«Ich habe gerne viele Meinungen»

Auf den monatelangen Frust folgte für Mujinga Kambundji am Samstag der Sprint über 200 Meter in die Weltspitze.

Die Freude, endlich umsetzen zu können, was sie will: Mujinga Kambundji ist in Form. Foto: Tom Kawara

Die Freude, endlich umsetzen zu können, was sie will: Mujinga Kambundji ist in Form. Foto: Tom Kawara

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Sie sind über 200 Meter zu einer der schnellsten Frauen der Welt geworden. Wie weit war der Weg?
(lacht) Sehr weit. Der Prozess läuft, seit ich 2013 nach Mannheim zu Trainer Valerij Bauer ging. Ich versuchte, mich jedes Jahr zu verbessern. Den grössten Schritt aber machte ich 2017, als ich Valerji verliess. Es brauchte eine gewisse Zeit, bis ich mich selbst fand. Und ich habe das Gefühl, dass ich mich immer noch am Optimieren bin. Aber leistungsmässig bin ich weitergekommen.

Sie hatten einen harzigen Saisonstart, erreichten Ihre Form erst Anfang August. Machten Sie sich Sorgen?
Ich wusste zu Beginn der Saison: Ich habe Fortschritte gemacht. Aber ich wusste nicht, ob ich diese sofort umsetzen kann. Als ich am Citius-Meeting die 100 Meter in 11,15 lief, war das erleichternd.

«Ich wusste, ich habe alle Teile, aber kann sie noch nicht zusammensetzen.»Mujinga Kambundji

Welches Gefühl dominiert nun nach dem Schweizer Rekord in Basel?
Freude, weil ich endlich umsetzen konnte, was ich wollte.

Sie sagen «endlich». Es dauerte lange, bis Sie so weit waren. An was liegt es, wenns nicht läuft?
Das ist schwierig zu sagen. Ich war nie an dem Punkt, an dem ich dachte: «Ou Shit, ich weiss nicht mehr, wie weiter.» Ich wusste, ich habe alle Teile, aber kann sie noch nicht zusammensetzen. Doch geht es nach so vielen Wettkämpfen nicht vorwärts, macht das keinen Spass. Dann kommt irgendwann Frust auf, und ich war auch ein wenig verunsichert.

War dieses Gefühl neu für Sie?
Nein, das habe ich immer wieder mal. Zum Beispiel ärgerte ich mich an der WM 2017, weil die Rennen davor so gut gewesen waren, ich aber dann in London überhaupt nicht das leistete, was ich hätte leisten können. Und als ich letzten Sommer an der EM dreimal Vierte wurde, war das sehr frustrierend. Weil mehr dringelegen wäre. Solche Momente zwingen mich, etwas anzupassen und zu verbessern.

War es deshalb nötig, mit Steve Fudge nochmals einen Trainer zu engagieren, der Sie überhaupt nicht kennt?
Nicht unbedingt. Ich merkte in den letzten zwei Jahren, als ich von Henk Kraaijenhof zu Rana Reider und dann zu Steve wechselte, dass das jedes Mal sehr anstrengend ist. Denn der Trainer muss dich ja erst kennen lernen und du ihn. Die meisten wechseln den Trainer, weil es schlecht läuft. Aber in meiner Situation war das ganz anders.

Sie sind 27 Jahre alt: Wie gut kennen Sie sich selbst?
Mittlerweile sehr gut, ich habe sehr viel dazugelernt. Wäre diese Situation in der ersten Saisonhälfte vor drei Jahren aufgetreten, hätte ich ganz anders reagiert. Weil ich damals nicht dieses Selbstvertrauen hatte. Trotz allem Frust wusste ich jetzt, dass ich alles zusammenhabe, dass es gut kommen wird. Weil ich diese Erfahrung auch schon gemacht habe.

Verschieben sich für Sie mit dem Alter die Bedürfnisse, um zum Erfolg zu kommen?
Auf jeden Fall. Mittlerweile brauche ich jemanden, mit dem ich mich austauschen kann. In Mannheim war das zu Beginn überhaupt nicht so, da war ich einfach froh, wenn ich ausführen konnte, was man mir auftrug. Je mehr ich mich dann kennen lernte, desto mehr konnte ich mitreden. Weil ich wusste, was mir gut tat und was nicht.

War das die Emanzipierung vom Trainer?
Ja. Diese Entwicklung sieht man auch bei anderen Athleten. Je älter sie werden, desto mehr trainieren sie alleine oder haben gar keinen Coach mehr. Erst ist es ein Lehrer-Schüler-Verhältnis. Irgendwann lernst du dich so gut kennen, dann gibt der Coach das Programm vor, und du redest mit. Mein Jugendtrainer (Jacques Cordey, die Red.) lehrte mich, auf mein Gefühl zu hören, damit ich viel mitreden kann.

