Zum Hauptinhalt springen

Die Sportärztin, die zu viel weiss

Xue Yinxian sprach als Erste über staatlich gelenktes Doping in China. Als die Repressalien unerträglich wurden, floh sie nach Deutschland – mit 79. Nun lebt sie in einer Asylunterkunft.

Die ehemalige Chef-Ärztin der chinesischen Nationalmannschaften über die Verbreitung des Dopings in China. Video: ARD/Tamedia

Das erste Flüchtlingslager hatte alles, was sie zunächst brauchten, sagt Xue Yinxian. Bloss die Zimmertür liess sich nicht abschliessen. Xue klemmte stets einen Tisch vor den Eingang. Einmal rüttelte jemand an der Tür. «Wer ist da?», rief sie. Der Besucher hielt inne. Dann war er weg.

Seit Kurzem lebt Xue in einer neuen Unterkunft, in einem Zimmer mit einer Tür, die sich abschliessen lässt. Der Raum auf 15 Quadratmetern ist alles, was in ihr neues Leben passt: Bett, Holztisch, darauf eine Plastikflasche mit Zitronenwasser, ein Kochtopf mit Weisskohl, Tomaten, Zwiebeln, Sojasosse. Auf einem grauen Spind ruht der einzige kleine Luxus, den sie sich gönnen. Xue hat ihn gekauft, nachdem sie nach Deutschland kam, mit ihrem Sohn und dessen Frau. «11-teiliges Kochtopfset» steht auf dem Karton. Die Chinesen verzeihen manches, aber kein schlechtes Essen.

Xue trägt graue Stoffhose und Turnschuhe, hinter einer Brille ruhen zwei wache Augen. Sie redet oft mit den Händen, schwingt sie wie ein Zepter durch die Luft, wenn sie wütend ist. Wenn sie mal nicht gestikuliert, füllt sie die Pappbecher der Gäste mit Zitronenwasser auf. Am Ende hat sie fast fünf Stunden erzählt, warum es sie im Sommer von ihrem Leben als Ärztin im chinesischen Hochleistungssport in ein Asylheim verschlagen hat, irgendwo in Deutschland, mit 79 Jahren. Den Ort soll man nicht nennen. Die Familie ist raus aus China, aber in Sicherheit ist sie noch nicht.

Das Richtige in einem kranken System

Ab 1980 sollten die Ärzte fast alle Sportler dopen - Xue weigerte sich beharrlich Xue Yinxian und ihre Familie hüten eine Geschichte, die vor fünf Jahren an die Öffentlichkeit sickerte und, wenn es nach den Oberen in Xues Heimat geht, niemals ans Licht hätte kommen dürfen. Sie handelt vom Betrug, und wie der organisierte Sport diejenigen behandelt, die sich dagegenstemmen. Sie handelt davon, was man verlieren kann, Gehalt, Arbeit, Mann, die Gesundheit. Sie handelt von der Flucht in eine fremde Kultur. Geblieben sind ihr 15 Quadratmeter im Asylheim und die Hoffnung, dieser Zwischenwelt bald zu entfliehen. Und das Gefühl, irgendwie das Richtige gemacht zu haben in einem kranken System.

Xues erstes Leben war unkompliziert und klar. Der Vater stützte die Kommunisten, er war Grenzwächter in der Mandschurei, die Mutter Lehrerin. Xues Lehrer empfahlen ihr die Sporthochschule in Peking, sie ging mit Bestnoten ab. Absolventen durften sich Stellen damals nicht aussuchen, Xue wurde 1963 in die Staatliche Sportkommission versetzt, kümmerte sich als Ärztin um die besten Athleten des Landes. Bald hatte sie 30 Ärzte und elf Riegen unter sich, Leichtathleten, Gewichtheber, Basketballer, Volleyballer, Schwimmer, Fussballer. Und die Turner, mit denen reiste sie oft zu Turnieren. Es war wie an der Uni: Fleissig sein, arbeiten, dann gewinnt man auch im Sport.

Dachte Xue.

Das chinesische Wundermittel

Ende der 70er-Jahre schwappten erste Berichte nach China. Chen Zhanghao, der Chefarzt der Sportkommission, hörte, dass ausländische Athleten gewisse Mittel nahmen. Er reiste nach Frankreich, von April bis Juni 1979. Als Chen zurückkam, erinnert Xue sich, «hat er sich aufgeführt, als habe er selbst Doping genommen». Er sei durch alle Riegen gegangen, habe erzählt, wie die Wundermittel die Sportler langsamer ermüden und schneller regenerieren liessen. Er drängte die Trainer und Ärzte, alle Athleten zu dopen, sagt Xue.

