Er sprang einfach über die Messschiene hinweg

Vor 50 Jahren verlängerte Bob Beamon den Weltrekord im Weitsprung um einen halben Meter. Welche physikalischen Faktoren halfen ihm dabei?

1968 in Mexiko-Stadt auf dem Weg in die Geschichtsbücher: Nach 19 Anlaufschritten und 6 Sekunden hob Bob Beamon ab und landete erst nach 8,90 m wieder. Foto: Bettmann/Getty

1968 in Mexiko-Stadt auf dem Weg in die Geschichtsbücher: Nach 19 Anlaufschritten und 6 Sekunden hob Bob Beamon ab und landete erst nach 8,90 m wieder. Foto: Bettmann/Getty

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Nie vorher und nie mehr danach waren so viele Würdenträger des Weitsprungs zur selben Zeit am selben Ort wie am 18. Oktober 1968 im Stadion von Mexiko-Stadt. Ein Olympiasieger war da, der Brite Lynn Davies, der 1964 in Tokio gewonnen hatte; Weltrekordinhaber Igor Ter-Owanesjan aus der Sowjetunion, der ein Jahr zuvor bei der Generalprobe für die Spiele 8,35 Meter weit ­gekommen war.

Ausserdem startete ein Amerikaner, der beides war, Olympiasieger und Weltrekordler: Ralph Boston, Goldgewinner von Rom 1960, der 1965 jene 8,35 m vorgelegt hatte, mit denen Ter-­Owanesjan später gleichzog. Über ­allen thronte Jesse Owens, der bei seinen vier Weltrekorden an einem Mainachmittag 1935 und seinen vier Olympiasiegen 1936 ja auch weit gesprungen war. Er sass mit dem Fernglas auf der Tribüne, sollte das Geschehen fürs Radio kommentieren.

Wehe, wenn er vor Wut kocht

Doch all diese Grössen waren damals nur Randfiguren eines Spektakels, das die US-Zeitschrift «Sports Illustrated» als das «vielleicht beste Beispiel einer adrenalingetriebenen Überleistung» beschrieb. Zum Überleister sollte ein junger Bursche werden, lang und dürr, aus einem Armenviertel New Yorks. Der Vater hatte sich vor seiner Geburt verdrückt, die Mutter war gestorben, ehe er laufen konnte.

Dieser Waisenknabe hatte sich dem Weltrekord Mitte 1968 bis auf 2 cm genähert. Der Schlaks galt aber als unbeständig, hatte den Olympiafinal nach zwei ungültigen Versuchen fast verpasst.

Der sensationelle Sprung von Bob Beamon. Video: Youtube.

Davies war bekannt dafür, seine Gegner mit frechen Sprüchen aus der Ruhe zu bringen. Aber Boston warnte ihn davor, seine Tricks bei dem Burschen anzuwenden: «Wenn er wütend ist, ist er imstande, über die verdammte Grube hinauszuspringen.» ­Keiner ahnte, wie nah Bostons Übertreibung der Realität kam.

Das Stahlband musste her

Es war nachmittags um viertel vor vier. Ein Kampfrichter rief den vierten Springer auf, Startnummer 254: Bob Beamon aus den USA. Und der damals 22-Jährige machte sich auf den Weg in die Geschichtsbücher.

19 Schritte und 6 Sekunden später hob er ab – und nachdem er wieder gelandet war, hatte er noch so viel Schwung, dass er nicht im Sand sitzen blieb wie andere, sondern froschartig aus der Grube heraushüpfte.

Owens, der alte Meister, ahnte, dass die Entscheidung bereits gefallen war: «Sein Körper war 1,70 bis 1,80 m in der Luft», erzählte er den Zuhörern, «bei seiner Anlaufgeschwindigkeit sollte es das gewesen sein.» Davies war ebenfalls beeindruckt: «Er schien so eine verdammt lange Zeit in der Luft zu verharren.»

«Verglichen mit diesem Sprung, sind wir nur Kinder»Igor Ter-Owanesjan

Eine verdammt lange Zeit dauerte es auch, ehe Beamons Weite gemessen war: Die bei den Spielen in Mexiko erstmals installierte Messschiene parallel zur Grube war nicht lang genug; aus den Katakomben der Arena musste ein gutes altes Stahlband herbeigeschafft werden. Nach 15, 20 Minuten stand auf den Anzeigetafeln: 8,90 m!

