Die erstaunlichen Gedächtnislücken des Laufstars

Olympiasieger Mo Farah distanziert sich von seinem gefallenen Erfolgscoach – wie heuchlerisch.

Mo Farah hat sich heuchlerisch von Alberto Salazar losgesagt. (Bild: Robin Pope/NurPhoto via Getty Images)

Mo Farah hat sich heuchlerisch von Alberto Salazar losgesagt. (Bild: Robin Pope/NurPhoto via Getty Images)

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Mo Farah ist ein aussergewöhnlicher Läufer. Zugleich ist der vierfache Olympiasieger ein begnadeter Kurzdenker. Im neuen Jahr hat sich diese für ihn unglückliche Kombination noch verschärft. Der BBC sagte er jüngst: Hätte er von den Verfehlungen seines Coachs Alberto Salazar gewusst, er wäre ihm davongelaufen.

Salazar war im letzten Herbst für vier Jahre wegen Dopingvergehen gesperrt worden. Es war der Amerikaner, der aus Farah ab 2011 einen Dauersieger formte, ehe die Liaison 2017 endete.

Ab 2015 allerdings wurden viele später belegte Verfehlungen Salazars öffentlich. Darum reiste Farah kurz nach den ersten Schlagzeilen gar von einem Wettkampf ab und stellte seinen Trainer. Dieser hatte zuvor mit einem 11'000 Worte umfassenden Replik-Wulst auf die Vorwürfe reagiert.

Spätestens seit 2015 also war Mo Farah sehr wohl unterrichtet, dass sein Trainer ein Betrüger sein könnte. Noch unmittelbar nach Bekanntgabe von Salazars Sperre aber klagte der Brite vor dem Start am Chicago-Marathon, ihm würden weiter Fragen zu einem Thema gestellt, das «nicht neu» sei.

12 Stunden zuvor hatte Nike wegen Salazars Sperre gerade das langjährige Projekt aufgelöst, dem Salazar vorstand und von dem Farah über Jahre profitierte. Auch Salazars Ausschluss – in der Leichtathletik-Welt heiss diskutiert – war da erst wenige Tage jung.

Nun sagt Farah also, von Salazars illegalen Praktiken nichts mitbekommen zu haben – als hätte er in einer Blase gelebt. Er hörte bzw. las in all den Jahren folglich keine Nachrichten, führte keine Gespräche mit Laufkollegen und Funktionären. Er tut so, als hätte es die vielen Fragen bei Pressekonferenzen, in denen er zu Salazar fast gegrillt wurde, nie gegeben.

Er scheint damit auch verdrängt zu haben, dass er sein Treffen mit Salazar von 2015 selber öffentlich machte. Damals wollte er noch zeigen, dass er sich sehr wohl mit der Situation auseinandersetzt und sich der allfälligen Implikationen für seine Reputation bewusst ist.

Seine Distanzierung via BBC ist darum heuchlerisch und schadet ihm. Als Läufer mag er weiter ein grosser Name sein. Als Persönlichkeit aber nimmt man Farah nicht (mehr) wahr.

Erstellt: 15.01.2020, 10:29 Uhr

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