Ein Mittel der ersten Stunde: Testosteron. Wer sich weigerte, verlor seine Arbeit, also machten die meisten Ärzte mit. Xue war eine der wenigen, die sich weigerten. «Ich hatte viele Berichte aus dem Ausland gelesen», über Nebenwirkungen und Todesfälle. Ihre Turner dopten erst mal nicht. Sie behielt trotzdem ihren Job; Xue war beliebt bei Sportlern, weil sie Verletzungen rasch erkannte und behandelte. Aber sie spürte, dass immer stärkere Kräfte gegen sie arbeiten, wie ein Körper, der einen Erreger abstösst.

Ab 1980, sagt Xue, waren die meisten Athleten gedopt. «Es war eine neue Welt.»

Der Chefarzt Chen hatte bald einen neuen Verbündeten, Li Furong, den Vize des Sportverbands. Gemeinsam, sagt Xue, erforschten sie Dopingmittel, zunächst Testosteron, Steroide, Wachstumshormone. Dann kombinierten sie es mit chinesischer Medizin. Mitte der 80er hatten sie eine eigene Waffe. «Dalibu», wörtlich: Grosser Kraft-Ergänzer, ein Mix aus Steroiden und heimischem Stoff. Die Sportler wurden kräftiger, angriffslustiger. «Das ist nur zu Dopingzwecken entwickelt worden», sagt Xue, «das findet man auch nicht bei Dopingtests.» Chen habe es überall gepriesen, von Peking bis in die Stützpunkte der Provinzen: Wer Dalibu nicht einnehme, brauche gar nicht weiterzumachen, hiess es.

Kurz vor den Olympischen Spielen 1988 in Seoul kam ein Junge zu ihr, ein Bodenturner, ihm waren Brüste gewachsen.

Xue Yinxian sah, wie Mädchen mit neun, zehn Jahren in die Turnerriege kamen, die Jungen mit elf, zwölf. «Die Mittel wurden auch ihnen gegeben», sagt sie, unter dem Vorwand, es seien Nahrungsergänzungsmittel. «Nachdem sie das eingenommen haben, waren viele von ihnen mit 13 schon international zweitklassige Sportler.» Kurz vor den Olympischen Spielen 1988 in Seoul kam ein Junge zu ihr, ein Bodenturner, ihm waren Brüste gewachsen.

Die Regierung hatte wohl vom Doping zunächst nichts mitbekommen, aber als sich in den 80er-Jahren die Medaillen häuften, hievte sie die Urväter des Erfolgs in staatliche Würden: Chen und Li. China war im Aufbruch, Sport und Rekorde wurden zum Synonym für Aufstieg. «Chen hatte auf alle Fälle Rückendeckung vom Staat», sagt Xue. Die Haltung der Regierung sei immer so gewesen: «Solange du nicht erwischt wirst, bist du ein guter Sportler. Die Regierung will bloss Goldmedaillen vorweisen, egal mit welchen Mitteln.» Auf Anfragen, ob Chen und Li das Doping koordinierten und die Regierung davon wusste, reagierten weder die staatlichen Behörden noch die Sportkommission.

Es war also wie in der DDR. Wie in Russland, dessen Sumpflandschaften seit 2014 aufgedeckt werden. Und gar nicht so anders wie in der BRD, wo der Kampf gegen den Osten ebenfalls mit pharmazeutischer Infamie geführt wurde, geduldet von staatlicher Seite. Oder wie in den USA, wo bei Olympia 1984 sogar Positivproben unter mysteriösen Umständen verschwanden.

Der Fall der Krankenschwester

Xue sagt, sie habe nie gesehen, wie die Sportler gedopt wurden. Jeder habe ja ihre kritische Haltung gekannt. Aber sie habe viel von anderen Ärzten gehört und gesehen. Sie schrieb das in ihre Tagebücher, die sie mittlerweile an einem sicheren Ort versteckt hat. Der Fall des Tischtennisspielers Cai Zhenhua, der Anfang der 80er-Jahre viele WM-Goldmedaillen gewann. Oder die Affäre einer erfolgreichen Leichtathletin, deren Proben im Pekinger Anti- Doping-Labor vor den Asienspielen 1986 so lange getestet wurden, bis sie negativ waren. Erst dann durfte sie ausreisen.