Bei wem holen Sie Hilfe, wenn es klemmt?
Ich bin froh, ein grosses Team um mich herum zu haben. So habe ich für jeden Bereich jemanden, der mir helfen kann. Es heisst, zu viele Meinungen seien nicht gut. Aber ich mag das. Wenn zwei Leute verschiedene Dinge sagen, nehme ich das für mich heraus, was sich mit meinem Gefühl deckt.

Wer gehört zum Team?
Haupttrainer ist Steve Fudge, bei dem ich wochenweise in London trainiere. Und seit 2013 arbeite ich mit Adrian Rothenbühler zusammen, er begleitet mich auch an Wettkämpfe, ist aber im Gegensatz zu Steve als Mehrkampftrainer nicht auf den Sprint spezialisiert. Manchmal kommt noch Jacquy dazu. Lukas Wieland und Florian Clivaz kümmern sich um das Management. Weiter zum Team gehören eine Physiotherapeutin und eine Masseurin. Zudem mache ich seit 2017 Pilates, das hat mir sehr geholfen, und ich habe dieses Training noch intensiviert, weil ich das Gefühl hatte, dass ich mehr Mühe habe, alles zusammenzuhalten.

Sie haben Erwartungen an sich – welche haben Sie immer?
Das Gefühl, ich hätte es in diesem Moment nicht besser machen können. Deshalb ist es wichtig, wenn ich auf etwas aufbauen kann. Anfang Saison bereitete mir das Mühe, weil der erste Lauf wirklich von A bis Z eine Katastrophe war. Damit kannst du dann nichts anfangen.

Und trotzdem erwarten die Leute etwas, weil Sie halt Mujinga Kambundji sind.
Ja, aber auch als Sportlerin willst du immer mehr. Klar: Ich werde älter und weiss nicht, wie lange es so weitergehen wird. Schwieriger ist die Erwartungshaltung von aussen.

«Die Leute erwarten mehr, und ich erwarte auch mehr von mir.»Mujinga Kambundji

Belastet Sie diese?
Normalerweise nicht, weil ich mein Bestes gebe und nicht mehr machen kann. Aber dieses Jahr war es schwieriger, weil verschiedene Dinge zusammenkamen.

Was denn?
Wegen der WM im Herbst bin ich erst spät in die Saison eingestiegen. Und dann kamen direkt die Schweizer Meetings, entsprechend gross war die Aufmerksamkeit. Wäre ich im Juni in Rabat schlecht gelaufen, wäre es kein so grosses Thema gewesen. Hinzu kam, dass einige Nationen in dieser Zeit schon ihre Trials hatten, der Unterschied zwischen deren Läuferinnen und mir krass war. Aber die Leute erwarten mehr, und ich erwarte auch mehr von mir.

Hat Sie das gestresst?
Nicht, dass ich schlaflose Nächte gehabt hätte. Aber wenn ich nach einem schlechten Rennen irgendwas erklären musste, war das sehr schwierig. Manchmal kannst du das nicht, weil es zu komplex ist. Und du willst ja nicht einfach sagen: Ich habe keine Ahnung. Denn so war es nicht. Schwierig wird es, wenn ich den Eindruck habe, mich rechtfertigen zu müssen.

Verstehen Sie diese Haltung?
Ja. Als ich im Juli 2017 die 100 Meter in 11,27 lief, sagte niemand: Das ist schlecht. Jetzt ist das weit von meiner Bestzeit entfernt und auch für mich eine schlechte Leistung.

Wie gehen Sie das Rennen im Letzigrund an, versuchen Sie den Rekordlauf zu kopieren?
Am Samstag war ich schon bald nach dem Start alleine, es wird jetzt anders sein, wenn ich die Gegnerinnen neben mir habe. Das Rennen in Basel hat mir Selbstvertrauen gegeben, ich weiss, ich kann eine gute Zeit laufen. Jetzt muss ich das einfach noch im Vergleich mit starken Gegnern zeigen.

Können Sie noch schneller laufen als diese 22,26?
Ich denke schon. Aber ich weiss nicht, ob das schon jetzt der Fall sein wird (lacht).


Video: So beschleunigt Kambundji auf 37 km/h

In unserer Videoserie Sportslab erklärt ein Experte, wie der Schweizer Sprinterin der perfekte 100-m-Lauf gelingt. Video: Adrian Panholzer und Fabian Sangines

Erstellt: 28.08.2019, 20:50 Uhr

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