Euphorie und Sorgenfalten

Der Jungfrau-Marathon ist beliebt, doch für die Organisatoren ein immer grösserer Kraftakt. Es fehlt Geld.

Durch den Nebel und über die Moräne zu sich selbst: Spätestens im Ziel auf der Kleinen Scheidegg verdrängt die Freude die Müdigkeit. Foto: Swiss-Image

Durch den Nebel und über die Moräne zu sich selbst: Spätestens im Ziel auf der Kleinen Scheidegg verdrängt die Freude die Müdigkeit. Foto: Swiss-Image

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Auf der Kleinen Scheidegg ist Herbst. Der Nebel hängt tief, es ist kühl und regnerisch. Aber was kümmert das einen Schotten? Als Robbie Simpson das Ziel des 27. Jungfrau-Marathons erreicht, zeigt die Uhr 2:59:29,9 Stunden an. Der 27-Jährige gewinnt wie bereits im Vorjahr und 2016. Danach sagt er: «Das Wetter war perfekt.»

Dabei beschlichen ihn unterwegs Zweifel. «Die Beine fühlten sich schwer an», sagt er. «Ich dachte: Die Kraft reicht heute nicht, um als Erster anzukommen.» Dann aber dreht er dort auf, wo andere leiden, verschärft auf den letzten Kilometern das Tempo und distanziert den Marokkaner Abdelhadi El Mouaziz um über zweieinhalb Minuten. Gleich nach dem Rennen wirkt er, als hätte es ihn kaum Substanz gekostet.

Als bester Schweizer wird Stephan Wenk in 3:05:23,1 Sechster. Und ist glücklich. Eine Bronchitis hat eine ideale Vorbereitung für den Läufer aus Greifensee verunmöglicht. «Ich ging ohne grosse Erwartungen an den Start», sagt er, «und dann lief es ganz gut.» Bei den Frauen sorgt die Waadtländerin Simone Troxler für einen Schweizer Sieg in 3:36:13,5.

Nach 36 Stunden waren alle 4000 Startplätze verkauft

Empfangen wird sie von OK-Präsident Toni Alpinice und Renndirektor Patrick Wieser. Das Duo klatscht nach den Besten mit Hunderten Läuferinnen und Läufern ab, die auf der Ziellinie euphorisiert die Arme hochreissen. Unabhängig davon, ob sie vier, fünf oder mehr Stunden benötigt haben.

Der Jungfrau-Marathon lockt die Massen an. Der Veranstalter preist ihn als «den schönsten Marathon der Welt» an. Am 14. Februar gingen die 4000 Startplätze in den Verkauf, nur 36 Stunden später hiess es: ausgebucht. 179 Franken beträgt die Teilnahmegebühr, und darin enthalten ist einiges: die Anreise mit dem öffentlichen Verkehr nach Interlaken, ein Gutschein für die Pasta-Party, der Kleidertransport ins Ziel, die medizinische Betreuung, ein Finisher-Shirt mit Medaille – und eine garantiert warme Dusche.

Für den Anlass werden 1700 Helferinnen und Helfer eingespannt. Nur stellt sich für Alpinice immer mehr die Frage: «Wie lange können wir den Marathon in dieser Form noch stemmen?» Der OK-Präsident, ein lokaler Unternehmer, macht sich Sorgen. Das Budget beläuft sich inzwischen auf 1,3 Millionen Franken, die Suche nach Geldgebern wird zunehmend schwieriger. Die letzten zwei Austragungen endeten mit einem ­Minus von je 50'000 Franken.

Einen erheblichen Teil der Kosten macht die nicht unkomplizierte Logistik aus. Allein deshalb, weil 4000 Kleidersäcke mit der Bahn auf die Kleine Scheidegg gebracht werden müssen. Alles in allem werden 70 Tonnen Gepäck transportiert. Ausserdem muss ein Teil der Strecke für ein paar Stunden gesperrt werden. Auch das ist mit Kosten verbunden. Alpinice sagt: «Jedes Absperrgitter wird uns wieder in Rechnung gestellt.»

Für Entspannung und ein paar schlaflose Nächte weniger sorgen würde ein Hauptsponsor, der bereit wäre, für 100'000 Franken einzusteigen. Alpinice wünscht sich aber auch mehr Support von den Behörden und der Tourismusbranche. Er sagt: «Wir bieten 4000 Sportlerinnen und Sportlern ein wunderbares Erlebnis. Und mit dem Marathon werden auch Bilder der Region in die Welt hinausgetragen. Das ist beste Werbung für das Berner Oberland, wird aber kaum honoriert. Das kann schon Frust auslösen.» Eine Zeile aus dem Vorwort im Rennmagazin klingt wie ein Hilferuf: «Gibt es den Jungfrau-Marathon 2030 noch?»

Warum sich der Kampf für den OK-Chef doch lohnt

Alpinice hat 2018 eine Wertschöpfungsstudie an der Universität Bern erstellen lassen, aus der etwa hervorgeht, wie sehr die Hotellerie profitiert. «Wir bringen Menschen aus 65 Nationen in die Region. Jeder Startende bringt dem Oberland pro Jahr drei bis vier zusätzliche Übernachtungen.» Mit den Ergebnissen der Studie will er demnächst bei den politischen Instanzen vorstellig werden.

Resignieren will Alpinice nicht. Sein Antrieb ist die Begeisterung der Sportlerinnen und Sportler, die sich auch von schwierigen Wetterbedingungen wie gestern nicht davon abhalten lassen, 42,195 Kilometer zurückzulegen und dabei 1829 Höhenmeter zu überwinden. Und solange er diese Hingabe erkennt, weiss er: «Es lohnt sich einfach, für diesen Marathon zu kämpfen.»



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Erstellt: 07.09.2019, 23:15 Uhr

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