Die Young Sprinters aus den USA

Noah Lyles liebt die Show wie Usain Bolt – und ist mit 20 noch schneller als der Supersprinter damals. Und: Er führt mit seiner Weltjahresbestzeit eine ganze Generation starker Amerikaner an.

«Ich denke mir kleine Tänze und Shows aus»: Noah Lyles (20) erinnert an Usain Bolt. Foto: Charlie Neibergall (AP Photo)

«Ich denke mir kleine Tänze und Shows aus»: Noah Lyles (20) erinnert an Usain Bolt. Foto: Charlie Neibergall (AP Photo)

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Es ist schnell gegangen. Als an den letztjährigen Weltmeisterschaften in London Christian Coleman die Silbermedaille über 100 m gewann, schien klar, dass da der Generationenwechsel voll im Gang ist. Der erst 21-jährige Amerikaner war eine Hundertstelsekunde schneller gewesen als Usain Bolt und hatte sich nur dem 36-jährigen Landsmann Justin Gatlin geschlagen geben müssen. Eine Frage der Zeit also, bis das Ergebnis umgekehrt lauten würde.

Ein knappes Jahr später und nach den US-Meisterschaften vom Wochenende in Des Moines (Iowa) ist die Frage eine andere, eher lautet sie: Ist es tatsächlich Coleman, der Hallen-Welt­rekordhalter über 60 m, der Gatlin an Welttitelkämpfen einst beerben wird? Oder doch ein anderer der vielen jungen und sehr schnellen Amerikaner? Denn die Jahresweltbestenliste offenbart Erstaunliches: In den Top 14 finden sich fünf US-Sprinter, die alle in diesem Frühsommer schon unter 10 Sekunden gelaufen und 24-jährig oder jünger sind. Der Jüngste unter ihnen, Noah Lyles, ist erst 20 und gewann am Freitag in 9,88 seinen ersten US-Titel. Die anderen vier klassierten sich geschlossen hinter ihm.

Lange Liste der Abwesenden

Von der Besetzung her – oder eher der Nichtbesetzung – war es ein bemerkenswertes Meisterschaftsrennen: Gatlin liess durch seinen Manager Renaldo ­Nehemiah ausrichten, diese Titelkämpfe seien «kein wirklicher Anreiz» für ihn; der 33-jährige Michael Rodgers sprintete in den Vorläufen zu 9,89, verzichtete dann aber auf weitere Starts; US-Rekordhalter Tyson Gay sah sich die Wettkämpfe von der Tribüne aus an, und last but not least: Coleman kuriert eine Oberschenkelverletzung aus, die ihn auch an einem Start an den Diamond League Meetings in Paris am Samstag und bei Athletissima in Lausanne am 5. Juli hindern wird.

Die Liste der prominenten Abwesenden aber soll die Leistungen der aufstrebenden Anwesenden in keiner Weise schmälern. Lyles ist kein Zufallssieger. Innert 100 Minuten sprintete er erst zu 9,89 und dann zur persönlichen Bestleistung. Damit führt er sowohl die 100- als auch die 200-m-Jahresbestenliste an. Und: Nicht einmal Bolt war als 20-Jähriger so schnell wie er. Die halbe Bahnrunde legte Lyles im Mai in Eugene in 19,69 zurück – die Zeiten des jamaikanischen Weltrekordhalters lauteten 2007 (noch flaue) 10,03 und 19,75. Auch in ­Sachen Show scheint er Bolt in nichts nachzustehen. Freimütig erzählte Lyles nach seinem Coup, dass er sich immer Tänze und kleine Einlagen ausdenke, die er nach dem Zieleinlauf dann zelebrieren wolle. Dafür sind die Zuschauer weltweit empfänglich, nur musste er seinen Freudentanz in Des Moines in einem höchstens halb gefüllten Stadion aufführen.

Als Hauptfavorit war er nicht angetreten. Dieser war Ronnie Baker, der 24-Jährige, der in diesem Jahr schon die 100-m-Rennen in Eugene und Rom dominiert hatte. Und lange sah es auch in Iowa nach einem Sieg von Baker aus. Ihm blieb dann aber «nur» die persönliche Bestzeit von 9,90 und Rang 2, Lyles hatte ihn mit seinem irren Speed auf den letzten 10 Metern noch abgefangen.

Auch der Sohn Burrell glänzt

Auch in dieser Beziehung erinnert Lyles an Bolt. Er sagt, seit er mit 12 mit der Leichtathletik begonnen habe, hole er Rückstände auf. «Das ist normal für mich, das stresst mich auch nicht», bemerkt er, dem nachgesagt wird, dass ihn überhaupt nichts stresse. Er war 2016 nach dem Goldgewinn an der ­U-20-WM Profi geworden und dominiert nun ein halbes Dutzend junge US-Sprinter, zu denen auch Jaylen Bacon (21), Kendal Williams (22) und Cameron Burrell zählen. Dieser war einst als wohl schnellstes US-Kid bezeichnet worden. Der 23-Jährige, der nun zu 9,93 lief, wurde letztlich Fünfter, profitiert aber von wohl einzigartiger familiärer Unterstützung: Er ist der Sohn Leroy Burrells (51), der 1994 bei Athletissima verzauberte: In 9,85 war dieser auf der Pontaise Welt­rekord gelaufen und ist nun sein Trainer.

Erstellt: 26.06.2018, 00:07 Uhr

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