Ins Land der Läufer kommt noch mehr Bewegung

Mit 550 Läufen jährlich scheint der Schweizer Markt gesättigt. Neue Events zeigen aber, dass die Nischen viel Potenzial bieten.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Hauptpreis hat Schwingfest-Ausmasse und wartet jeweils hinter der Ziellinie: Dem stolzen Sieger der Corrida Bulloise wurde gestern ein noch stolzerer Stier übergeben. Julien Wanders ist der neue Besitzer des mächtigen ­Tieres, die schnellste Frau, Helen Bekele, erhielt – ­femininer – ein schönes Kalb. Zufall ist der Preis der Männer nicht, die Veranstalter der Corrida ehren damit das Wappentier von Bulle.

Der Traditionslauf im Greyerzerland hat bereits zum 42. Mal stattgefunden. Er eröffnet jeweils Mitte November mit einem sportlich hochklassigen Feld die Serie der grossen Weihnachtsläufe, die sich mit dem Basler Stadtlauf, der Escalade in Genf und dem Silvesterlauf in Zürich nun im Wochenrhythmus folgen. Diese Veranstaltungen waren alle Mitte der 70er-Jahre gegründet worden, als das Laufen noch Männersache und das Baumwoll-Trägerleibchen die Uniform war. Ausschlaggebend für den Boom seither: Die Frauen entdeckten das Laufen und sind an gewissen Anlässen in der Mehrheit.

Die absolute Nummer 1 unter den Schweizer Events bezüglich Teilnehmenden ist seit Jahren die Escalade, die heuer erneut mit einem Superlativ aufwartet: Mehr als 51 000 Läuferinnen und Läufer werden vom Freitag- bis Samstagabend (1./2. Dezember) in drei Dutzend Kategorien starten. Das sind Dimensionen wie am New York Marathon. Wie alle fünf Jahre startet eine Kategorie sogar in Frankreich und läuft hinein nach Genf (Course du Duc). Die Escalade gehört damit unter allen Läufen in Europa zu den Top 10, weltweit zu den Top 30.

Die vier Weihnachtsläufe sind aber nur ein winziger Bruchteil der 550 Veranstaltungen, die Swiss Athletics in seinem Running Guide auflistet. Sie überspannen die Schweiz als feines Netz und machen sie zum Land der Läufer. Anhand von Teilnehmerzahlen geht man davon aus, dass jährlich bis zu 400 000 Schweizer wettkampfmässig einen Lauf bestreiten. Das Bundesamt für Sport schreibt im Report von 2014 sogar, dass ein Viertel der Landesbevölkerung joggt.

Der Laufmarkt scheint zwar gesättigt, doch Veranstalter machen in jüngster Zeit noch einiges Potenzial aus: bei all jenen, die bis anhin ohne Startnummer unterwegs waren und auch künftig laufen wollen ohne gestoppte Zeit. Im Trend sind eigenständige Läufe mit Fun­charakter, dem Motto «Haupt­sache Spass» und einem Angebot, das über die Ziellinie hinaus reicht. Dank Nischenangeboten wie den nachfolgenden dürfte noch mehr Bewegung und Farbe in die Läuferszene Schweiz kommen. Und vielleicht der eine oder die andere vom Ehrgeiz gepackt werden.

Light Run

Leuchtend durch Solothurn

Die Premiere 2016 war mit 1000 Läuferinnen und Läufern ein erster Erfolg, die Ausgabe 2017 im September mit bereits 1500 ein zweiter. Der Parcours ist 5 km lang, führt durch Solothurns Altstadt, und das Spezielle daran: Licht­effekte und Hindernisse im Neonschein lassen die in grellfarbenen Shirts Gestarteten erleuchten wie Glühwürmer. Viel Sound sorgt für Stimmung, und das Ziel im Ziel ist die im Startgeld inbegriffene ­Afterparty. Mitorganisator Yannick Knuchel sagt: «Wir wollten einen Event, an dem auch jene teilnehmen, die sich nie für einen herkömmlichen Lauf anmelden würden.» Bemerkenswert: Drei Viertel der Startenden sind Frauen. Erklären kann sich das Knuchel nur teilweise: «Die kurze Distanz ist wohl eher für Frauen attraktiv. Und die wiederum melden sich nicht gern alleine an, bei uns können sie im Team teilnehmen.» Wachsen wolle man in Solothurn nicht, sagt er, jedoch expandieren in andere Schweizer Städte.

