«Athleten sind doch keine Idioten»

Witali Stepanow deckte den Dopingskandal um die russische Leichtathletik-Mannschaft auf. Heute lebt er mit seiner Familie an einem geheimen Ort in den USA.

Siegerpose plus Landesfahne: Für diese Erfolgsformel waren in Russland auch unerlaubte Mittel recht. Foto: Denis Sinyakov (AFP/Getty Images)

Siegerpose plus Landesfahne: Für diese Erfolgsformel waren in Russland auch unerlaubte Mittel recht. Foto: Denis Sinyakov (AFP/Getty Images)

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Denken Sie manchmal, Ihre Opfer als Whistleblower seien unnütz gewesen?
Im Gegenteil. Beim Leichtathletik-Weltverband IAAF glaube ich wirklich, er versucht, dieses riesige Problem zu lösen und damit die Situation zu verbessern, also die russische Leichtathletik zu säubern.

Sie fühlen sich also ernst genommen?
Die IAAF hat die Erwartungen von mir und meiner Frau sogar übertroffen. Wobei: Eigentlich hatten wir gar keine so enormen Erwartungen. Wir wollten einfach darüber berichten, was in Russland vor sich geht – und dazu beitragen, dass sich die ­Situation verbessert.

Seit 2015 überwacht eine Taskforce der IAAF die Fortschritte des russischen Verbandes. Wo hat er sich bewegt?
Mmh, ich glaube, da hat sich nicht wirklich viel getan. Aber die IAAF sagt: «Wir wollen echte Veränderungen und keine Spielchen. Wenn ihr uns weiter anlügt und uns nicht mit Informationen versorgt, die wir verlangen, wenn ihr euch nicht wirklich wandelt, bleibt ihr suspendiert.»

Der russische Anti-Doping-Chef Juri Ganus forderte, dass alle Mitarbeiter des russischen Leichtathletik-Verbandes zurücktreten sollten, weil sie keine Reformen wollten. Darauf antwortete Sportminister Kolobkow: «Diese Forderungen sind unnötig.» Was gilt nun?
Aus meiner Sicht war Kolobkow Teil des Dopingsystems. Er war einer der Vize-Minister unter dem damaligen Sportminister Mutko und verschleierte das Doping. Was aber passierte? Er wurde ebenso wie Mutko befördert. Mir scheint darum ziemlich offensichtlich, warum er redet, wie er redet. Er hat viel zu verlieren. Bezüglich Ganus und der russischen Anti-Doping-Agentur: Sie versuchen zwar, bestimmte ­Dinge anzugehen, aber nicht das Grundproblem.

Das ist?
Sie müssten erst einmal den McLaren-Report (Untersuchungsbericht zum Staatsdoping in Russland von 2011 bis 2016, Anmerkung der Redaktion) lesen und ihn öffentlich anerkennen. Das tut Ganus nicht. Er redet immer nur davon, dass man als Agentur wieder voll funktionstüchtig werden wolle. Aber zu seinen Aufgaben gehörte, auch die Vergangenheit aufzuarbeiten. Darum ist sein Ansatz einseitig.

«Athleten sind keine Idioten. Sie sehen doch, wie ihre Funktionäre weiterlügen.»

War der offene Brief von Ganus also primär PR?
Natürlich muss er solche Dinge sagen, er hat von der Welt-Anti-Doping-Agentur schliesslich Auflagen erhalten. Ohnehin muss man wissen: Seine Stimme hat im russischen Sport kaum Gewicht. Er handelte also tatsächlich teilweise aus PR-Gründen. Zugleich hoffe ich, dass er trotzdem ernst meinte, was er gesagt hat.

Die IAAF fordert von den ­Russen: Ändert eure Denkweise und tretet glaubwürdig für sauberen Elitesport ein. Findet der Kulturwandel statt?
Athleten sind doch keine Idioten. Solange sie sehen, dass die über Jahre in Doping involvierten Funktionäre und Politiker weiter unbehelligt arbeiten können, ja teilweise gar befördert werden, fragen sie sich: Warum sollen wir uns wandeln, wenn es der Rest nicht tut, Funktionäre und Politiker sogar weiter lügen und betrügen – und sagen: Unser Anspruch ist es, zu den besten Sportnationen der Welt zu gehören?

Aber man hat den einen oder anderen Betreuer ersetzt.
Natürlich hat man das – aber nur solche, die zweifelsfrei überführt worden waren und man folglich nicht mehr halten konnte. Kurz: Ich kann keinen kulturellen Wandel erkennen. Und sauberer Sport hat schon gar keine Priorität. Es geht wie gesagt weiter darum, im Reigen der Grossen bestehen zu können.

Also gar keine Veränderungen zum Positiven?
Ich rede jetzt über die russische Leichtathletik: Wir wissen dank Recherchen, dass noch immer circa 60 Prozent aller Coaches aus der Dopingära stammen. So viel zum Thema Wandel. Natürlich wird es ein paar wenige ­Athleten und Trainer geben, die ohne Doping arbeiten. Der ­grosse Rest aber glaubt, nur mit ­Betrügen an die Weltspitze zu kommen, und wartet darum bloss darauf, dass der russische Leichtathletik-Verband wieder aufgenommen wird – und sie wie immer fortfahren können.

Weiter dopen?
Natürlich. Noch einmal: Der Fisch stinkt vom Kopf. Konsequenterweise müsste man erst einmal die Entscheidungsträger dieses Dopingsystems bestrafen. Das aber ist nicht passiert – weder in Russland noch ausserhalb. Die Folge: Juri Nagornich, eine der wesentlichsten Figuren im russischen Staatsdoping, arbeitet jetzt als Topfunktionär im russischen Fussball.

