Das mögliche Russen-Aus und die Chance zur Revolution

Olympische Winterspiele ohne Russland? Heute fällt der Entscheid. Was der Skandal um möglichen Systembetrug verdeutlicht.

Zeichnung: Felix Schaad

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Der James Bond des Internationalen Olympischen Komitees heisst Samuel Schmid. Der frühere Bundesrat hat vom IOK die Lizenz zum Recherchieren erhalten. Sein Auftrag: dem «Verdacht» nachzugehen, ob Russland im Sport tatsächlich systematisch betrogen hat, das Dopen staatlich lenkte und betreute. Während Bond als Vertreter des Staates aber alle dessen Mittel wie Telefonabhören oder Zeugenvorladen einbringen kann, besitzt Schmid primär eine Waffe: seinen Charme. Er hat schliesslich keine rechtlichen Instrumente in der Hand. Ob er dem politischen Russland folglich belastendes Material abluchsen konnte, darf man bezweifeln.

Ohnehin muss man sich fragen: Warum setzte das IOK in diesem «Jahrzehntefall» auf einen Politiker, der im Aufspüren von (Sport-)Machenschaften eines gerade nicht aufweist – Erfahrung? Oder anders gefragt: Wären die Chancen, diesen systematischen Betrug auch auf Staatsebene zu dokumentieren, nicht viel grösser gewesen, wenn man Profis engagiert hätte, also frühere Polizisten und investigative Dopingbekämpfer?

Ohne die Arbeit von Schmid und seinem kleinen, fünfköpfigen Team zu schmälern, kann man schon vor deren Erkenntnissen sagen, dass eine erfahrenere Equipe mehr Einsichten hätte liefern können. Doch primär anhand der schmidschen Ergebnisse wird das IOK heute Abend entscheiden, ob es Russland von den Winterspielen vom Februar ausschliessen wird. Man muss kein Hellseher sein, um die grosse politische Bedeutung in dieser Causa zu erkennen. Denn IOK-Präsident Thomas Bach hat immer wieder ­bekannt gegeben, dass er den Ausschluss des russischen Olympischen Komitees für unangemessen hält.

Allerdings hat sich die Beweislage gegen Russland in den vergangenen Monaten derart verdichtet, dass der Ausschluss zumindest realistisch erscheint. Zuletzt trug eine IOK-Kommission unter dem Schweizer Mitglied Denis Oswald dazu bei. Oswald ­versucht, russische Athleten auf Individualebene zu überführen. Bislang hat er deren 36 aufgespürt. Sie alle warten auf ihren Prozess. Gar zur Systemfrage äusserte sich die Oswald-Kommission. Sie bestätigte, was Richard McLaren, der Sonderermittler der Welt-Anti-­Dopingagentur, herausgefunden hatte: dass Russland ein System betrieb, in dem es gedopte Sportler schützte und ihre positiven Dopingproben in negative umwandelte.

Die wichtige Bestätigung

Nur schon diese Bestätigung der McLaren-Ergebnisse ist enorm wichtig. Bislang tat selbst das IOK noch so, als handle es sich bei den McLaren-Fakten um Mutmassungen. Trocken meinte der Juraprofessor McLaren darum kürzlich in einem Interview mit «Spiegel-Online»: «Oswalds Arbeit bestätigt, was meine Experten herausgefunden haben – sie hätten das also gar nicht erneut tun müssen. Und es hat sie bedeutend mehr Geld gekostet als uns. Aber nun gut, ihre Untersuchung ist umfassender als unsere . . .»

Trotz des Nachweises des systematischen Betrugs reichen die Belege allenfalls nicht aus, die Russen gleich in corpore vom (olympischen) Sport fernzuhalten. Statt aber darüber zu spekulieren, wie sich das IOK heute entscheiden wird, sollte man das grosse Bild betrachten. Es zeigt: Der globale Kampf gegen Betrüger kommt nur sehr, sehr schleppend voran. Darum ist diese Krise eine enorme Chance, das ganze System zu revolutionieren.

Der Sport hat diese Chance schon einmal für einen Sprung genutzt: Nach massiven Dopingproblemen Ende der 90er-Jahre lancierte das IOK die Welt-Anti-Dopingagentur Wada. 1999 begann sie zu arbeiten. Trotz aller Kritik ist sie nicht mehr wegzudenken: Gerade der Systembetrug von Russland wäre ohne die Wada niemals in dieser Tiefe aufgedeckt worden.

Die Verbände als Problem

Dennoch ist die Wada ein Fehlkon­strukt, weil politisch abhängig. Die Hälfte ihres Budgets speist die Politik, die andere der Sport. Darum kann sie zum Spielball von (sport-)politischen Interessen werden. Ausgerechnet IOK-Präsident Thomas Bach präsentierte schon im vorletzten Herbst den möglichen Befreiungsschlag: eine neue Anti-Doping-Einheit, die unabhängig von Wada und Sportverbänden die ­Athleten testet und sanktioniert. IOK und Verbände würden ihre «Kompetenzen» im Dopingkampf verlieren.

Ein Fall Russland könnte damit zwar kaum verhindert werden. Aber die Aufarbeitung folgte rascher, konzentrierter und wohl auch effektiver. Die grosse Frage ist nur: Will der Weltsport diese fundamentale Weiterentwicklung im Kampf gegen Doper auch?


Schlüsselfiguren in der Russland-Affäre

Der Schlüsselzeuge: Grigori Rodschenkow
Die Russen haben bei ihrem systematischen Dopen zwischen 2011 und 2015 an vieles gedacht – nur nicht daran, dass einer ihrer wichtigsten Betrüger die Seite wechselt. Doch Grigori Rodschenkow, der langjährige Leiter des Anti-Doping-Labors von Moskau, setzte sich in die USA ab. Mit immer neuen Informationen fütterte das medizinische Mastermind des Betrugs verschiedene Anti-Doping-Behörden und Medien – auch weil er in den USA unter FBI-Schutz steht und damit vor den Russen einigermassen sicher ist. Alles, was Rodschenkow sagte, haben mehrere Kommissionen überprüft und für wahr erklärt.

Der Sonderermittler 1: Richard McLaren
Am Kanadier war es als Erstem, die Informationen von Kronzeuge Rodschenkow zu überprüfen. Er hat dies in zwei Arbeiten und mit einem kompetenten Team getan – und dabei ein System des Betrugs offengelegt, zu dem über 1000 Russen zählten. Juraprofessor McLaren sagte gegenüber «Spiegel-Online» zur Causa: «Es ist sehr schwer, eine angemessene Strafe zu finden. Man kann natürlich Sportler sperren, die Teil dieser Dopingverschwörung waren. Man muss aber auch prüfen, inwieweit es Personen gibt, die über dem Sportler stehen und involviert waren. Trainer, Mediziner. Die muss man sperren.»

Der Sonderermittler 2: Samuel Schmid
Nachdem Richard McLaren abgeklärt hatte, ob Kronzeuge Grigori Rodschenkow die Wahrheit sagte, klärte Samuel Schmid für das IOK unter anderem ab, ob McLaren die Wahrheit gesagt hatte. Dafür hatte der frühere Berner Bundesrat zuletzt 12 Monate Zeit. Heute wird er seine Ergebnisse dem IOK präsentieren. Dieses schirmte Schmid in den vergangenen Monaten konsequent ab. Was also seine Motivation in diesem heiklen Fall war, ist noch nicht bekannt. Zumal er dem Einfluss des russischen Staates mit minimalem Personalaufwand nachgehen musste: Sein Team bestand aus fünf Mitarbeitern. (cb)

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.12.2017, 06:30 Uhr

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