Gott leitet den Besessenen

Alberto Salazar war ein Star: erst als Marathonläufer, dann als Trainer. Doch sein zwanghafter Erfolgsdrang zerstörte seine Karriere.

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Als sich die junge Topathletin Mary Cain ritzte und sich selber verletzte, konfrontierte sie ihren Coach Alberto Salazar damit. Er aber wies den Teenager nach einem langen Arbeitstag einfach ab. Er wolle jetzt schlafen gehen. Diese und viele andere Episoden aus dem Leben des 61-jährigen Amerikaners platzten in den letzten Wochen wie Eiterbeulen.

Salazar, ein über Jahre gefeierter Trainer, der als Superschnell-Macher seiner Zunft galt, ist seither: ein Zerstörer von Sportlerleben, ein Gesperrter wegen Dopens, ja ganz grundsätzlich ein Mensch ohne Moral und Skrupel. Doch die Realität ist vielschichtiger und von Widersprüchen geprägt.

Denn dieser scheinbare Teufel des Sports ist beispielsweise ein extrem religiöser Katholik. «Gott hat für alle von uns einen Plan. Alles passiert zu einem bestimmten Zweck», sagte Salazar einst zu seinem Glauben.

Tue Gutes und rede darüber

Gemäss Salazar leitet Gott sein Leben. Damit stellt sich die Frage: Was wollte ihm Gott sagen, als sich Mary Cain ritzte – und er diesen unendlich frappanten ­Hilferuf erst einmal ignorierte? Zumal Salazar in einem Interview sagte, dass Gott ihm dieses Leben ermöglicht habe, damit man einst über ihn befinde: «Er tat Gutes, half anderen und teilte seinen Glauben zu Gott.»

Salazars Glaube geht auf seinen Vater zurück, einen Kubaner und engen Vertrauten von Fidel Castro. Als der Comandante sein Land erobert hatte und Salazar den katholischen Glauben in Kuba forcieren wollte, überwarfen sie sich. Salazar senior wanderte in die USA aus, wurde zum feurigen Gegner von Castro und zur ständigen Hassliebe für seinen Sohn. Unabdingbaren Leistungswillen forderte der Vater von seinen Kindern ein. Für Alberto wurde der Laufsport die ideale Möglichkeit, sich dem gestrengen, stets fordernden Vater wenigstens zeitweise zu entziehen, im direkten Sinn. Alberto war viel ausser Haus.

Dass sich Salazar danach in den 1980er-Jahren zum schnellsten Marathonläufer der Welt entwickelte, ist darum so logisch wie ironisch: Wieder drehte sich in seinem Leben alles um Leistung. Als junger Mann prangte in seiner Wohnung ein Banner an der Wand. Darauf stand: «In pursuit of excellence», also Streben nach Grossem.

Dieser Drang – ob vom Vater installiert, in ihm angelegt oder von Gott gewollt – führte ihn fast in den Tod. In zwei Wettkämpfen bot man nach seinen Siegen einen Priester für das finale Gebet auf. Salazar hatte sich derart überfordert, dass er kollabierte und zu sterben drohte.

Seine Härte zu sich selber war darum legendär, diese war bei ihm bereits als Kind vorhanden. Einst krank, kletterte er trotz ­Verbot der Mutter durchs Fenster, um trainieren zu gehen. Damals soll auch noch ein Sturm getobt haben – bei Salazar weiss man nie so recht, wo die Wahrheit endet und die Legende beginnt.

In zwei Wettkämpfen bot man nach seinen Siegen einen Priester für das finale Gebet auf. Salazar hatte sich derart überfordert, dass er zu sterben drohte. 

Der Aufsteiger vom Secondo zum Muster-Amerikaner hat es nämlich immer verstanden, seinen Status zu kultivieren. Als sein Herz 2007 nach einem Infarkt gleich über 14 Minuten stehen blieb, hielt er in seiner Biografie fest: «Die Wahrscheinlichkeit, nach einer so langen Zeit ohne Herzschlag zu überleben, liegt bei einem Prozent.»

Salazar redet in diesem Zusammenhang darum «von einem Wunder» und einem unzweideutigen Einwirken von Gott. «Es gibt einen Grund, warum ich noch lebe», sagte er in einer langen Reportage von «Runner’s World», als ihn ein Journalist kurz nach dem Infarkt besuchte. «Gott will mich dieses Leben als Trainer führen lassen.» Alberto Salazar sollte Amerikas Läufer zu internationalen Grössen machen.