Der eindrücklichste Fall handelt von der Krankenschwester Huang Meiyu, er erschien zuletzt wieder auf diversen chinesischen Nachrichtenseiten im Ausland. Huang wurde vor den Asienspielen 1986 aufgetragen, diverse Sportler zu dopen; darunter auch eine bekannte Badmintonspielerin. Als ein Dopingtest ausschlug (dem die Funktionäre später mit einem Erkältungsmittel begründeten), machten sie allein Huang verantwortlich. Irgendwann war sie so zermürbt, dass sie einen Selbstmordversuch unternahm. Huang erzählte die Geschichte 2015 in einem Interview. 2016 wurde sie dann am Darm operiert. Ein halbes Jahr später, im Februar 2017, starb sie. Die Operation sei leider missglückt, teilte man der Familie mit. Später wurden die Eltern bedroht, sagt Xue. Die Badmintonspielerin von damals ist heute eine hohe Funktionärin im Weltsport.

«Ich war naiv. Für die Sportkommission war ich ein Clown, der ihnen den Aufstieg in die Weltspitze verbaute.»

Xue Yinxian

Xue sah in den 80er-Jahren immer mehr vom Betrug, doch ihre Stimme wurde immer schwächer. Ihr Gehalt wurde gekürzt, sie wurde von Sitzungen ausgeladen, Trainer dopten viele Turner hinter ihrem Rücken. Sie weigerte sich weiter. «Als Sportmedizinerin war ich immer der Meinung, dass das Oberste die Gesundheit der Sportler sein sollte. Diese Dopingmittel haben nur negative Folgen, nicht nur körperlich», sagt sie. «Wenn die Sportler ihren Erfolg haben, werden sie danach immer fallen gelassen.» Sogar Chinas offizielle Sportzeitung Zhongguo Tiyu Bao berichtete Monate vor den Peking-Spielen 2008, dass rund 300 000 staatlich hochgezüchtete Eliteathleten inzwischen in Armut lebten.

Aus dem Sport gedrängt

Xue glaubte lange an den olympischen Geist. Heute weiss sie, dass es diesen Geist nie gab. «Ich war naiv. Für die Sportkommission war ich ein Clown, der ihnen den Aufstieg in die Weltspitze verbaute», sagt sie. Einige Athleten hielten zu ihr, Turner Li Ning etwa, der bei den Spielen 1984 in Los Angeles dreimal Gold gewann. Xue durfte da schon nicht mehr mitreisen.

Kurz vor Olympia 1988 in Seoul drängten sie die Funktionäre endgültig aus dem Sport. Später entliessen sie Xues Sohn, der ebenfalls als Arzt arbeitet. Die Mutter wurde von der Sportmedizin in die Ambulanz versetzt, doch viele Sportler kamen weiter zu ihr. So sah sie weiter die Nebenwirkungen des Dopings, von Dalibu etwa, dem «Kraft-Ergänzer». Sie schrieb es in ihre Tagebücher, wie im Fall eines Turners:

Kam am 12. Januar 1989 morgens.

Hat im vergangenen Jahr Dalibu konsumiert. Gewicht stieg auf 57 Kilo. Hatte von August bis September 1986 Dalibu genommen, Gewicht von 51,5 auf 55 Kilo. Medizin kam von einem Krankenhaus in Peking. Körperkraft sei gut, Beweglichkeit schlecht. «Ich kann nicht mehr trainieren», sagt er.

Wachstumshormone in der Thermoskanne

Xue wurde 1998 pensioniert, nach 36 Jahren im Staatsdienst. Sie hörte, dass in den Nationalteams weiter gedopt wurde, in der Laufgruppe des Trainers Ma Junren («ein unglaublicher Despot»), der seine Sportlerinnen mit Gürteln schlug, oder bei den Schwimmern, die von 1994 bis 2004 für 40 Positivfälle sorgten und vor der WM 1998 am Flughafen Perth geschnappt wurden. Sie hatten versucht, Wachstumshormon per Thermoskanne ins Land zu schmuggeln. Als Xue bei den Sommerspielen 2012 sah, wie die 16-jährige Ye Shiwen auf der Schlussbahn schneller als die Männer schwamm, sagte sie: «Man sieht sofort, dass sie etwas eingenommen hat.» Ye stritt das stets vehement ab.

«Eigentlich», sagt Xue heute, «müsste man alle chinesischen Goldmedaillen bis heute aberkennen.»

Im November 2005 erlitt Xue den ersten Schlaganfall, der ihr kurz die Sprache raubte, 2006 den zweiten. «Wir sind in der Zeit oft belästigt worden, nachts gab es Anrufe, aber niemand ging ran», sagt sie. «Mein Mann war furchtbar angespannt.» Ihn mussten die Ärzte im Sommer 2007 am Gehirn operieren. Zwei Monate später, am 25. September 2007, standen acht Beamte vor der Wohnung. Sie wollten sich nach der Gesundheit von Xue erkundigen, sagten sie.

