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Fünf Liegestütze als Gruss an die Verhinderer

Kranke Athleten, ein Sprinter mit Solostart und ein anklagender früherer Weltrekordhalter. Die WM bietet Gesprächsstoff.

Wurde aufgrund eines hoch ansteckenden Virus' nicht zum Showdown zugelassen: Isaac Makwala. Bild: AP

Michael Johnson gilt als Institution in der Weltleichtathletik. Darum hat die BBC den früheren Weltrekordhalter über 200 m und 400 m für diese WM als Experten engagiert. Das Schwergewicht befeuerte dabei ein Thema, das ohne Johnsons Worte rasch in die Randnotizen gerutscht wäre.

Nachdem Isaac Makwala, der Jahresschnellste über 200 m und erste Herausforderer von Wayde van Niekerk über 400 m, wegen eines hoch ansteckenden Magen-Darm-Virus nicht zum Showdown mit dem Südafrikaner zugelassen worden war, lamentierte Johnson: «Der Leichtathletik-Weltverband hat den einzigen wahren Herausforderer von Van Niekerk, der ein Favorit der IAAF ist, aus dem Rennen genommen. Die Verschwörungstheorien werden nun zahlreich sein.»

Gestern reagierte diese IAAF, was die Bedeutung der Causa Makwala vergrösserte: Sie bot den 30-Jährigen zu einem Extravorlauf auf. Um 18.40 Uhr Ortszeit startete er in sein Sonderrennen über 200 m. 20,53 Sekunden musste er dabei unterbieten, um in den Halbfinal vorzustossen. Der bislang Langsamste der Qualifizierten konnte zu diesem Zeitpunkt bereits aufatmen. Die IAAF winkte ihn ohnehin durch.

Makwala nutzte die Chance trotz Regen und 14 Grad in 20,20. Nach kurzem Jubel liess er noch auf der Bahn fünf Liegestützen folgen, als bedurfte es eines weiteren Beweises, wie fit er schon wieder war. Man kann es als Gruss an seine aus seiner Sicht vermeintlichen Verhinderer werten.

Hatten die markigen Worte von Johnson erst zum Umdenken der IAAF geführt?

Mit dieser regelkonformen, aber sonderbaren Handlung nährte die IAAF allerdings Zweifel. Hatten erst die markigen Worte von Michael Johnson, von den (britischen) Medien dankbar aufgenommen, zum Umdenken des Weltverbandes in diesem Fall geführt?

Und konnte man die Erregung über die «Super Flu» (BBC) ganz allgemein als Stürmchen im Wasserglas bezeichnen? 30 Athleten und Funktionäre erkrankten bislang, bei knapp 2000 gemeldeten Leichtathleten. Neben Makwala soll bloss ein weiterer Sportler vom bösen Virus attackiert worden sein. Der Rest sei aus anderen gesundheitlichen Gründen ausgefallen.

Erst zu Makwala: Er und sein Team behaupten, von der IAAF nie umfassend über den Fall informiert worden zu sein. Die vom Weltverband veröffentlichten Papiere deuten auf das Gegenteil hin: Vor Makwalas 200-m-Vorlauf übergab er sich im Raum des zuständigen Arztes. Dieser untersuchte ihn, dokumentierte das Ergebnis und informierte die IAAF und die botswanische Delegation.

Weil die britische Gesundheitsbehörde bei Norovirus-Fällen, die sehr ansteckend sein können, eine Quarantäne von 48 Stunden empfiehlt, hätte Makwala die nächsten zwei Tage in seinem Hotelzimmer verbringen sollen (und damit den 400-m-Final vom Dienstag verpasst).

Norweger liessen Teppiche aus Hotelzimmer reissen

Makwala hielt sich nicht an diese Vorgabe, sondern fuhr in einem Athleten- und Funktionärsbus ins Stadion. Sicherheitskräfte erkannten ihn bei der Kontrolle. Sie zwangen ihn zur Umkehr. Makwala verstiess also nicht nur gegen die Anweisung der IAAF, sondern riskierte, andere Athleten anzustecken. Dass er für dieses zwar verständliche, aber unsportliche Verhalten letztlich gar belohnt wurde, ist irritierend.

Zur Situation im Allgemeinen: Die WM wird weiterlaufen und damit nicht zum Reigen der Kranken verkommen. Wer sich nämlich in den Athletenhotels umhörte, traf grösstenteils gesunde Menschen an. Das Chaos ist in den Leichtathletik-Kreisen also keineswegs ausgebrochen. Die Sportler waschen sich nun ein bisschen mehr die Hände, essen nicht mehr alle vom Buffet und verzichten teilweise auf Umarmungen und aufs Händeschütteln – wie das Schweizer Team. Einige, wie die Deutschen, haben als Vorsichtsmassnahme Neuanreisende in ein anderes Hotel einquartiert.

Video - Rutschige Bedingungen in London

Der heftige Regen sorgte für Ausrutscher und Schmunzler.

Ansonsten aber kreist die Leichtathletik-Welt relativ ruckelfrei. Denn gerade bei Grossanlässen sind die Athleten stets vorsichtig, damit sie ja nicht krank werden. Dieses Verhalten führt in anderen Sportarten teilweise zu bizarren Aktionen. Norwegens Langläufer decken Teppichböden bei Titelkämpfen oft mit Plastik ab, da sie (Zusatz-)Keime fürchten. 2011 liessen sie an der Heim-WM in Oslo gar die Teppiche rausreissen und durch Holz ersetzen. In London begegnen die Leichtathleten kleinen und grösseren Erregern weitaus gelassener.

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