«Ich werde jetzt als ernsthafte Konkurrentin wahrgenommen»

Rekordsprinterin Mujinga Kambundji ist an der EM in Berlin ab Montag Medaillenfavoritin. Ihr Rezept für schnelle Zeiten ist einfach.

Mujinga Kambundji läuft gleich zwei Rekorde. Video: Tamedia/SDA
Video: Keystone

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Das beherrschende Leichtathletik-Thema in dieser Woche war der Lizenzentzug von Pascal Mancini. Er missbrauchte seine öffentliche Athleten-Seite auf Facebook zum Verbreiten von rechtsextremem Gedankengut. Was haben Sie gedacht, als Sie davon hörten?
Es war eine schwierige Woche für die Schweizer Leichtathletik, doch ich möchte jetzt nicht darüber ­reden. Ich möchte mich voll auf die EM konzentrieren und nicht von der Geschichte ablenken lassen.

Also, reden wir über die EM: Am Dienstag steht die Entscheidung über 100 Meter an. Sie waren dieses Jahr schon WM-Dritte über 60 Meter in der Halle und sind unter 11 Sekunden gelaufen. Verspüren Sie deshalb weniger Druck?
Einerseits ja, weil ich bereits auf eine gute Saison zurückblicken kann und viel geleistet habe.

Aber?
Die EM ist der Saisonhöhepunkt. Beim Meeting in Monaco teilte ich das Zimmer mit Selina Büchel, wir sprachen bis halb fünf Uhr morgens (lacht). Und unter anderem genau darüber. Bei ihr ist es umgekehrt, sie ist nicht optimal in die Saison gestartet. Aber ich sagte zu ihr: Läuft es dir an der EM gut, dann ist die Saison gut. Und wenn ich in Berlin mega schlecht laufe, dann habe ich etwas falsch gemacht. Wichtig sind nicht all die Meetings, die ich bis jetzt gelaufen bin, das war einfach Vorbereitung.

Was erwarten Sie in Berlin?
Auch wenn ich es mir nicht zu fest in den Kopf setzen will: eine Medaille. In der jetzigen Situation kann ich mir nicht vorstellen, dass ich mit einem vierten Platz zufrieden sein könnte. Obwohl man natürlich nie genau weiss, wie die Konkurrenz aufgestellt sein wird.


Bilder: Der Rekordlauf der schnellen Bernerin

Nur eine Medaille?
Ich habe im Moment vor allem den 100-m-Lauf im Kopf, weil dieser halt noch etwas wichtiger ist, es ist die Königsdisziplin. Ich weiss, dass ich über 200 Meter noch schneller als in Luzern laufen kann, auch wenn ich dort sehr gut, aber noch nicht top war (22,48 Sekunden). Aber ich weiss nicht, wie viel schneller ich sein kann.

Sie sagten bereits 2015, dass sie fähig sein müssten, die 100 Meter unter 11 Sekunden zu laufen. Nun haben Sie diese Grenze mit 10,95 verschoben. Was war der Schlüssel dazu?
Ich profitiere sicher noch von der Basis, die ich in den letzten vier Jahren unter Valerij Bauer gelegt habe. All diese Trainings waren nicht schlecht. Nun habe ich zwei Dinge geändert, die für mich wichtig sind: Ich mache weniger Krafttraining und verlor dadurch Gewicht. Ich fühle mich besser, weil ich gar nicht der Typ Sprinterin bin, der extrem Kraft braucht, um schnell zu laufen. Und schliesslich hatte ich das Gefühl, dass ich längere Läufe absolvieren muss, um schneller zu werden – solche habe ich vermehrt gemacht.

Was nehmen Sie von Ihrem Rekordrennen mit nach Berlin? Dass ich mich gegen Ende nicht verkrampfe. In Zofingen beim ­Rekord wollte ich zuletzt einfach nur schnell rennen. Mein Start ist manchmal gut, manchmal weniger, der Mittelteil ist immer gut, er ist meine Stärke, und gegen Ende verkrampfe ich mich oft. In Zofingen nicht, weil ich nicht anfing, zu studieren. Ich konnte megagut ­fertiglaufen. Das ist das Wichtigste für Berlin: Ich muss einen guten Start haben und von der Haltung her so laufen wie in Zofingen.