Wake up and run

11 Städte in Hergottsfrühe

Von einer Grenzerfahrung redet niemand, gewagt ist die Startzeit dennoch: Um halb sechs Uhr morgens hat der Jurassier Jérôme Blank seine Laufserie über jeweils 5 km in elf Schweizer Städten angesetzt (Zürich, Bern, Basel, Sierre, Nyon, Delémont, Lausanne, Biel, Neuenburg, Freiburg, Solothurn). Aufgefallen ist ihm bei einem längeren London-Aufenthalt, wie viele Menschen in aller Herrgottsfrühe laufen. Diese Gelegenheit wollte er auch den Schweizern bieten: Energie tanken vor der Arbeit, die Stadt ohne ihren Verkehr und ihre Hektik erleben, Freunde und Schulkollegen unter besonderen Umständen treffen, gesund frühstücken (im Startgeld inbegriffen), die Zeit um diese Zeit noch Zeit sein lassen. 7000 insgesamt starteten im zweiten Jahr, mehr als 1500 sollen es an keinem Ort werden, sonst leide die Qualität.

Strong Man Run

Winter-Tour in Villars

Laufen kann jeder», sagt Philippe Bessire, «aber viele wollen nicht einfach auf einer Strasse rennen.» Darum habe man einst den Strong Man Run mit seinen spektakulären Hindernissen gegründet. Das ist länger her, doch der Weg zur Winterausgabe war nicht weit. «Da es im Winter nicht viele Läufe gibt, boten wir also den Strong Man in Villars-sur-Ollon an, und es sollte von Anfang an ein verrückter Event sein», sagt der Managing Director des Hauptsponsors. Er hat festgestellt, dass die Erwartungshaltung der Teilnehmer gestiegen ist, man erwarte immer wieder Neues. «Das Ziel für uns ist dennoch ein Lauf, an dem jeder teilnehmen kann.» Der Spass stehe ganz klar im Vordergrund. Ende Januar werden sich zum dritten Mal rund 2000 Teilnehmer durch den Schnee kämpfen. Die Zeit wird hier zwar gestoppt, ist aber sekundär.

Santarun

Im Chlaus-Outfit durch Bern

In England haben sie grosse Tradition, innerhalb eines Monats finden mehr als 100 Santaruns statt. In Bern feiert das Plauschrennen über 5,2 km mit Start und Ziel auf dem Bundesplatz am 1. Dezember Premiere, im Startgeld inbegriffen ist das Chlaus-Outfit. «Die Freude an der Bewegung steht klar im Vordergrund», sagt Organisator Markus Ryffel, «wir sind überzeugt, dass auch ein solcher Lauf psychologisch etwas auslösen kann – auch ohne Wettkampf- und Leistungsgedanke.» Startnummern werden zwar verteilt, Zeiten aber nicht gemessen. Ryffel verspricht sich, damit Läufer anzusprechen, für welche die Hemmschwelle an herkömmlichen Rennen zu hoch wäre. Um dem Anlass den Wettkampfcharakter ganz zu nehmen, heisst es offiziell: Spass statt Sport, Glühwein statt isotonisches Getränk, Raclette statt Bananen. Die Basis für eine künftige Tradition scheint gelegt: Rund 2000 wollen als Chlaus in den Advent.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 19.11.2017, 09:40 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Vor Erkältungen schützen

Jedes Jahr in der kalten Jahreszeit steigt die Gefahr, an einem grippalen Infekt oder Erkältung zu erkranken. Ob und wie stark ein Infekt ausbricht, hängt massgeblich von der Fitness unseres Immunsystems ab.

Blogs

Geldblog Machen Sie mehr aus Ihrem Geld

Mamablog Die grosse Müdigkeit

Die Welt in Bildern

Zusammen Pferde stehlen?: Diese drei Isländer stecken ihre Köpfe auf der Pferdekoppel im deutschen Wehrheim zusammen. (16. Januar 2018)
(Bild: AP Photo/Michael Probst) Mehr...