem Handy eingetroffen sind, erzählt er, wie Kipchoge als Teenager eines Morgens einfach auf ihn zugegangen sei und gesagt habe: «Ich möchte, dass du mich trainierst.» Sang sagt: «Es scheint, dass auch Julien von diesem inneren Feuer getrieben ist.»

Epilog

Im Juli kam Julien Wanders nach St. Moritz, seiner Trainingsbasis während des europäischen Wettkampfsommers. Von hier aus wird er auch zu Weltklasse Zürich am 29. August reisen, dem anderen Schweizer Diamond-League-Meeting, wo man ihn über die 5000-Meter-Strecke erwartet. Als Gefährte fürs Training und Tempomacher im Wettkampf begleitet ihn ein kenianischer Kollege. Er heisst Sylvester Kiptoo und ist jener Läufer aus Iten, den Wanders am längsten kennt. Man begegnete sich eines frühen Morgens im Training und verstand sich auf Anhieb. Kiptoo half ihm, eine eigene Laufgruppe aufzubauen, und steht ihm bis heute nah. Er ist dreiunddreissig Jahre alt, ein guter, aber kein Weltklasseläufer, seine Halbmarathonbestzeit ist vier Minuten langsamer als die von Wanders. Dieser bezahlt alles für ihn, wenn sie zusammen unterwegs sind, Reisen, Unterkünfte, Essen.

Das Café, die Trainingsbahn, das Appartement: In St. Moritz befindet sich alles in Gehdistanz. Alles perfekt, könnte man meinen. Und dennoch sagt Wanders, dass er sich freue, nach Weltklasse Zürich nach Iten zurückzukehren, für die Vorbereitung auf die Leichtathletik-Weltmeisterschaften, die Ende September in Doha stattfinden. In der Schweiz, erzählte sein Vater, fühle er sich schon abgelenkt, wenn man ihn ermahne, die Steuererklärung auszufüllen.

Er will nicht nur die Muskeln spielen lassen, Julien Wanders will der Beste sein. (Bild: Keystone/Georgios Kefalas)

Es gibt viele, die von Julien Wanders beeindruckt sind, weil er sich getraut habe, das behagliche Leben in der Heimat gegen die Ungewissheit in der Ferne zu tauschen. In Wahrheit ist es umgekehrt. Julien Wanders hat die Komfortzone nicht verlassen, als er zum ersten Mal nach Kenia reiste, sondern sie dort entdeckt. «In Genf zu trainieren, das machte mich nicht glücklich», sagt er. «In Iten aber liebe ich das Leben.»

Das schliesst auch den harten Steigerungslauf an jenem Maimorgen ein, bei dem er nach fünfundzwanzig Kilometern aus seinen Schuhen schlüpft, sich an den Wegrand setzt und über die Hochebene blickt. «Hier ein Haus zu bauen», sagt er, «fände ich schön.» Dann rutscht er auf den Beifahrersitz des matatu und lässt sich zurückfahren. Nach dem Frühstück schläft er fast augenblicklich ein.

Etwas später erzählt seine Freundin Kolly, wie sie ihn zum ersten Mal in die Schweiz begleitet hat. Sie war voller Vorfreude, doch dann entdeckte sie das Land als einen Ort, an dem man stets überlegt, was man als Nächstes tun sollte. «Die Leute haben Angst, ihren Lebensstandard zu verlieren, und arbeiten wie verrückt. Dann gehen sie vor ihre Büros und rauchen Zigaretten, weil sie den Stress nicht aushalten. In Iten », sie überlegt kurz, «versuchen wir einfach zu überleben. Es geht uns gut hier.»

Julien Wanders sitzt schweigend neben ihr. Über sein Gesicht huscht ein Lächeln.

Christof Gertsch ist Reporter des «Magazins». Er möchte sich bei dem Schweizer Journalisten Jürg Wirz, der seit zwanzig Jahren in Eldoret/Kenia lebt, für die Hilfe bei den Recherchen bedanken.

Erstellt: 17.08.2019, 12:41 Uhr

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