Bilder: Kambundji sprintet zu historischer Medaille

Sie laufen nicht mehr nur mit, sondern sind zur ernsthaften Konkurrentin geworden.
Ja. Viele wissen, wer ich bin, weil ich bei den Meetings in Zürich und Lausanne immer dabei bin. Aber es ist nochmals etwas anderes, wenn du nicht einfach die Schweizerin bist, die noch mitlaufen darf, weil das Meeting in der Schweiz stattfindet. Es ist anders, wenn man sich den Startplatz verdient hat, auf dem Niveau der andern ist und die Starken schlagen kann. Es war wichtig, dass ich in der ­Halle Elaine Thompson (Doppel-Olympiasiegerin von Rio) schlug. Ich werde jetzt als Konkurrentin wahrgenommen, die das Potenzial hat, andere zu schlagen, das habe ich zuletzt in Monaco gemerkt.

Was bedeutet Ihnen diese neue Aufmerksamkeit?
Ich mache es nicht der Anerkennung wegen. Trotzdem ist es cool, wenn dir die Top-Leute einen gewissen Respekt entgegenbringen. Das ist viel wert.

Wirken sich Ihre letzten Leistungen als Türöffner aus?
Ja, sehr. Nächstes Jahr werde ich zu mehr Meetings eingeladen. Das war in dieser Saison nach der WM-Bronzemedaille in der Halle schon so. In Doha und Shanghai wäre ich ohne dieses Resultat nicht gewesen. Das wird nächstes Jahr nochmals einfacher.

Nur 15 Europäerinnen waren je schneller als Sie...
15?

Ja. Fünf davon waren in der DDR-Zeit aktiv, und etwa gleich viele wurden einmal des ­Dopings überführt.
Okay...

Sind Sie sich bewusst, dass Sie mit 10,95 in einen Bereich vorgedrungen sind, in dem oft nicht nur Talent entscheidet?
Ich denke, das Niveau ist allgemein höher geworden. Ich sehe solche, von denen ich nicht erwartet hätte, dass sie plötzlich 11,10 oder 11,00 laufen können – weil ich glaube, dass ich mehr Potenzial habe als sie. Aber über die Bestenliste habe ich noch nicht gross nachgedacht. Ich habe das Gefühl oder hoffe wenigstens, dass die Spitze heute sauberer ist. Ich glaube, es ist möglich, unter 10,90 zu laufen, ohne gedopt zu sein.

Haben Sie bezüglich Ihrer Leistung kritische Stimmen gehört?
Nein. Wenn geredet würde, dann nur hintenherum.

Wie erklären Sie sich Ihre Steigerung?
Ich machte in der Phase, in der ich bei Valerij Bauer in Mannheim trainierte, ab Herbst 2013 bis zur WM 2015 in Peking, einen Riesensprung. Ich verbesserte mich über 100 Meter auf einem einigermassen hohen Niveau um mehr als vier Zehntelsekunden. Diese Steigerung hätte man allenfalls eigenartig finden können. Die 11,07 von Peking bin ich erst im letzten Jahr wieder gelaufen. Das müsste eigentlich zeigen, dass ich es auf natürliche Weise tue. Hingegen gibt es solche, die sich von 11,20 auf 10,80 verbesserten, das erscheint im Vergleich zu mir komischer. Ich steigerte mich von 11,07 auf 11,03 und dann auf 10,95.

Sie haben drei Schwestern, die alle auch Leichtathletik betreiben. Wie gehen sie und Ihre Eltern damit um, einen Star in der Familie zu haben?
Es war von Anfang an sehr speziell für meine Eltern. Niemand rechnete damit, dass ich solchen Erfolg haben könnte. Natürlich haben sie Freude, sind sehr stolz, kommen überall hin mit. Schon als ich erstmals Schweizer Meisterin geworden war, war es sehr überraschend. Und jetzt findet einfach alles auf einem viel höheren Niveau statt.

Werden sie auch in Berlin dabei sein?
Ja, die Eltern und meine Tante die ganze Zeit, aber auch meine Onkels. Meine Tante ist immer dabei, seit der U-20-WM 2011. Sie hat selber keine Kinder und ist für uns wie ein zweites Mami.

Hat die Doppelbürger-Thematik auch die Leichtathleten erfasst?
Nein. Bei mir es ohnehin so, dass ich den kongolesischen Pass gar nicht habe. Der Kongo erlaubt nicht zwei Pässe. Seit mein Vater Schweizer ist, hat auch er nur noch einen Pass. Ich war auch noch nie im Kongo, nein, das war nie das Thema. Ich bin ja nicht irgendwann hierher gekommen, ich bin hier geboren. Das ist anders als bei jenen, die irgendwann in ihrem ­Leben in die Schweiz kommen.