Beamon hatte den Weltrekord um mehr als einen halben Meter verbessert – eine nie da gewesene, unglaubliche Steigerung in einer Disziplin, die stets nur zentimeterweise fortgeschritten war. «Beamon hatte im Jahr 1968 abgehoben und war irgendwo im nächsten Jahrhundert gelandet», urteilte «Sports Illustrated». Der deutsche Sportjournalist Robert Hartmann formulierte es ähnlich: «Er ist aus dem Rahmen der Gegenwart hinausgesprungen und in der fernen Zukunft gelandet.» Im Rückblick könnte man glauben, Beamon habe Landsmann Neil Armstrong die Idee geliefert für dessen Worte nach der ersten Mondlandung neun Monate später: «Ein gewaltiger Sprung für die Menschheit.»

Der als Weltrekordhalter abgelöste Ter-Owanesjan raunte Kollege Davies zu: «Verglichen mit diesem Sprung, sind wir nur Kinder.» Und Davies wiederum wandte sich an Beamon: «Du hast diese Disziplin zerstört.»

Dabei wusste Beamon erst gar nicht, was gerade geschehen war. «Es fühlte sich an wie ein normaler Sprung», erzählte er unmittelbar nach dem Wettkampf. Er konnte nichts mit der Zahl 8,90 anfangen, weil er nicht mit metrischen Einheiten vertraut war. Erst als Boston ihm die 8,90 m in die in den USA üblichen «feet and inches» übertrug, «habe ich realisiert, was ich ­getan hatte», gab Beamon zu.

Für immer auf Wolke neun

29 Fuss und 2,5 Zoll: Das waren fast zwei Fuss weiter als der ­bisherige Weltrekord. Beamon kollabierte noch auf der Bahn – kataplektischer Anfall nennen die Mediziner einen solchen ­Zusammenbruch infolge einer überwältigenden Emotion. Er habe damals bloss eine Medaille anvisiert, erzählte Beamon ­Jahre später der «New York Times», «das mit einem Weltrekord zu krönen, hat mich auf Wolke neun katapultiert, da bin ich noch ­immer.»

Wissenschaftler haben seinen Sprung unter die Lupe genommen und versucht, die unfassbare Weite zu erklären. Die dünne Höhenluft in der 2250 m hoch gelegenen Stadt war ein Faktor; der geringere Luftwiderstand begünstigte damals alle Leichtathleten, deren Tun auf Schnellkraft beruhte, wie die Weltrekorde auf allen Sprintstrecken bis 400 m und im Dreisprung belegen.

Nicht traurig über die Ablösung

Ein gerade noch zulässiger Rückenwind von 2 m pro Sekunde trug ebenfalls einen Teil bei; sicher auch die neuartige Kunststoffbahn. Zudem wurden die körperlichen Voraussetzungen Beamons, seine Kraft- und Hebelverhältnisse, als ideal ermittelt: Bei einer Grösse von 1,90 wog er bloss 72 kg; er hatte Sprungkraft und konnte schnell rennen. Aber das muss man erst einmal in Weite umsetzen. Boston, der in Mexiko noch Bronze gewann, meinte schlicht: «Eine herausragende Leistung eines aussergewöhnlichen Athleten.»

Beamon war tatsächlich ein einzigartiger Sprung gelungen, er kam nie mehr nur annähernd so weit und wurde in den letzten 50 Jahren auch nur einmal übertroffen – um 5 cm von seinem Landsmann Mike Powell bei der WM 1991 in Tokio.

Beamon war nicht traurig, dass sein «Sprung ins nächste Jahrtausend» das Ende des Jahrtausends nicht überdauerte, im Gegenteil schien eher eine Last von ihm abzufallen. «Wohin ich auch kam, überall wollten die Leute diesen Sprung nochmals sehen», erzählte er einmal, warum er seine Leichtathletiklaufbahn bald ausklingen habe lassen.

Basketball als wahre Liebe

Wenn er nach Autogrammen gefragt wurde, schrieb er oft nur «8,90». Er wandte sich bald wieder dem Basketball zu, seinem wahren Lieblingssport. «Hätte ich für Weitsprung so viel trainiert wie für Basketball, wäre ich 10,5 m weit gesprungen», sagte er einmal.

In den 1960er-Jahren konnte man sich als Leichtathlet nicht vermarkten, Beamon tingelte mit den Harlem Globetrotters, arbeitete im Sozialdienst, als Museumsdirektor, als Coach. Heute lebt er mit seiner vierten Frau in Las Vegas und verdient seinen Lebensunterhalt damit, dass er Bob Beamon ist. Für Sponsoren, das Internationale Olympische Komitee sowie das nationale der USA ist er unterwegs und erzählt von früher: von einem magischen Moment, wie es ihn nie vorher und nie mehr danach gegeben hat in der Leichtathletik.

Erstellt: 18.10.2018, 15:19 Uhr

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