Plötzlich ein Spielball im Doping-Kampf

Aus dem Toggenburg versorgte sie die ganze Sportwelt mit Urin-Fläschchen. Bis bekannt wurde, dass Moskau Andrea Berlingers Produkt schon vor Jahren geknackt hatte.

«Wo sind wir nur hineingeraten?», fragte sich Andrea Berlinger nach dem Auffliegen des russischen Staatsdopings. Foto: Doris Fanconi

«Wo sind wir nur hineingeraten?», fragte sich Andrea Berlinger nach dem Auffliegen des russischen Staatsdopings. Foto: Doris Fanconi

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Andrea Berlinger muss keine Sekunde überlegen. Am 13. Mai 2016 endete ihr altes Leben als Unternehmerin. Das Datum hat sie bis heute präsent. Es beschäftigt die Patronin von rund 100 Mitarbeitern, die sie mit ihrem Mann und Co-Chef Daniel Schwyter führt, noch immer. Grund der Zäsur: Die «New York Times» berichtete damals, wie Russland an seinen olympischen Heimspielen 2014 in Sotschi systematisch manipulierte – und dabei auch die als unknackbar geltenden Fläschchen für Urin so zu öffnen und wieder zu verschliessen verstand, dass der Betrug lange geheim blieb.

Diese Fläschchen, 5 mal 5 mal 13 cm gross, stammen von Berlinger. Sie werden in 9608 Ganterschwil im Toggenburg produziert, rund 300'000 jährlich, und prägen das KMU seit fast 20 Jahren. Gut ein Drittel des Umsatzes von 20 Millionen Franken generieren die Berlingers damit. Der andere Zweig ist die Temperaturüberwachung von leicht verderblichen Produkten. Darüber musste Andrea Berlinger im Mai vor zwei Jahren nicht reden. Dafür über ihr Produkt, das zwar einen vitalen Anteil an der Dopingbekämpfung darstellt, aber ausser Insidern nie jemanden eingehender interessiert hatte. Nun riefen innert dreier Tage 200 Journalisten aus vielen Ländern an. «Wo sind wir nur hineingeraten?», fragte sich Berlinger.

Pioniere in der Textilbranche

Zwei Jahre danach sieht sie klarer. Andrea Berlinger sitzt im Sitzungszimmer jenes Hauses, das ihre Vorfahren 1848 bauten. Die Berlingers weisen eine lange Vergangenheit als Unternehmer auf, beschäftigten im 19. Jahrhundert fast 200 Angestellte, waren Pioniere in der Baumwollweberei mit ihrer ersten automatisierten Maschine. Das war 1865. Schaut Andrea Berlinger darum im Zimmer um sich, erblickt sie an der Wand die Porträts ihrer Ahnen.

Alles Wissen um die vielen eifrigen Berlingers half ihr in der eigenen Situation nichts. Nie hatten Andrea Berlinger und ihr Mann zuvor ein derartiges Interesse erfahren. Darum war ihnen klar: Sie brauchten Hilfe, einen kompetenten Krisenmanager. 24 Stunden nach dem «Times»-Artikel engagierten sie Hans Klaus, der als früherer Kommunikationsdirektor der Fifa weiss, wie mit solchen Situationen umzugehen ist. Er übernahm sofort die Öffentlichkeitsarbeit.

Damit war für Andrea Berlinger nur ein erster, wichtiger Bereich abgedeckt. Es galt, neben den eigenen Mitarbeitern auch die Fläschchenbezüger, Sportverbände und Anti-Doping-Agenturen, zu begleiten. Denn die Berlingers stellten im letzten Sommer zwar eine verbesserte Variante ihres Produkts her. Ende Januar 2018 aber enthüllten Journalisten, darunter die Schweizer «Republik», dass auch die neusten Behälter zu knacken waren. Noch am selben Tag reagierte die Welt-Anti-Doping-Agentur mit einem Communiqué, zeigte sich besorgt. Die Winterspiele in Südkorea standen unmittelbar bevor.

