Furchtlos höher und höher

Erst 18 und schon für Rio qualifiziert. Stabspringerin Angelica Moser ist eine der talentiertesten Schweizer Leichtathletinnen. Doch sie kann noch mehr.

Anlauf in urbaner Umgebung: Angelica Moser beim Fotoshooting in einer Tiefgarage. Foto: Ulf Schiller (Athletix.ch)

Anlauf in urbaner Umgebung: Angelica Moser beim Fotoshooting in einer Tiefgarage. Foto: Ulf Schiller (Athletix.ch)

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Verfehlen kann man die Adresse im schmucken Dorfkern von Andelfingen im Zürcher Weinland nicht. Da, wo das blaue Auto mit einigen rund viereinhalb Meter langen Stäben auf dem Dach steht, wohnt die Familie Moser. Vater Severin Moser, einst Zehnkämpfer und 1988 Olympiafahrer (dessen Start durch eine Verletzung verhindert wurde), Mutter Monika Moser, früher Siebenkämpferin, und die Töchter Jasmine (21) und Angelica (18), beide Stabhoch­springerinnen.

Der Tag ist grau, ein feuchter Morgen. Doch dies kann der Stimmung der ­jüngeren Tochter nichts anhaben. Sie durchlebt gerade eine sehr aufregende Zeit. Am Wochenende finden in Magglingen die Nachwuchs-Meisterschaften der Leichtathleten statt, und Angelica Moser wird dort als bereits Qualifizierte für die Olympischen Spiele im August antreten. Welch Vorstellung! Ein Gewaltssprung eröffnete ihr diese aussergewöhnliche Ausgangslage und mittelfristig verheissungsvolle Perspektive. Geglückt ist er ihr am Sonntag beim Hallenmeeting in Dornbirn (AUT), ihrem vierten Wettkampf in dieser Hallensaison. Die 1,70 m Grosse überquerte die auf 4,50 m Höhe liegende Latte im dritten Versuch – «schon beim Hinunterfallen freute ich mich extrem, weil ich merkte, dass sie oben bleibt», erinnert sie sich.

In 5 Jahren in die Elite

Angelica Moser übertraf mit diesem ­Exploit die eigene Besthöhe (im Freien) um 9 cm und erfüllte die Olympia-Anforderung genau. Neben der nationalen ­Rekordhalterin Nicole Büchler (4,71 m) wird sie in Brasilien als zweite Schweizerin antreten können. Noch bis zur Matur Anfang Sommer ist sie Schülerin am Kunst- und Sportgymnasium Rämibühl in Zürich – und in ihrer noch jungen Sportkarriere bereits vieles: Als ihre ­älteren Kollegen 2014 an der Heim-EM der Leichtathletik in der Schweiz zu neuer Aufmerksamkeit verhalfen, setzte sie in China einen Glanzpunkt, sie wurde Jugend-Olympiasiegerin. «Von Zürich bekamen wir nur am Rand etwas mit», sagt sie, lacht und bereut keinen ­Moment, diese EM verpasst zu haben.

Ein Jahr später wurde sie Europameisterin bei den Junioren, und 2015 war auch das Jahr, in dem sie erstmals an Elite-Wettkämpfen sprang. Im Frühling an der Hallen-EM, im August an der WM in Peking, von diesen Erfahrungen soll sie künftig profitieren. Die ersten ­Maturaprüfungen mussten deshalb zwei Wochen warten – kein Problem, nur eine weitere Herausforderung. Mit 17 war Angelica Moser auf ­jenem Level ­angekommen, von dem andere ihr ganzes Sportlerleben träumen. Rund 5 Jahre nur nachdem sie erstmals einen Stab in den Händen hielt. Neben Olympia stehen in diesem Sommer auch die Elite-EM und die Junioren-WM an, sportlich der wichtigste Wettkampf.

Turnen für das Körpergefühl

Zufall ist dieser Aufstieg nicht. Die Athletin ist in einem Umfeld aufgewachsen, in dem Bewegung und Sport immer Teil des Alltags waren, sie ist seit je vielseitig und vielseitig talentiert. Die Mutter sagt, ihr Wille und ihre Zielstrebigkeit zeichneten sie aus, «aber auch eine Unbekümmertheit und Frechheit, die sie Ziele ­anvisieren lässt, die wir alle für unrealistisch halten». Die Tochter bezeichnet sich als «sehr ehrgeizig», lehnt sich aber entspannt im Stuhl zurück und beschreibt schmunzelnd ihre andere Seite: «Ich bin aber auch immer wieder einmal für einen ‹Seich› zu haben.»