Xue wollte sie nicht ins Haus lassen, es kam zu einer Rangelei, ihr Mann fiel zu Boden, er trug noch einen Verband von der OP. Weil er von einem Beamten gestossen wurde, sagt die Familie. Ein unglücklicher Sturz, sagten die Beamten. Die Beamten kamen jedenfalls ins Haus, «wollten sich absichern», erinnert sich Xue. «Es war noch ein Jahr bis zu Olympia in Peking, und sie haben mir konkret gesagt, dass ich nichts über das Doping erzählen sollte.»

Zwei Monate später starb ihr Mann an den Folgen des Sturzes.

Eine Nachfrage zu dem Fall bei chinesischen Behörden blieb ebenfalls unbeantwortet.

Der Tod des Vaters macht Yang zum Künstler

Damals, zwei Tage, bevor die Staatsmacht in Xues Haus eindrang, platzte die globale Kriminalermittlung «Raw Deal» in die Öffentlichkeit. Die US-Drogenbehörde DEA, Interpol und Behörden aus neun Ländern beschlagnahmten Steroide im Wert von 50 Millionen Dollar. Weltweit wurden Dealer verhaftet, Labore ausgehoben, Bargeld, Boote, Waffen sichergestellt. Die Ermittlungen ergaben, dass 99 Prozent der verarbeiteten Rohstoffe aus China kamen. Chinas grösster Wachstumshormon-Produzent wurde in den USA angeklagt. Die Hysterie in Pekings Apparat war enorm, wenige Monate vor den Heim-Spielen 2008.

Der Tod des Vaters habe etwas in ihm ausgelöst, sagt Yang Weidong heute, der ältere Sohn, der sich mit seiner Frau Du Xing ein zweites Zimmer im Asylheim teilt. Er fragte sich: Wie können wir in einer Gesellschaft leben, in der so etwas möglich ist?

Yang wurde über Nacht zu einem Künstler. Er interviewte 405 Intellektuelle, Künstler, Musiker, Schriftsteller, stellte allen dieselben 55 Fragen: «Was fehlt Ihnen am meisten in unserer Gesellschaft?». Oder: «Was halten Sie davon, wenn eine Ärztin nicht dopen will?» Viele bekundeten Sympathie. Eine derartige Reise in die Seele einer Nation ist gefährlich, zumal in einem Staat, der fast jeden Zentimeter Privatsphäre kontrolliert. «Die Regierung hat Angst, dass diese Leute die Wahrheit aussprechen, sagt Yang.

«Wehe, ihr erzählt etwas»

Er verlor seine Arbeit als Dozent für Innenarchitektur an der Tsinghua-Universität. Seine Frau und er verkauften ihre Wohnungen, um das Interview-Projekt zu finanzieren, und zogen in kleinere. Sein jüngerer Bruder wandte sich ab. 2011 veröffentlichte Yang seine Interviews in Hongkong, als Buch. Spätestens jetzt wurde auch er überwacht, immer wieder tauchten Beamte vor seiner Tür auf.

«Wehe, ihr erzählt etwas vom Doping! Oder vom Sturz des Vaters!»

2012, kurz vor Olympia in London, machen sie es doch: Xue sprach in englischen Medien erstmals vom riesigen Betrug, den sie erlebt hatte. Als Reporter nach Beweisen fragen, zeigt sie Fotos ihrer Tagebücher, 68 sind es mittlerweile. Xues Sohn leitete auch ein Dossier an Reporter weiter, das der Chefarzt Chen einst über seine Dopingversuche verfasst hatte. So geriet Chen unter Druck und gab zu, an 50 Athleten Blutdoping, Hormone und Steroide «getestet» zu haben. Ja, er habe Doping einst erforscht, sagte Chen, dazu gezwungen habe er aber niemanden. Ganz bestimmt.

Nackt aus Wut

Xues Familie war spätestens jetzt ein Risiko für den Staat, mit den Tagebüchern und Filmen (die sie bald aus dem Land schmuggelten). Ein Polizeiauto stand ständig vor der Tür, das Telefon wurde abgehört, sagt sie. Besonders schlimm sei es gewesen, wenn ein Grossereignis im Sport bevorstand. Als Peking sich ab Ende 2013 für die Winterspiele 2022 bewarb, standen wieder Beamte vor der Tür: Bloss keine negativen Berichte! Kurz bevor die Spiele vergeben wurden, am 31. Juli 2015, riefen sie fast jeden Tag bei Xue an. Sie wollte damals einen Bekannten in Hongkong besuchen, als sie am Flughafen eintraf, wurde sie verhört. Ausreisen durfte sie nicht. Peking gewann knapp die Abstimmung gegen den einzigen Mitbewerber, Almaty. Auf Anfrage bei chinesischen Behörden, ob und warum Xues Familie observiert wurde: keine Reaktion.

