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«Ich versuche, das Negative für mich zu behalten»

Für Mujinga Kambundji endete die Saison bitter. Wie sie die Enttäuschung überwunden hat, erklärt die Sprinterin im Interview.

Schnell und beliebt: Sprinterin Mujinga Kambundji winkt bei Weltklasse Zürich aus dem Auto. Foto: Keystone
Schnell und beliebt: Sprinterin Mujinga Kambundji winkt bei Weltklasse Zürich aus dem Auto. Foto: Keystone

Mujinga Kambundji, die schnellste Frau der Schweiz, trifft mit vierzig Minuten Verspätung zum Interview ein. Wie kann das sein?

Es tut mir leid, ich habe momentan viel zu tun. Oft reihe ich die Termine etwas eng aneinander, damit ich danach wieder länger Zeit habe, mich zu erholen. Vor unserem Gespräch hatte ich einen Videodreh zum Thema Muskeln, der länger dauerte als erwartet. Ich habe wirklich sehr pressiert.

Ein Glück, fahren Sie einen flotten Sportwagen.

Der ist ganz neu. Ich habe ihn von meinem Sponsor geliehen. Der entscheidet auch, wie lange ich ihn behalten darf.

Sie sind also nicht nur auf der Laufbahn, sondern auch in der Freizeit immer auf Zack?

Im Alltag bin ich eher gemütlich bis faul unterwegs. Habe ich die Wahl, nehme ich lieber den Lift als die Treppe, lieber den Bus als das Velo. Neben all dem Sport mag ich mich nicht noch mehr bewegen. Geschwindigkeit macht mir aber schon Spass: Ich stehe auf Achterbahnen und eben auch auf schnelle Autos.

Video: So beschleunigt Kambundji auf 37 km/h

Wie der perfekte 100-Meter-Lauf gelingt. Video: Adrian Panholzer/Fabian Sanginés

Sie sind im Juli die 100 Meter unter 11 Sekunden gelaufen. Als erste Schweizerin überhaupt schafften Sie diese magische Marke – eine Sensation. Wie bekommt Ihnen der Rummel um Ihre Person?

In den Medien geht es meist um den Sport und meine Leistungen, und es freut mich, wenn diese gewürdigt werden. Derzeit wird Leichtathletik in der Schweiz ja richtig gehypt, da wir so viele erfolgreiche Athletinnen und Athleten haben. Vor 2014 wurde kaum über uns berichtet, und das enttäuschte mich manchmal. Natürlich spüre ich jetzt die Erwartungen der Öffentlichkeit, aber sie beeinflussen mich nicht, da meine eigenen Erwartungen viel höher sind.

An der Leichtathletik-EM 2014 in Zürich wurden Sie innert weniger Tage zur national bekannten Persönlichkeit. Wie hat Sie das verändert?

Ich bin noch derselbe Mensch. Aber ich bin selbstbewusster geworden, gerade in Interviews und vor der Kamera. Früher war ich recht schüchtern, dann habe ich plötzlich nicht mehr viel überlegt und einfach gemacht.

Hier wurde sie national bekannt: An der Leichtathletik-EM 2014 brach Mujinga Kambundji Schweizer Rekorde. Foto: Keystone
Hier wurde sie national bekannt: An der Leichtathletik-EM 2014 brach Mujinga Kambundji Schweizer Rekorde. Foto: Keystone

Sie gelten als Publikumsliebling. Sogar, als Sie 2014 bei der Staffel den Stab fallen liessen, waren Ihnen die Leute nicht böse, sondern mochten Sie nur noch mehr. Woran liegt das?

Ich weiss es nicht. Ein Grund könnte sein, dass ich mich nicht verstelle und in Interviews nur erzähle, was ich wirklich glaube. Vermutlich merken die Leute auch, wie sehr ich meinen Sport liebe. Es klingt abgedroschen, aber der Spass ist das Wichtigste. Freude zu haben an dem, was man tut. Zürich war rückblickend allerdings schon krass dramatisch. Ich war nach meiner Panne mit dem Stab verzweifelt, aber die Leute blieben da und klatschten trotzdem.