Stabspringerin ist Angelica Moser, ebenso aber Kunstturnerin, Hürdensprinterin, Kugelstösserin und Läuferin, das verrät ihr Trainingsplan, der nur vor einem Wettkampf einen Freitag vorsieht. Sie ist ein Multitalent, das einiges von den Genen der Eltern geerbt hat. Mit drei Jahren bereits turnte sie, und heute noch verbringt sie den Donnerstagnachmittag in Frauenfeld bei einem drei- bis vierstündigen Training an allen Geräten.

«Für mein Körpergefühl ist das sehr wichtig», sagt sie, «die Bewegungen sind ähnlich wie beim Stabspringen, die Spannung im Körper die gleiche». Das Turnen erfordere Mut und Überwindung, aber auch Disziplin und Wille, viele hätten Angst vor neuen Übungen. Und dann sagt sie das für ihren Erfolg wohl Entscheidende: «Aber so bin ich nicht. Ich habe keine Angst, ich probiere einfach aus.» Obwohl sie bei einem Sturz schon Wirbel stauchte und pausieren musste. Wenig später war sie Jugend-Olympiasiegerin.

Jugendliche Ungeduld

Dass sie so früh im Jahr schon eine Rekordhöhe sprang, hat damit zu tun, dass sie über den Winter viel schneller und kräftiger geworden ist. Herbert Czingon, ihr Trainer beim LC Zürich (siehe Box), sagt: «Es war nun ein mehrwöchiger Prozess, in dem sie lernte, die Schnelligkeit umzusetzen, das ist eine diffizile Aufgabe.» Nach den ersten Wettkämpfen in diesem Jahr drohte Angelica Moser Ruhe und Geduld zu verlieren, weil sie nicht erreichte, was sie wollte. «Sie sprang nicht einmal so gut wie letztes Jahr, das enttäuschte sie natürlich. Nun aber ist sie auf dem richtigen Weg», sagt Czingon. Und: Dass es ein Wesenszug von Spitzenathleten sei, sich nie zufriedenzugeben.

Sie werden sich am Nachmittag in Magglingen zum Training treffen. Im blauen Auto mit den Stäben fahren die Schwestern Moser dorthin, auch Jasmine ist eine Viermeter-Springerin. Ihr Aufwand ist gross. Ihre Freude und der ­Erfolg, den sie haben, ebenfalls.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.02.2016, 23:19 Uhr

Herbert Czingon

Renommierter Nationaltrainer



Athletin und Trainer: Angelica Moser und Herbert Czingon. Foto: athletix.ch

In Deutschland wurde es als Coup bezeichnet, als Swiss Athletics 2012 Herbert Czingon als Nationaltrainer verpflichten konnte. Der heute 64-Jährige zählt im deutschen Raum zu den erfahrensten Leichtathletik-Coachs, 35 Jahre war er Bundestrainer im deutschen Verband. In seinem letzten Amtsjahr gewannen «seine» Athletinnen und Athleten an den Olympischen Spielen in London acht Medaillen. Nach seinem Wechsel in die Schweiz behielt Czingon zwar seinen Wohnsitz in Mainz, lebt nun aber vier bis fünf Tage wöchentlich in Magglingen. Angelica Moser kennt er, seit er hier ist, vor allem aber seit Anfang 2015 und ihrem Übertritt in den LC Zürich, der einen Teil seines Lohns zahlt. In seinen Äusserungen über die 18-Jährige ist Czingon vorsichtig und gibt zu bedenken, dass er sie nur gerade in den Stabsprung-Trainings erlebe, was nur einen Teil der vielseitigen Aktivitäten der Athletin aus­mache. Er sagt: «Der Vorteil ist, dass ihre Mutter sie in anderen Leichtathletik-Disziplinen trainiert, sie viel besser kennt und ihr natürlich auch viel näher ist. Wenn es beispielsweise um fehlende Ruhe und Geduld geht, ist die Unterstützung der Mutter besonders wichtig.» (mos)

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