Die eigene Suppe kochen

Fabien Martin ist der neue Mann an Giulia Steingrubers Seite. Er überlässt der Spitzenturnerin selbst wichtige Entscheidungen – und kommt im ganzen Nationalkader gut an.

Führt er Giulia Steingruber zu neuen Erfolgen – und andere Schweizerinnen dazu? Cheftrainer Fabien Martin. Foto: Raisa Durandi

Führt er Giulia Steingruber zu neuen Erfolgen – und andere Schweizerinnen dazu? Cheftrainer Fabien Martin. Foto: Raisa Durandi

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Viel muss es aushalten: das Verhältnis zwischen Trainer und Turnerin. Der körperbetonte Sport verlangt Disziplin, Strenge, Geduld, Durchhaltewillen. Ein Kuschelkurs ist eher hinderlich in der Trainingshalle, Empathie ist trotzdem gefragt – und eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe schwierig.

Und gleichwohl: Mit ihrem bisherigen Trainer Zoltan Jordanov sei das so gewesen, sagt Giulia Steingruber, oder besser: sei es das mit der Zeit geworden. In jüngeren Jahren war auch zwischen den beiden die Hierarchie klar: Jordanov der Chef, Steingruber die Befehlsempfängerin. Die Rebellin, das manchmal auch. Doch trotz aller Annäherung im Laufe der acht gemeinsamen Jahre: Das letzte Wort hatte meist Jordanov. «Wir diskutieren, ich entscheide», sagte er einmal.

Seit neun Monaten ist nun nicht mehr der Bulgare Nationaltrainer und an den Wettkämpfen der Mann an Steingrubers Seite. Sondern sein bisheriger Assistent: Fabien Martin, Franzose aus Lille, 42 Jahre alt, verheiratet und Vater zweier kleiner Buben. Die WM in Montreal ist sein zweiter Grossanlass als Cheftrainer der Schweizerinnen nach der EM im Frühling, aber der erste zusammen mit Steingruber. Und er geht die Sache mit den schweren Entscheidungen gleich einmal andersherum an als sein Vorgänger: Er überlässt sie Steingruber.

Gratulation der Kampfrichter

Nach ihrer einjährigen Pause, bedingt durch eine Auszeit und eine Operation des rechten Fusses, befindet sich die 23-jährige Ostschweizerin eigentlich noch immer im Aufbau. In den letzten Tagen vor der WM, die für sie heute mit der Qualifikation beginnt, hat sie aber derart grosse Fortschritte gemacht, dass plötzlich jenes Repertoire ihrer Übungen möglich wurde, mit dem sie vor einem Jahr an der EM in Bern und bei Olympia in Rio brilliert hatte. Am Sprung zeigte sie im Podiumstraining einen ­Jurtschenko mit Doppelschraube mit solcher Leichtigkeit, dass ihr die Kampfrichter spontan gratulierten.

Also stellte sie ihm im Vorfeld der Qualifikation der Frauen heute Mittwoch (19 Uhr MEZ) klar: «Ich will im Wettkampf die Doppelschraube zeigen.» Und Martin antwortete: «Du bist erfahren genug. Ich respektiere diesen Entscheid.»

Als er im vergangenen Winter seine Arbeit als Cheftrainer aufnahm, war das keine komplette Umstellung, weder für ihn noch für sie – schliesslich arbeitet er schon seit 2005 für den Schweizerischen Turnverband (STV). Nach acht Jahren beim französischen Verband folgte er seinem Landsmann Eric Demay in die Schweiz, wurde Assistent und ­behielt die Stelle auch nach Demays Entlassung und dem Wechsel zu Jordanov. «In dieser Zeit habe ich Giulia sehr gut kennen gelernt und weiss auch, wie die anderen Turnerinnen ticken», sagt er.

Als sich vor gut einem Jahr die Trennung von Jordanov ankündigte, war es Zeit für den nächsten Schritt. In der Schweiz – oder eben anderswo. Das stellte er gegenüber dem STV klar. Martin erklärt: «Nach 20 Jahren als Assistent wollte ich endlich meine eigene Suppe kochen.» Der Verband entschied sich für ihn und steht in einer ersten Bilanz zu diesem Ja. «Er hat das Zepter sofort in die Hand genommen», sagt Felix Stingelin, Chef Leistungssport, «von den Turnerinnen höre ich sehr viel Positives.» Den Staff konnte er nach seinen Wünschen zusammenstellen – wie schon seine ­beiden Vorgänger berief er seine Frau als ­Assistentin und zusätzlich zu ­Natalia seinen Bruder Jérôme. Das Trio harmoniere ausgezeichnet, lobt Stingelin.

«Ich habe von Demay und Jordanov viel gelernt», sagt Martin und legt Wert auf die Präzisierung: «Im Guten wie im Schlechten.» Bei Demay war der Umgang mit den Turnerinnen verstörend, aber er formte Ariella Käslin zur Spitzenathletin. Jordanov wiederum machte sie noch stärker und trieb danach Stein­gruber zu Olympiabronze – ­allerdings verstand er es weniger, mit nicht ganz so talentierten Turnerinnen zu arbeiten. Für ihn gab es Steingruber und vielleicht noch Ilaria Käslin, «alle anderen mussten selber schauen», ­kritisiert diese. Und glaubt sogar: «Mit Zoltan wäre es schwierig gewesen, ein Team hinzubekommen.» Das aber, die Olympiaqualifikation für Tokio 2020, ist das erklärte Ziel des Verbands.

«Er hat einen Plan»

Als Nachtreten gegen den umgänglichen Ungarn will die Tessinerin die Aussage nicht verstanden haben und fügt dann doch an: «Fabien hat einen Plan. Für das Team ist dies wichtig.» Auch Steingruber lobt den neuen Trainer gerade im Vergleich mit Jordanov. «Das Training ist abwechslungsreicher und der Teamspirit und die Atmosphäre sind viel besser», sagt sie. Offensichtlich, dass nun auch Turnerinnen in Steingrubers Schatten wieder Perspektiven sehen. Martin bestätigt: «Ich bin auf das Team fokussiert, weniger auf eine Einzelturnerin.»

Zwölf Turnerinnen hat er im Kopf, wenn er Richtung Tokio denkt, er will (und muss) das Team breit abstützen, damit es eine Chance haben kann. Die Voraussetzungen der Schweizerinnen sind nicht ungünstig, talentierte Turnerinnen mit Jahrgängen 2001 und 2002 stiessen zuletzt und stossen noch zum Nationalkader. Turnerinnen wie Lynn Genhart oder Anina Wildi, die Martin zu echten Verstärkungen ausbilden will. Mit Geduld – aber auch Strenge.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.10.2017, 23:09 Uhr

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