«Der Schweizer Triathlon lebte von diesem Julisonntag»

Der Langdistanztriathlon zügelt 2020 nach Thun. Die Gründe für den Wegzug sind diffus, es dürfte auch um Geld gehen. Jan van Berkel bedauert den Entscheid.

<i>Das</i> Rennen in der Schweiz: Jan van Berkel ist enttäuscht darüber, dass der Ironman künftig in Thun stattfindet.

Das Rennen in der Schweiz: Jan van Berkel ist enttäuscht darüber, dass der Ironman künftig in Thun stattfindet. Bild: Keystone

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Jan van Berkel schmerzt derzeit der Rücken. Doch die Verletzung ist daran, abzuklingen, anders die Bedrückung, ausgelöst durch die gestrige Meldung: Der Ironman Switzerland findet am 21. Juli zum 23. und letzten Mal auf der Zürcher Landiwiese statt. Ab 2020 wird der einzige Schweizer Langdistanztriathlon in Thun ausgetragen, die Ironman-Organisatoren haben mit der Stadt einen Vertrag über fünf Jahre unterzeichnet. Ironman-Titelverteidiger Van Berkel sagt: «Ich sprach immer vom Ironman Zürich. Ich hoffe für den Schweizer Triathlonsport, dass es Thun in ähnlicher Weise hinbringt, ein Daheim für den Schweizer Ironman-Sport zu sein.» Van Berkel ergänzt: «Letztlich lebte der Schweizer Triathlon von diesem Julisonntag in Zürich. Klar gibt es die unglaublichen Erfolge von Daniela Ryf und Nicola Spirig. Aber in der Schweiz war es das Rennen.»

Thun war schon länger im Gespräch gewesen mit den Ironman-Organisatoren, bereits vor zwei Jahren gab es Überlegungen, dort einen Halb-Ironman durchzuführen. Diese Pläne wurden aber sistiert, man wollte nicht eigene Rennen konkurrenzieren.

Grossbaustelle, ZKB-Bahn

Es gab mehrere Gründe, warum sich Nico Aeschimann, der Manager der Schweizer Ironman-Rennen, nach anderen Austragungsorten umschaute: Die Strassen rund ums Zürcher Seebecken sind Sanierungsfälle. Der Ironman fürchtete, in den damit anstehenden Grossbaustellen keinen Platz mehr zu finden. «Das war aber nicht der Hauptgrund für den Umzug, sondern eher der Anstoss, sich umzuschauen», so Aeschimann. Genauso wenig war die Seilbahn der Grund für den Abschied, die die ZKB 2020 für ihr 150-Jahr-Jubiläum auf der Landiwiese plant. Aeschimann: «Wir hätten auch so genug Platz gehabt.»

Der Ironman-Manager ist sichtlich bemüht, mit der Stadt Zürich im Guten auseinanderzugehen. So ist der Abgang des Ironman auch nicht das Ende von Zürcher Triathlon-Wettkämpfen. Die Ironman-Organisatoren planen ein «Multisportfestival». Die Rennen über die kürzeren Distanzen (Sprint, Olympisch, Firmentriathlon, Kidstriathlon), welche bislang alle am Samstag durchgeführt wurden, werden ab 2020 auf zwei Tage verteilt, voraussichtlich auf den 1. und 2. August. Zuletzt waren am Samstag jeweils bis zu 5000 Sportler im Einsatz gewesen. «So können wir etwas Stress aus den einzelnen Kategorien rausnehmen. Vor allem dem Firmentriathlon wollen wir eine grössere Plattform bieten - die Nachfrage ist da», so Aeschimann.

Die Stadt Zürich schmerzt der Wegzug. «Natürlich bedauern wir ihn. Thun erhält einen tollen Anlass mit internationaler Ausstrahlung», sagt Lukas Wigger vom Präsidialdepartement. Der Ironman ist auch ein Tourismusfaktor, von den rund 2000 Startern reisen jeweils 75 Prozent aus dem Ausland an.

Für die internationalen Teilnehmer ist Thun reizvoll - der Ironman Switzerland soll im Berner Oberland mit noch mehr Swissness präsentiert werden, mitten in den Alpen. Das Rennen am 12. Juli 2020 wird aber kein Berg-Triathlon, wie ihn das Berner Oberland mit dem Inferno-Rennen bereits kennt. «Die Radstrecke wird nicht signifikant mehr Höhenmeter haben als jene von Zürich», sagt Aeschimann.

Kaum je am Thunersee antreten wird der Zürcher Rekordsieger Ronnie Schildknecht. Bei der Premiere 2020 wird es in Thun nur bei den Frauen eine Profikategorie geben - wie 2019 in Zürich nur bei den Männern. Und ob Schildknecht auch 2021 noch Profi sein wird, ist derzeit noch offen. Der 9-fache Zürich-Sieger sagt: «Das Wissen, dass es der letzte Ironman in Zürich ist, das gibt mir noch einmal einen Motivationsschub. Natürlich habe ich aber auch ein weinendes Auge. Ich würde es allen Triathleten gönnen, die Erfahrung eines Starts in Zürich auch mal noch machen zu können.»

Mit 2000 Hobbyathleten rechnen sie in Thun für 2020, man hätte aber auch Kapazität für mehr Starter. Kein unwesentlicher Faktor: Schaut die Ironman-Organisation doch wie kaum ein anderer Veranstalter von Massensportevents darauf, so viel Geld wie möglich pro Teilnehmer zu verdienen.

Zürich zahlte 72500 Franken

Die Finanzen dürften auch beim Wechsel von Zürich nach Thun eine zentrale Rolle gespielt haben. Aeschimann will nicht konkret werden, sagt aber: «Die Rahmenbedingungen sind in Thun besser, generell.» Was nicht heisst, Zürich wäre nicht bereit gewesen, dem Ironman entgegenzukommen. Seit 2017 erhielt der Event von der Stadt jährlich eine Unterstützung von 72500 Franken. Und es gab laut der Stadtverwaltung Bestrebungen, diesen Betrag für künftige Ausgaben zu erhöhen - doch zu Verhandlungen kam es gar nicht.

Möglicherweise war es auch die Planungssicherheit durch den 5-Jahres-Vertrag, die die Ironman-Organisatoren überzeugte. In Zürich wurde immer nur ein Kontrakt über das folgende Jahr abgeschlossen.

Ein schlechtes Wort ist von Aeschimann nicht zu hören. Denn er denkt bereits weiter, gerade nach der Vergabe der Rad-WM 2024 nach Zürich. «Vielleicht ist Zürich mal interessiert an der Austragung der Halb-Ironman-WM als einmaliger Event? Die würde dann wieder sehr international ausstrahlen.»

Erstellt: 04.04.2019, 15:03 Uhr

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