Die schnellsten Kinderbeine der Stadt

Zwischen Tränen und Triumph. Auf dem Utogrund mit den Zürihegel.

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80 Meter. Die Laufbahn auf dem Rasen. Maximal 12 Stadtzürcher Kinder nebeneinander. Viele Barfuss, einige in Schuhen. Das ist «De schnällscht Zürihegel». An diesem Samstag wird der Finaltag auf der Sportanlage Utogrund ausgetragen. Zum 67. Mal seit 1951. Und noch nie haben mehr Schüler teilgenommen. Mehr als 4000 Kinder mit Jahrgang 2004 bis 2009 sind es - die zwölf Vorausscheidungen in den Quartieren mitgerechnet. Und dazu kommen 443 Teams in den Stafetten.

Manchmal brauchts für eine schöne Erfindung eine grosse Schmach. So war es beim schnällschte Zürihegel. 1950 hatte es kein Zürcher Sprinter in den Final der Schweizer Meisterschaften geschafft. Darauf schlug Silvio Nido vom Leichtathletik-Club Zürich (LCZ) die Organisation eines Wettbewerbs für Schüler vor. Und seit 1955 dürfen auch die Mädchen mitlaufen.

Heinz Haas war zwischen 1974 und 2014 OK-Präsident. Jetzt ist der 72-Jährige noch immer als einer von 25 Helfern dabei - wie seine Frau Paula am Verpflegungsstand. Und sein Sohn Oliver am Mikrofon. Heinz Haas steht auf Höhe der Ziellinie. Und bestimmt mit zwei Kollegen den Sieger jedes Laufs. Per Auge. Zeitmessung oder Zielfoto oder Videoaufnahme, das gibt es beim Zürihegel nicht. Und wenn die Eltern zuerst den Zieleinlauf filmen und dann stürmen, weil sie ihr Kind auf Platz 1 gesehen haben? Dann bleiben die drei Männer gelassen. Und entscheiden so, wie sie es gesehen haben. Oder lassen zwei Läuferinnen in den Final einziehen, wie es am Samstagmorgen passiert ist.

Mit Sondertraining auf Platz 1

«Vornedure, de chlii Blau», ruft Haas, wenn er den Schnellsten gesehen hat. Der kleine Blaue, das ist Parfait Tresor Coulibaly. Als der Bub mit Jahrgang 2009 über die Ziellinie spurtet, kommt sein begeistertes Mami bald hinterher geschossen. Sie ist quer über den Rasen gestürmt, als sie gesehen hat, dass ihr kleiner Parfait parfait vorne liegt. Es ist sein erster Sieg beim zweiten Start, das erste Mal ist er Vierter gewonnen. Weshalb er dieses Mal der Schnellste war? Weil er mit dem Vater am Vorabend noch trainiert hat, erzählt er.

Parfait Tresor ist kein Leichtathlet, er spielt Fussball, jetzt noch beim FC Affoltern, demnächst beim FCZ, sagt die Mutter, und strahlt glücklich. Die Familie kommt ursprünglich von der Elfenbeinküste. Die Hälfte der siegreichen Einzelläufer bei Mädchen und Buben haben afrikanische Wurzeln.

«Die Fröhlichkeit der Kinder» ist es, die Haas immer so sehr gefallen hat beim Zürihegel. Diese Unbeschwertheit, die allerdings kleiner wird, je älter die Schüler werden. So ist das auch bei Elina Ikezu, Jahrgang 2006. Das Mädchen ist im LCZ mit und spielt auch noch Fussball. An diesem Samstag gewinnt sie bei der fünften Teilnahme zum dritten Mal. Und war schon morgens um 6 Uhr wach. Die Aufregung. Jetzt geniesst sie ihren Sieg mit Leandra Suter, die bei den 07-ern gewonnen hat. Auch Leandra sprintet in ihrer Freizeit beim LCZ.

Die Sechsfach-Siegerin darf nicht mehr starten

De schnällscht Zürihegel macht Seriensieger. Wie Parfaits Cousin Calise Paul Ligué. Eigentlich stürmt der für die U-12 des FCZ. Einmal hat er den Zürihegel-Finaltag verpasst, der Fussballmatch war wichtiger. Aber wenn er dabei ist, sprintet er vornweg. Calise gewinnt zum vierten Mal, ab Sommer geht er in die Sportsek. Und de schnällscht Zürihegel macht auch Seriensiegerinnen wie Liv Dufner, TV Unterstrass. Sechs Starts, sechs Siege. Nächstes Jahr ist sie mit Jahrgang 2004 schon zu alt. «Ich würde gerne wieder mitmachen, aber irgendwann ist halt fertig.»

Für die Sieger gibts einen Sportshop-Gutschein. Oder Tickets fürs Weltklasse-Meeting. Und ein Sieger-T-Shirt. Und eine Goldmedaille, übergeben von Stadtrat Lauber. Aber die Schnellsten der Schnellen werden nicht mehr wie früher angesprochen von LCZ-Mitgliedern, um sie zur Leichtathletik zu locken.

Die Mamis mit Trinkflasche, die Papis mit Anweisungen

Nach den Einzelläufern kommen die Stafetten. Bis zu 23 Schulklassen mit jeweils sechs Läuferinnen oder Läufern treten gleichzeitig gegeneinander an. Ist das manchmal eine Aufregung vor dem Start! Die Mamis kommen noch mit einer Trinkflasche. Die Papis geben letzte Anweisungen. Die Grossmamis auch. Und ganz sicher muss noch ein Kind mit Sonnencrème eingerieben werden, bevor es losgeht, in dieser Disziplin über 60 Meter, jedes Kind muss einmal hin und einmal her.

Die einen tun das mit ganz kurzen, schnellen Schritten. Die anderen mit langen Beinen. Die Eltern stehen jetzt hinter dem Ziel oder seitlich, in jedem Fall mit Sicherheitsabstand. Früher gabs einen Securitas, der sie auf Distanz hielt, wenn es nötig war. Heute zeigt Markierungen oder Bänder, wie nahe die Unterstützung gehen darf.

Wer gerade niemanden beim Sprint auf dem Rasen hat, zieht sich gerne auf die Schattenplätze unter dem Tribünendach zurück. Nebenan im Schwimmbad Letzigraben kommt es zwischendurch zum Dichtestress auf dem Sprungturm. Auf dem Utogrund ist irgendwann der letzte Tropfen Schweiss geflossen. Und sind die Tränen der Zweit- oder Drittplatzierten getrocknet. Das Lächeln der Sieger aber, das bleibt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.06.2017, 12:32 Uhr

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