Xues Sohn war so wütend, dass er nach der verhinderten Ausreise eine «Aktionskunst» wagte. Er protestierte nackt, vor dem Sportministerium, hielt ein Schild mit der Aufschrift: «Der Vizepräsident Li Yuanchao ist mein älterer Bruder.» Tatsächlich ist die Grossmutter von Chinas Vize-Premier Li Yuanchao eine Cousine von Yangs Mutter. Am Tag darauf wurde Yang verhaftet, erst nach 114 Tagen kam er wieder frei. Als er in seiner Wohnung eintraf, hatte ihm die Vermieterin gekündigt.

Chens Mitstreiter wurde Mitte der 90er in ein neues Amt versetzt: Er leitete ein staatliches Anti-Doping-Komitee.

Der letzte Anstoss war ein Vorfall im vergangenen Herbst, sagt der Sohn. Seine Mutter hatte Blut im Urin, aber kein Arzt habe sie behandeln wollen. Im Sommer wollten sie ausreisen, die Mutter brauche medizinische Hilfe, sagten sie, man müsse kurz ins Ausland. Diesmal klappte es. Deutschland.

Und jetzt?

Manche Athleten, die Xue betreute, leiden heute an Spätfolgen. Die Volleyballspielerin Chen Zhaodi starb 2013, Leberkrebs. Li Ning, der Turner, entzündete bei der Eröffnungsfeier 2008 die olympische Flamme, der Kontakt zu Xue ist abgebrochen. «Er hat Angst», sagt sie. Cai Zhenhua, der Tischtennisspieler, ist heute Vize-Sportminister. Auch eine Anfrage an ihn und sein Ministerium bleibt ohne Reaktion. Chen, der Dopingdruide, hat den Betrug gestanden, aber offenkundig nur einen Bruchteil davon. Li Furong, Chens Mitstreiter, wurde Mitte der 90er in ein neues Amt versetzt: Er leitete ein staatliches Anti-Doping-Komitee.

Der mysteriöse Besucher

Und Xue? Gilt die nach dem Spiele- Zuschlag für 2022 noch immer als Bedrohung? Seit zwei Jahren redet die Sportwelt über das russische Staatsdoping, die Sotschi-Winterspiele 2014 stehen für den Schmutz des Sports. Aber nicht nur in Russland wird Spitzensportlern eine besondere Abschottungspraxis zuteil; auch Chinas Elitesportler trainieren gern in Militärbasen - Unbefugte haben da keinen Zutritt.

Die Anfragen bei chinesischen Behörden, ob der Druck auf Xue auch mit den jüngsten Entwicklungen zusammenhänge, und ob sie ausschliessen können, dass es je ein staatlich gelenktes Dopingprogramm gab - wie es Anti-Doping-Offizielle aus China zuvor stets getan hatten - bleiben unbeantwortet. Dafür ruft kurz vor Redaktionsschluss eine Werbenummer aus China an. Am Apparat meldet sich eine automatische Stimme. Man möge bitte seine Bankverbindung eingeben.

Xue, ihr Sohn und ihre Schwiegertochter warten seit vier Monaten, dass ihr Asylverfahren bewilligt wird. Ihre Konten in China sind gesperrt, rund 2000 Dollar sind ihnen geblieben, sagt Yang. Ab und zu reist er mit Frau und Mutter zu Vorträgen. In den ersten Wochen in Deutschland fiel ihnen ein Chinese auf, der sich als Asylbewerber ausgab und stets vor Unterkünften auftauchte, in denen die Familie gerade untergebracht war.

Ein Agent, vermutet Yang; er fotografierte ihn an mehreren Orten. Als Yang ihn zur Rede stellte, habe der zugegeben, dass er an der Tür der Mutter gerüttelt hatte. «Angeblich wollte er sich ärztlich behandeln lassen», sagt Yang. Kurz darauf verlegten die Behörden Xues Familie in die neue Unterkunft. Aber die Botschaft, die der mysteriöse Besucher hinterlassen habe, sei eindeutig gewesen, sagt Yang.

«Wir finden euch», habe dessen Körpersprache gesagt, «egal, wohin ihr geht.»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch