Der verspätete Durchbruch des Tadesse Abraham

Der 33-jährige Schweizer läuft in 2:06:40 Stunden den Marathon seines Lebens.

Dem Schweizer Rekord sei Dank: Tadesse Abraham kann künftig mit mehr Startgeld rechnen. Foto: Melanie Duchene (EQ Images)

Dem Schweizer Rekord sei Dank: Tadesse Abraham kann künftig mit mehr Startgeld rechnen. Foto: Melanie Duchene (EQ Images)

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Gestern endete die Ära von Viktor ­Röthlin. Zurückgetreten ist der Obwaldner im Sommer 2014 nach der Heim-EM. Als Schweizer Marathon-Rekordhalter mit seinen 2:07:23 Stunden wirkte sein Vermächtnis aber bis in die Gegenwart. Nun ist dieser Meilenstein nur mehr ­Geschichte. Sein zeitweiliger Trainingskollege ­Tadesse Abraham verbesserte diesen Rekord in Seoul auf 2:06:40 Stunden – und verpasste den Europarekord bloss um 4 Sekunden. «Mit diesem Rekord habe ich mich nie beschäftigt», sagte er nüchtern und: «Erst im Ziel ­realisierte ich, dass ich Viktors Zeit brach.» Mit seiner Leistung kämpfte sich Abraham in den exklusivsten Kreis der europäischen Marathonelite und revitalisierte seine zuletzt etwas ins Stocken geratene Karriere über 42,195 km.

Im August wird Abraham 34-jährig. Ein junger Läufer ist der Genfer mit eri­treischen Wurzeln und phasenweiser ­Basis in Uster längst nicht mehr. Sein Durchbruch kommt ­somit verzögert, von der Zeit abgesehen aber keineswegs über­raschend. Schliesslich hatte er sich dem Röthlin-Rekord vor drei Jahren in Zürich bereits bis auf 22 Sekunden (2:07:45) ­genähert und sein Debüt über die 42,195 km rund 3 Minuten schneller zurückgelegt als sein Rekordvorgänger. Dass Abraham ab 2013 dann doch weitere Jahre benötigte, bis er die ­Röthlin-Zeit tilgte, hängt auch mit seiner Einbürgerung von 2014 zusammen. Statt über schnelle City-Marathons versuchte Abraham danach an den Grossanlässen aufzufallen. Schliesslich verdient er sein Geld als Profiläufer und hängt sein Marktwert auch von Medaillen ab.

Bringt die Zeit auch mehr Geld?

Als Mitfavorit startete er vor zwei Jahren in Zürich zum ersten wichtigen Heimrennen und scheiterte an sich und den Gegnern deutlich. Der Traum einer ­Medaille, eines höheren Bekanntheitsgrads und weiterer substanzieller Sponsoren zerschlug sich. 2015 folgte an der WM der nächste Rückschlag: Leicht verletzt klassierte er sich im Mittelfeld, auch weil er eine seiner Trinkflaschen spät im Rennen verpasste. Dabei hatte er in jenem Winter mit seinem Schweizer Halbmarathon-Rekord von 60:42 Minuten offenbart, was für ein exzellenter Langstreckenläufer er sein kann.

Erst Seoul aber lanciert seine Karriere richtig. Als schnellster Europäer mit Rekordperspektiven wird er bei nächsten Starts bessere Startbedingungen aushandeln können. Zum Vergleich: Röthlin erhielt zu seiner besten Zeit als schnellster (weisser) Europäer fast 100 000 Franken. Eine heikle Frage wird allerdings erst in den nächsten Wochen geklärt: Bezahlt der Markt auch einem eingebürgerten Afrikaner, was einem im Land geborenen hellhäutigen Europäer einst zukam? Erschweren könnte Abrahams Situation, dass einer der wichtigsten Kontinentalmärkte im Marathon – Deutschland – seit dem letzten Jahr in Arne Gabius wieder einen Topmann aufweist. Abraham wird im Gegensatz zu ­Röthlin also kaum mehr von der Schwäche der deutschen Konkurrenten profitieren können. Handkehrum gibts neben dem Berliner Riesen auch noch ein paar andere mittelgrosse Marathons im Nachbarland.

Über EM zur Olympiamedaille?

Abrahams mittelfristiges Ziel gilt nun der Halbmarathon-EM und dann den Spielen im August. Vermag er sein Niveau zu halten, darf er in Rio gar Aussenseiterhoffnungen auf eine Medaille hegen. Die führenden Lauf­nationen Kenia oder Äthiopien können da nicht mit ­einer Armada antreten, sondern nur je zu dritt. Weil deren Vertreter an Titelkämpfen meist top oder flop laufen – nur der Sieg zählt –, können schnelle Mitkonkurrenten manchmal profitieren.

Äthiopien wird für Abraham auch mit Blick auf Rio zur zweiten Heimat. Regelmässig trainiert er in der Hauptstadt ­Addis Abeba auf 2400 m. Für Seoul bereitete er sich seit Anfang Januar in einer Gruppe vor, darunter zwei Weltklasseläufer mit Bestzeiten von 2:04 Stunden (Hayle Lemi und Tsegaye Asefa). Zu ­diesem optimalen Umfeld gehörte bei schnellen Einheiten auch der Neuseeländer Zane Robertson. Er hält den Ozeanien-Rekord im Halbmarathon (59:42) und twitterte früh im Jahr, man solle auf Abraham aufpassen, er entwickle sich sehr erfreulich.

Dafür spulte Abraham bis 200 km in der Woche ab, verteilt auf 15 Einheiten, und rannte bis 40 km pro Longjog (Kilometerschnitt: 3:45 Minuten). Dazu zählten auch schnelle Trainings über 1000 m. 12 zwischen 2:43 bis 2:50 Minuten mit 2 Minuten Pause gehörten beispielsweise dazu. Was daraus geworden ist, wissen wir nun: eine neue Ära im Schweizer Männermarathon.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.03.2016, 21:53 Uhr

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