In Nike fand er den idealen Geldgeber – genauer: in Nike-Gründer Phil Knight. Die beiden kennen sich seit Youngster-Zeit, als der Milliardenkonzern noch eine Kleinbude war. Dass Salazar als Trainer von Nike-Läufern darum bis zu seiner Sperre vor acht Wochen direkten Zugang zu Knight und seinen Spitzenmanagern besass, ist in dieser gemeinsamen Biografie begründet.

Die sektenähnliche Struktur

Salazar profitierte von diesem Kumpelprinzip, auch finanziell. Knight beteiligte sich gar privat am Prestigeprojekt, das Salazar führte und die einst weltdominierenden US-Läufer zur Blüte bringen sollte. Wie ein Sektenführer konnte Salazar darum in sein Betreuerteam Verbündete einbauen, die dem Kontrollwütigen selbst intime Gespräche mit Athleten nacherzählten.

Salazar setzte bei seinen Sportlern stets auf zwei zentrale Vorteile, die Läufer der Ersten Welt gegenüber den sehr viel erfolgreicheren der Dritten aufweisen: Geld und Wissenschaft. Mit den Nike-Millionen versuchte er seine Zöglinge mittels Technik zu beschleunigen. Er baute die WG der ersten Generation zu einem Höhenhaus um, damit diese permanent über 2000 m lebte. Und er schrieb ihr gar die Zeit vor, die sie daheim verbringen musste – die Hälfte des Tages.

Die Athleten rebellierten relativ schnell, und Salazar erkannte, dass er kooperativer werden musste, wollte er die Sportler von seinen Ideen überzeugen.

Seine Optimierungsstrategie aber blieb, setzte auch beim Gewicht der Läufer an. Die sich ritzende Mary Cain war mitunter darum so unglücklich, weil Salazar den Teenager gar vor anderen Athleten auf die Waage stellte. Und sie wie andere Athletinnen öffentlich kritisierte, wenn er sie für zu schwer hielt, um maximale Leistung zu erbringen.

Die Athleten rebellierten, und Salazar erkannte, dass er kooperativer werden musste, wollte er die Sportler von seinen Ideen überzeugen.

Dieses Thema hat in den letzten Wochen besonders viel Schlagzeilen um Salazar generiert. Die wenigen früheren Athleten aus seinem Team, die er anhielt, Gewicht zuzulegen, weil sie zu dünn seien und unmöglich performen könnten, blieben im Schlagzeilen-Wust fast ungehört.

Die sehr schlanke Jordan ­Hasay, die Salazar zu einer der weltbesten Marathonläuferinnen machte, sagte aber jüngst: «War Alberto obsessiv am Gewicht seiner Athleten interessiert? Ja, wie er alles mit Obsession anging. Er wollte gar, dass ich mein langes Haar schneide, damit ich weniger Luftwiderstand beim Laufen aufweisen würde. Darum hielt er mich auch an, einen Ganzkörperanzug im Wettkampf zu tragen.» Hasay lehnte beides ab.

Salazars Grundversagen ist darum sein fast schon perverses Streben nach Verbesserung. Statt am Gewicht lässt es sich sehr viel akkurater an einem kaum thematisierten Beispiel belegen: ­Salazar war stets auch auf der Suche, die Leistung seiner Athleten mit legalen Mitteln steigern zu können.

Assistent als Versuchsperson

In einem erlaubten Nasenspray glaubte er, einen Hebel entdeckt zu haben. Über Jahre hielt er seine Athleten an, den Spray täglich hoch dosiert zu verwenden. Bis Studien zeigten, dass damit das Krebsrisiko steige und die entsetzten Athleten rasch damit ­aufhörten. Salazar behandelte seine Mitmenschen in den düstersten Momenten wie Laborratten. Christlich war daran nichts.

Er, der Sünder, stürzte konsequenterweise, weil er eine andere, an sich legale Substanz als Schnellermacher entdeckt hatte. Nur liess er sie an seinem Assistenten in einer zu hohen Dosis testen. Da der Assistent selber Läufe absolvierte, hatte die US-Anti-Doping-Agentur einen Hebel: Sie argumentierte, Salazar dope im Minimum diesen «Athleten».

Salazar rekurriert. Sein Fall dürfte im Frühling vor dem Sportgerichtshof entschieden werden. Auf sehr irdische Art also.


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Erstellt: 28.11.2019, 11:33 Uhr

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