Die Saison 2018 endete bitter für Sie. Sie wurden an den Europameisterschaften in Berlin insgesamt dreimal undankbare Vierte. Wie haben Sie das verdaut?

Ich wollte eine Medaille holen. Nach dem 100er war ich enorm enttäuscht, weil ich nicht meine beste Leistung hatte bringen können. Nach dem 200er war ich auch enttäuscht, aber da war ich nahe an meiner Bestleistung. Bei der Staffel schliesslich hatten wir schlicht Pech, dass dieses Jahr das Niveau sprunghaft angestiegen ist. Dass alles so extrem knapp war, nervt mich zwar, aber so ist Sport nun mal. Viel schlimmer wäre es gewesen, wenn ich zum Beispiel im Vorlauf ausgeschieden wäre.

Ein enttäuschendes Saisonende: An der EM 2018 in Berlin wurde Mujinga Kambundji drei Mal Vierte. Foto: Keystone
Ein enttäuschendes Saisonende: An der EM 2018 in Berlin wurde Mujinga Kambundji drei Mal Vierte. Foto: Keystone

Sie wirken selbst bei Wettkämpfen locker und lachen viel. Sind Sie ein positiver Mensch?

Ja. Und wenn ich mal schlecht drauf bin, versuche ich trotzdem, höflich und respektvoll zu sein und das Negative für mich zu behalten. Die anderen können ja nichts dafür, wenn bei mir etwas schiefläuft.

In welchen Situationen platzt Ihnen der Kragen?

Sehr selten. Ich mache Dinge, die mich im Grunde ärgern, recht lange, manchmal auch zu lange mit und nerve mich quasi im Stillen.

«Der Zusammenhalt zwischen uns Schwestern ist sehr stark. Wir sind inzwischen auch beste Freundinnen.»

Woran liegt das?

Oft hat in einer schwierigen Situation niemand Schuld, oder es ist keine Absicht, wenn es nicht vorwärtsgeht. Dann möchte ich es nicht unnötig schlimmer machen, indem ich mich beschwere. Manchmal löst sich das Problem dann von selbst, und manchmal denke ich: Hätte ich doch früher etwas gesagt. Laut werde ich allerhöchstens im Kreis der Familie.

Sie teilen sich mit Ihrer älteren Schwester Kaluanda in Bern eine Wohnung, Ihre Eltern wohnen mit den beiden jüngeren Schwestern ganz in der Nähe. Brauchen Sie die Nestwärme?

Die Nähe zu meiner Familie ist mir sehr wichtig. So können wir uns jederzeit sehen, und trotzdem habe ich alle Freiheit: Ich muss mich nirgends ab- oder anmelden.

Was ist an der Familie Kambundji einmalig?

Meine Eltern sind beide unkompliziert. Unser Haus war immer offen für alle. Wir konnten jederzeit spontan unsere Freunde zum Mittagessen mitbringen. Das fand ich schön. Der Zusammenhalt ist vor allem zwischen uns Schwestern stark. Wir schauen gut zueinander und sind inzwischen auch beste Freundinnen.

«Ich habe gelernt, nicht nur Aussenstimmen, sondern auch mir selbst zu vertrauen.»

Ihre beiden jüngeren Schwestern Muswama und Ditaji eifern Ihnen als Sprinterinnen nach, gemeinsam haben Sie sogar schon den Schweizer Staffelrekord geknackt. Was bewundern Sie an ihnen?

Im Gegensatz zu mir wurden an meine Schwestern schon im Teenager-Alter hohe Erwartungen gestellt. Ich bin erstaunt, wie gut sie damit umgehen und wie selbstbewusst sie vor den Medien auftreten. Ich selbst war in dem Alter nicht so weit.

Was ist das Wichtigste, was Ihnen Ihre Eltern mitgegeben haben?