Was verbindet Sie noch mit dem Kongo?
Die Verwandten. Mein Vater hat mega viele Geschwister, ein Teil lebt in Europa, drei davon sind aber noch im Kongo. Wir möchten bald einmal dorthin, vielleicht nächstes Jahr, mit der ganzen Familie. Es ist terminmässig nicht ganz einfach, alle arbeiten, und mit dem Sport bin ich wenig flexibel. Dazu kommt der Sicherheitsaspekt, es ist nicht überall gleich sicher. Und wenn wir gehen, wollen wir nicht einfach nach Kinshasa in die Stadt, sondern ins Dorf hinaus, wo mein Vater herkommt. Das braucht Zeit, natürlich aber auch Geld.

Verfolgen die Kambundjis in aller Welt Ihre schnelle ­Verwandte?
Ja, die Feedbacks kriegt aber mein Vater. Sie hinterlassen die Gratulationen bei ihm und er gibt sie mir weiter.

Was ist an Ihnen typisch schweizerisch, was ist typisch afrikanisch?
Ich bin sicher mehr schweizerisch. Vielleicht ist die Lockerheit eher das afrikanische, das Unkomplizierte. Ich passe mich recht schnell gewissen Situationen an. Wenn ­etwas mässig ist, dann ist es halt so und ich mache das Beste daraus. Es ist lustig, in dieser Beziehung ist mein Vater viel schweizerischer als meine Mutter. Er ist pünktlich und genau und ein bisschen weniger flexibel, und sie ist die Spontane: Kommt, packt eure Sachen, wir verreisen ins Tessin.

Spontan wirkten auch Ihre zwei Trainerwechsel in kurzer Zeit. Sie werden nun vom US-Amerikaner Rana Reider betreut. Wie haben Sie sich verändert?
Ich bin lockerer und selbständiger geworden . Ein Wechsel ist immer ein Risiko, ich wusste, dass es schiefgehen könnte. Als Rana Reider aber letzthin in Florida sein Natel irgendwo liegen liess und es erst zwei Tage später wieder fand, war ich zwei Tage ohne Infos. Das Planlose stresste mich überhaupt nicht. Ich trainierte, was ich für gut befand. Auch an den Wettkämpfen bin ich inzwischen viel selbständiger. Rana ist viel mit Dafne (Schippers) unterwegs, sie braucht das wohl. Da wollte ich nicht dazwischen gehen, weil es ihr diese Saison noch nicht so gut lief.

Reider gilt als Trainerguru, betreut diverse Spitzenathleten. Was bringt er Ihnen für neue Erkenntnisse?
Er korrigiert anders als es beispielsweise Bauer oder Jacques Cordey tun (ihr Jugendtrainer, der sie auch Anfang Jahr wieder betreute). Seit dem Trainingslager im April habe ich Rana nur noch an Wettkämpfen gesehen. Anfänglich hat er mir einfach den Trainingsplan geschickt, und ich gab ihm dann die Zeiten durch, sagte, wie es ging und schickte manchmal Videos. Nun haben wir täglich Kontakt, meistens per Telefon.

Was hat er konkret verändert?
Am Start hat er Dinge korrigiert, und in der letzten Rennphase ­einige Inputs zu meiner Haltung gegeben. Wir machen keine speziellen Übungen, er gibt mir eher ein Feedback, zeigt mir etwas, an das ich denken soll.

Aber offenbar hat Ihnen die Zusammenarbeit mit ihm etwas gebracht. Schliesslich sind Sie heuer so stark wie noch nie.
(überlegt) Es ist schwierig zu sagen, was auf ihn zurückzuführen ist und was ohne ihn passiert wäre, nur durch meine Erfahrung und meine Entwicklung. In der Halle bin ich die 60 Meter ohne ihn 7,03 gelaufen. Damit sollte man in der Lage sein, draussen unter 11 Sekunden zu bleiben. Sicher gut ist der ganze Aufbau, den ich unter ihm hatte und die Trainingsstrukur, die er vorgibt. An die kann ich mich halten, mich aber trotzdem frei bewegen. Aber was diese Zusammenarbeit genau bringt, wird man erst nächstes Jahr sehen.

Waren Sie trotz Ihrer Serie von schnellen Rennen in diesem Sommer einmal verunsichert?
Ja, nach dem neuen Meeting in Bern Mitte Juni war ich unendlich müde, hölle kaputt. Ich fühlte mich noch nie so, und es verunsicherte mich auch. Ich hatte viele Wettkämpfe bestritten, bin viel gereist. Nach Bern wehrte ich mich gegen Ranas Planung, ich fand, es mache jetzt keinen Sinn, jetzt irgend ­etwas Schnelles zu trainieren. Ich brachte Vorschläge, wir telefonierten täglich und er riet mir spontan, wie weiter. Jetzt schauen wir. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 04.08.2018, 22:04 Uhr

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