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Die Frau ist eine Herausforderung

Der Sport tut sich schwer damit, wer bei den Frauen starten darf – zu Recht.

Die 800 m-Läuferin Caster Semenya entflammte beim Internationalen Leichathletik-Verband (IAAF) eine Grundsatzdiskussion über Intersexualität im Sport. Bild: Getty Images/Patrick Smith
Die 800 m-Läuferin Caster Semenya entflammte beim Internationalen Leichathletik-Verband (IAAF) eine Grundsatzdiskussion über Intersexualität im Sport. Bild: Getty Images/Patrick Smith

Wir haben in der Aufklärung gelernt, dass Mann und Frau Buben oder Mädchen zeugen. Doch die Realität lehrt uns: Es ist komplexer. Es existiert quasi ein drittes Geschlecht. Intersexuell nennt man diese ­Menschen. Sie können aus genetischen, hormonellen und/oder anatomischen Gründen nicht eindeutig dem weiblichen oder dem männ­lichen Geschlecht zugeordnet werden. Eine neue Studie zum Thema sorgte diese Woche für Aufsehen im Sport. Dessen Problem beginnt damit, dass er seine Athleten in genau zwei Kategorien aufteilt: Mann und Frau. Wozu aber zählen Intersexuelle?

Die Crux mit dem Beweis

Vor allem der Internationale Leich­tathletik-Verband (IAAF) hat sich mit diesem komplexen Thema immer wieder befassen müssen. Die Diskussion der neueren Zeit, wann eine Frau auch bei den Frauen starten darf, entflammte an 800-m-Läuferin Caster Semenya. Die Südafrikanerin war 2009 an der WM über 800 m zu Gold gestürmt und angesichts ihrer maskulinen Erscheinung rasch angezweifelt worden.

Frau warf ihr einen Wettbewerbsvorteil dank viel mehr Testosteron vor, was die Weltfunktionäre zu einer neuen Regel veranlasste. Denn man wollte «normale Frauen» gegenüber Intersexuellen schliesslich nicht benachteiligen. Darum wurden in der Leichtathletik ab 2011 Intersexuelle ausgeschlossen, deren Testosteronlevel einen bestimmten Wert überschritt – sofern ihr Körper auf das übermässige Sexualhormon überhaupt reagierte.

Wie entscheidend Testosteron die (körperliche) Leistung beeinflussen kann, erfährt jeder Mensch: Rennen Mädchen vor der Pubertät oft schneller als Buben, ändert sich die Situation danach umgehend. Bloss kann die Wissenschaft diese Erfahrung nicht kausal belegen, weil sie dafür Blind­studien verwenden müsste. Die Versuchspersonen wüssten in einem solchen Experiment also nicht, ob sie zur Experimental- oder zur Kontrollgruppe gehörten. Aus naheliegenden Gründen ist ein solcher Ansatz beim Thema Intersexualität unmöglich.

Die wegweisende Studie

Also bleiben der Wissenschaft nur beobachtende Arbeiten, zu denen die neuste, von der IAAF finanzierte zählt. Sie ist trotzdem interessant und wegweisend. Erstmals stellt eine Studie nämlich einen Zusammenhang zwischen Hormonlevel und Leistungs­fähigkeit einer Leichtathletin bzw. eines Leichtathleten her. Anhand von 795 Starter und 1332 Starterinnen an der WM 2011 und 2013 können die Autoren zeigen: Athletinnen mit durchschnittlichem Testosteronlevel weisen gegenüber Athletinnen mit sehr hohem um bis zu 5 Prozent weniger Leistungsvermögen auf – während sich die Unterschiede bei den Männern nicht auf ihr Potenzial auswirkten.

Die Wirkung des Sexualhormons Testosteron geht auch aus einer zweiten Studie hervor. Zwar besteht die Probe aus bloss drei Athletinnen, es handelt sich bei allen dreien aber um inter­sexuelle Leichtathletinnen. Ihre besten Resultate sanken nach Operation bzw. Einnahme von Medikamenten stark. Erreichten sie vor der Behandlung quasi 100 Prozent Leistung, fiel der Wert nach zwei Jahren im Schnitt um 5,7 Prozent.

Oder etwas anschaulicher an Caster Semenya dargestellt: Gewann sie vor ihrer Medikation neben WM- auch Olympiagold (2012), war sie von 2013 bis 2015 chancenlos, ehe sie 2016 erneut Olympiagold holte. Was führte zum Wiedererstarken?

Im Juli 2015 zwang der Internationale Sportgerichtshof die IAAF (und auch das Internationale Olympische Komitee), ihre Intersexuellen-Regel auszusetzen. Eine indische Sprinterin hatte dagegen geklagt und recht bekommen – weil die IAAF ihre Gründe für den Ausschluss von Intersexuellen nicht ausreichend belegen konnte. Bis Ende dieses Sommers muss sie den Juroren nun weitere Daten nach­reichen, will sie den Passus erneut ein­führen. Die erwähnten Testosteron-­Studien sind da zentral.

Denn bei Olympia 2016 kam es über 800 m zu einer sehr, sehr seltenen Situation: Alle Medaillengewinnerinnen waren mit hoher Wahrscheinlichkeit intersexuelle Athletinnen. Zwar kommen auf 1000 Leichtathletinnen nur 7 intersexuelle. Dieser Anteil aber ist 140-mal höher als in der Durchschnittsbevölkerung und der Hauptgrund, warum sich Wissenschaft und Sport derart intensiv mit diesem scheinbaren Nischenthema befassen.

Was ist die Alternative?

Dass sich der Leichtathletik-Verband bei seiner geplanten Regel, wer als Frau in der Frauenkategorie teilnehmen darf, einzig auf biologische Faktoren stützt, ist richtig. Die Gesamtgesellschaft berücksichtigt auch soziale Aspekte, weshalb im Englischen die Begriffe «sex» (biologisches ­Geschlecht) und «gender» (soziologisches Geschlecht») existieren. Die IAAF würde mit ihrer Regel also explizit nicht öffentlich ­beurteilen, wer eine Frau wäre.

Sie will einzig für faire Chancen innerhalb der Frauenkategorie sorgen. Dass die IAAF damit Intersexuelle in ein sportliches Geschlechterkonzept zwänge, nähme sie nach einem Abwägungsprozess in Kauf. Wohl ist dem Verband nicht bei seinem Ansatz. Ihm aber fehlt eine überzeugende Alternative. Der Sportgerichtshof dürfte dieser Stossrichtung in seinem Entscheid deshalb folgen. Für die Weltmeisterschaften im August kommt das Urteil allerdings zu spät.

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