Wie brächte man diesen ­kulturellen Wandel zustande?
Man müsste erst einmal die eigene Vergangenheit aufarbeiten. Meine Frau legte alle ihre ­Dopingjahre als 800-m-Läuferin offen und gestand damit ihre Schuld vollumfänglich ein, wurde dafür gesperrt – und versuchte als Whistleblowerin mitzuhelfen, dass sich die Situation generell verbessert. Aber der russische olympische Sport hat nicht mal das Aufarbeiten hinbekommen.

«Die meisten Sportverbände  haben bezüglich Russland kapituliert.»

Russland ist ein riesiges Land mit vielen Regionen. Erschwert das einen kulturellen Wandel?
Ich bin überzeugt: Wenn die Verantwortlichen sauberen Sport wollen, schafft man das auch in einem so grossen Land wie Russland. Aber auf die Gefahr hin, zu langweilen und mich zu wiederholen: Sie wollen ihn nicht.

Erkennen Sie eine neue Generation von Athleten und Trainern, die anders denken als ihre Vorgänger?
Ja, die existiert tatsächlich. Aber es handelt sich bezüglich Coaches um solche, die bloss über wenig Einfluss verfügen. Die wichtigen Posten sind weiter von Trainern besetzt, die in der Dopingzeit gross wurden. Andersdenkende wären durchaus vorhanden, sie erhalten aber kaum Chancen, sich zu entfalten.

Weltklassehochspringerin Maria Lasizkene kritisierte ihren Verband jüngst harsch, forderte Köpfe. Wie reagierte das offizielle Russland?
Nicht gross, soweit ich das von ausserhalb des Landes beurteilen kann. Man hielt die Reaktion und Forderung aber für über­zogen. Sie erhielt also keine ­grosse Unterstützung.

Warum kritisieren nur ganz wenige Leichtathleten wie Lasizkene ihren Verband – fürchten sie Repression?
Weil die Mehrheit selber dopte. Sie waren und sind Teil des ­Betrugssystems und warten nur darauf, zurückzukehren und weiter dopen zu können.

Trauen Sie allen Russen, die als sogenannt neutrale Athleten zurzeit auf Topstufe dabei sein können?
Sorry, dieser Aspekt kümmert mich nicht. Ich weiss gar nicht, wer dazugehört. Mich interessiert, was im grossen Ganzen passiert

Sie und Ihre Frau waren die Schlüsselzeugen bezüglich der russischen Leichtathletik: Arbeitet der internationale Verband mit Ihnen zusammen?
Nein.

Warum nicht?
Keine Ahnung. Wohl, weil wir über keine neuen Informationen mehr verfügen. Wir haben Russland schliesslich vor fast vier Jahren verlassen müssen. Wir ­haben folglich kein Insiderwissen mehr. Wir könnten also bloss unsere Meinungen kundtun. ­Davor besassen wir auch Informationen.

Tut der internationale Verband genug, dass sich die russische Leichtathletik wandelt?
Im Prinzip sind es ja die Taskforce sowie die Integritätsbehörde der IAAF – beides unabhängige Einheiten. Sie tun auf jeden Fall mehr, als ich erwartet hatte. Ich kann zumindest im globalen Sport niemand anderen erkennen, der wirklich versucht, den russischen Sport zu verändern. Dafür kann ich ihnen nicht ­genug danken.

Sie klingen resigniert.
Die meisten anderen Sportverbände haben doch kapituliert, als sie ihren russischen Vertretern sagten: «Ihr habt euch zwar kein bisschen verändert, und wir wissen auch gar nicht, wer von euch alles betrog, aber wir nehmen euch trotzdem wieder auf!»

Immerhin erhielt die Welt-Anti-Doping-Agentur in diesem Jahr Zugang zu allen Schlüsseldaten des früheren russischen Anti-Doping-Labors – und teilte mit, dass sie 298 Athleten mit auffälligen Proben entdeckt habe.
Ich erwarte bloss von den Leichtathleten und Biathleten, dass sie den Fällen mit aller Konsequenz nachgehen werden. Der grosse Rest – so fürchte ich – wird wie bislang versuchen, möglichst ­alles zu verwedeln.

Erstellt: 09.07.2019, 05:20 Uhr

Der Preis des Ehrlichseins ist enorm: Seit sich Julia und Witali Stepanow vor über vier Jahren entschieden, ihr Insiderwissen bezüglich der breitest dopenden russischen Leichtathletik an die Öffentlichkeit zu bringen, sind sie im eigenen Land geächtet. Das Paar – sie eine Topläuferin über 800 m, er phasenweise bei der russischen Anti-Doping-Agentur angestellt – musste Russland verlassen. Die Stepanows leben seither mit ihrem Buben Robert in den USA an einem geheimen Ort.
Julia Stepanowa (33) ist seit Ablauf ihrer Dopingsperre weiter Läuferin, auch wegen mehrerer Verletzungen aber bloss noch nationale Klasse. Witali (37), der als Teenager in den USA im Austausch war und wegen des komplizierten Aufenthaltsstatus nur monateweise am Stück arbeiten darf, bewältigte jüngst den Master (Management & Leadership) innert Monaten. Das Paar befindet sich in ungewisser und diffiziler (Rechts-)Lage. Während Julia die Situation gemäss Insidern relativ gelassen nehmen könne, hadere Witali deutlich mehr. (cb)

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