Innert drei Tagen nach den Negativschlagzeilen riefen 200 Journalisten bei der Chefin an.

Anfang März entschied sich Berlinger, das Geschäft mit den Dopingkontrollen mittelfristig aufzugeben. Ihre Entscheidung entstand auch aus dem Gefühl heraus, ein Spielball im Anti-Doping-Kampf zu sein. Denn dieser sensitive Bereich, den die Berlingers prägen, ist praktisch unreguliert.

Es gibt in den Regeln der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) nur Minimalvorgaben, wie ein Kontrollset auszusehen hat. Diesem Risiko wollen sie sich nicht länger aussetzen. Dass die Wada-Funktionäre den Schweizern in einer ersten Phase die kalte Schulter zeigten, hat zur Ernüchterung der Chefin beigetragen. Fast zwei Jahrzehnte hatten sie Berlinger für deren Produkte gelobt, plötzlich aber sollten diese nicht mehr gut genug sein? Berlinger war irritiert, vor allem aber enttäuscht. Inzwischen haben die obersten Dopingbekämpfer realisiert, wie unprofessionell sie agierten, und sich ihrem wichtigen Partner genähert. Auch darum bittet Berlinger mehrmals im Gespräch, die Wada doch bitte schön nicht als Hort des Übels darzustellen.

Lieber möchte sie aufzeigen, dass es in diesem Bereich der Dopingbekämpfung Korrekturen brauche. Schliesslich kann sie vergleichen. In ihrem anderen Feld, der Temperaturüberwachung, würden sie regelmässig kontrolliert, müssten hohen Standards genügen. Damit aber hätten sie auch (Rechts-)Sicherheit und fänden Leitlinien vor. Ausgerechnet in dem für den Sport so sensitiven Gebiet aber fehlten entsprechende Grundlagen.

Dass man bei der Wada nun solche schaffen will, lässt Berlinger für den Dopingkampf hoffen, sofern die Gespräche auch fruchten und zu Änderungen führen. Bei Berlinger haben die vergangenen zwei Jahre dazu geführt, dass sich die Chefin primär mit dem Thema Doping beschäftigen musste. Die Firma als Ganzes konnte sie nicht mehr im gewohnten Rahmen mitleiten. Auch darum entschied sie sich mit ihrem Mann, einen Manager anzustellen. Das Tagesgeschäft muss trotz allem funktionieren.

Ist das Haus noch sicher genug?

Die Negativschlagzeilen erforderten von Berlinger viele Entscheide. Wie die Krise öffentlich managen, war eine davon. Auch die eigene IT musste vor möglichen Angriffen besser geschützt werden – und gar die Frage kam auf, ob der Hauptsitz ausreichend gegen Einbrüche gesichert sei. Andrea Berlinger, ansonsten sehr ehrlich und offen, wird für einmal schweigsam – auch aus Selbstschutz.

Bedroht worden seien sie allerdings nie, das ist ihr in diesem Zusammenhang wichtig zu sagen. «Trotzdem war da ein ungutes Gefühl.»

Zum Ende des Treffens sagt die 49-Jährige einen Satz, der sich wie ein Klischee anhört: «Jede Krise ist auch eine Chance.» Sie will damit ausdrücken, dass man sich in solchen Momenten besonders hinterfragt und allenfalls auch einmal mutig genug für grosse Entscheide sein muss. Weiss man um ihre Familiengeschichte, wird das vermeintliche Klischee rasch zum Sinnbild für die Denkweise der Berlingers: Ihr grosses Fabrikgebäude brannte 1900 ab. Also gab man das Textilgewerbe in dieser Form auf, suchte nach neuen Geschäftsfeldern. Selbst Windeln stellten die Berlingers für kurze Zeit her. Das Produkt floppte, offenbart aber: Die Berlingers sind Kämpfer, bis heute.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.05.2018, 22:42 Uhr

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