Der überforderte Laufstar

Mo Farah wurde vom somalischen Aussenseiter zum britischen Liebling. Seit den ständigen Dopingspekulationen aber entgleitet dem Olympiasieger das Heldenleben.

Sieht sich im Stich gelassen: Mo Farah. Foto: Facundo Arrizabalaga (Keystone)

Sieht sich im Stich gelassen: Mo Farah. Foto: Facundo Arrizabalaga (Keystone)

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Zum Schluss liess es Mo Farah krachen, indem er die Rassismuskeule in Bewegung setzte. «Die Agenda ist klar. Ich habe das viele Male erlebt – bei Raheem Sterling, Lewis Hamilton...», klagte er kurz vor seinem Start am Chicago-Marathon vom Sonntag an. Was der Brite mit ­somalischen Wurzeln indirekt sagen wollte: Er sowie die anderen beiden dunkelhäutigen Sportgrössen würden von Journalisten mit kritischen Fragen eingedeckt, weil sie keine weissen Briten seien.

Es war die finale Drehung einer ohnehin denkwürdigen Pressekonferenz, in der sich Farah regelrecht in Rage redete und auch sagte: «Mich kotzt das Ganze langsam an.» Was den 36-Jährigen so reizt, sind die ständigen Dopingfragen. Seit vier Jahren werden sie ihm gestellt. 2015 berichteten britische und amerikanische Journalisten erstmals davon, Farahs langjähriger Trainer Alberto Salazar könnte ein Dopingbetrüger sein.

Vor rund zwei Wochen wurde Salazar dann tatsächlich für vier Jahre gesperrt. Darum klebt das Problem an Farah wie ein Kaugummi an der Schuhsohle, zumal sich der vierfache Olympiasieger immer nur lauwarm von seinem früheren Coach distanzierte – bis hin zu bizarren Verrenkungen.

Widerspruch vom Gefallenen

So behauptete Farah in der ­hitzigen Chicagoer Pressekonferenz, erst nach der Sperre erfahren zu haben, dass die US-Anti-Doping-Behörde gegen Salazar überhaupt ermittle. Dabei war Farah nach den ersten Schlag­zeilen 2015 von England extra in die USA gereist, um mit Salazar darüber zu reden. Dieser aber habe bloss von falschen Anschuldigungen gesprochen, so Farah in Chicago. Er habe seinem Trainer geglaubt, ergo sei das Thema erledigt gewesen.

Ausgerechnet Salazar widerspricht seinem einstigen Star-Läufer nun. Der «New York Times» teilte er mit, dass er alle seine Athleten sehr wohl immer über den aktuellen Stand in der Causa informiert habe. Trotzdem behauptete der erboste Farah in Chicago, es gebe ohnehin keine Neuigkeiten, und beschwerte sich, warum man ihn also stets mit den ewig gleichen Fragen piesacke.

Wenige Tage zuvor hatte man – wie erwähnt – seinen Erfolgscoach gesperrt. Als Folge löste Nike das ganze Projekt auf, das Salazar betreut hatte und in dem Farah mehrere Jahre als Läufer engagiert gewesen war, ehe er es 2017 verliess. Keine Neuigkeiten also?

Dabei wird Farah seit den ­ersten Negativschlagzeilen von einer PR-Firma beraten. Eine ihrer ersten Massnahmen: ihn den Medien zu entziehen. Ausgerechnet vor der Leichtathletik-WM 2017 daheim in London durfte kein Printjournalist mit ihm länger reden. Auch nach ­seinem desaströsen Chicago-Rennen vor vier Tagen, in dem er in 2:09:58 Stunden so langsam wie noch nie die 42,195 km absolvierte, redete er nicht mit den angereisten britischen Journalisten. Ein Bilanz-Tweet musste ­ihnen genügen.

Farahs Schmallippigkeit offenbart aber vor allem seine ­Hilflosigkeit, seit der einstige Liebling hinterfragt wird. 2017 klagte er gar einen britischen Journalisten ein, nachdem ­dieser auf Twitter geschrieben hatte, Farah verweigere sich der Printpresse vor dem heimischen WM und sei ein Feigling, denn es stellten sich viele Fragen. Gemäss Farah wurde dadurch Doping in den Raum gestellt. Die Parteien einigten sich aussergerichtlich. Farah bekam eine fünfstellige Summe zugesprochen.

Die zweifelhaften Helfer

Im Chicagoer Wortstreit allerdings kritisierte Farah nicht Salazar, der ihm den Schlamassel mit eingetragen hatte, sondern die (britischen) Journalisten: «Ich fühle mich von euch im Stich gelassen. Es ist sehr enttäuschend zu sehen, wie ihr mich Mal um Mal angeht. Dabei habe ich nichts Falsches getan.»

Aus legaler Sicht hat er recht. Sein Ruf erodiert aber aus einem anderen Grund: Viele Beobachter zweifeln an seiner Urteils­fähigkeit. Denn er will partout nicht mit alten oder aktuellen Weggefährten brechen, die ­seiner Integrität schaden. Zu ihnen zählt sein Physiotherapeut Neil Black – der im Strudel der Salazar-Causa zuletzt als Leistungssportchef des britischen Leichtathletikverbands gehen musste. Der Grund: Black hatte immer wieder Salazar als ex­ternen Berater hinzugezogen und ihn einst gar als «Genie» ­bezeichnet.

Mo Farah findet nur lobende Worte für Black. Dabei würde es bereits reichen, wenn er schlicht einmal zugäbe, in den vergangenen Jahren in Personalfragen nicht immer ein glückliches Händchen gehabt zu haben. Nicht einmal diese Konzession will er jedoch eingehen.

Erstellt: 17.10.2019, 20:15 Uhr

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