Dass nicht immer alles durchgeplant sein muss. Beide können sich schnell auf neue Situationen einstellen. Papa sagte mal was Schönes, das mir geblieben ist: «Ziele auf den Mond. Wenn du ihn verfehlst, landest du in den Sternen.» Also: Setze dir grosse Ziele. Und wenn es dann anders kommt, kannst du andere tolle Dinge entdecken.

Fühlen Sie sich erwachsen?

Ja. Aber noch nicht so lange. Im letzten halben Jahr habe ich viel gelernt.

Im letzten Herbst haben Sie Ihrem Trainer gekündigt und sich dann zeitweise selbst trainiert. Was haben Sie gelernt?

Auf mein Bauchgefühl zu hören, denn ohne Trainer war ich dazu gezwungen. Es ist oft schwierig, den Körper zu deuten: Bin ich etwa müde, weil ich überanstrengt bin, liegt es an meiner Tagesform, oder bin ich bloss ein wenig faul? Bis heute habe ich nicht immer klare Antworten, aber ich habe gelernt, nicht nur Aussenstimmen, sondern auch mir selbst zu vertrauen.

Die Laufbahn ähnelt bei Wettkämpfen einem Laufsteg. Wie viele andere Sprinterinnen sind Sie jeweils perfekt gestylt. Warum?

Für einen besonderen Anlass macht man sich eben bewusster zurecht. Wenn ein wichtiger Wettkampf ansteht, will ich dabei gut aussehen. Andere machen das noch viel extremer, tragen Ringe und Schmuck. Ich finde das okay. Es ist eben immer auch ein öffentlicher Auftritt.

«Ich bin für den Sport so viel unterwegs, da geniesse ich mein Zuhause im schönen Bern umso mehr.»

Der Auftritt von Schweizer Fussballspielern mit der Doppeladler-Geste hat an der EM eine Diskussion über das Identitätsgefühl von Sportlern ausgelöst, die zwischen zwei Kulturen aufgewachsen sind. Was denken Sie darüber?

Ich sehe überhaupt keinen Grund, warum Sportler nicht zwei Nationalitäten haben und sich beiden verbunden fühlen sollten. Ich selbst habe nur den Schweizer Pass, aber für mich war es immer selbstverständlich, mit zwei Kulturen aufzuwachsen, denn meine Mutter ist Schweizerin, und mein Vater stammt aus dem Kongo. Ich bin glücklich, in der Schweiz aufgewachsen zu sein, und fühle mich als waschechte Bernerin. Doch es ist halt einfach ein Mix – wie im Grunde bei allen Menschen.

Wie meinen Sie das?

Als Kind hat man einen Papa und eine Mama. Man lernt: Bei Mutters Familie läuft es so, bei Vaters Familie ist es so. Man nimmt von beiden Seiten Dinge mit und identifiziert sich damit, ohne darüber nachzudenken. Erst später realisiert man, dass es sich um unterschiedliche Kulturen handelt. Bei Kindern mit zwei Schweizer Eltern ist das nicht anders: Man lernt von beiden Elternteilen, übernimmt von beiden Seiten etwas. Man wägt sie nicht gegeneinander ab.

Wurden Sie aufgrund Ihrer Hautfarbe je anders behandelt?

Kaum. In meiner Schule gab es viele Kinder mit multikulturellem Hintergrund. Heute kommt es manchmal vor, dass mich ältere Leute ganz langsam auf Hochdeutsch ansprechen. Aber das ist nicht böse gemeint, deswegen finde ich es auch nicht schlimm.

Glauben Sie, dass solche Situationen in Zukunft seltener sein werden?

Ich denke schon, denn unter Jüngeren werde ich nie hochdeutsch angesprochen. Für sie ist es selbstverständlich, dass dunkelhäutige Personen nicht automatisch schlecht Deutsch sprechen, zumindest in den Städten. Je grösser die Stadt, desto bunter und vielfältiger wird es. In Berlin oder London wird niemand komisch angeschaut.

Würden Sie gerne einmal in einer solchen Metropole leben?

Nein. Ich bin für den Sport so viel unterwegs, da geniesse ich mein Zuhause im schönen Bern umso mehr.

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