Jamaika fehlt mehr als nur Usain Bolt

Als selbsternannte Sprintfabrik lieferte die kleine Insel mehr als ein Jahrzehnt die weltschnellsten Sprinter. Seit dem Abgang des Superstars aber produziert sie höchstens noch Mittelmass.

Traute Dreisamkeit: Usain Bolt, Yohan Blake und Warren Weir als Sinnbild für die einstige Sprintmacht Jamaika bei Olympia 2012. Foto: Getty Images

Traute Dreisamkeit: Usain Bolt, Yohan Blake und Warren Weir als Sinnbild für die einstige Sprintmacht Jamaika bei Olympia 2012. Foto: Getty Images

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Usain Bolt jagt nach seinem Rücktritt dem Geld hinterher. Im April duellierte er sich in Lima mit einem Motorrad-­Taxi – zum Gaudi einiger Hundert Peruaner und eines seiner Sponsoren. Im Mai fiel der achtfache Olympiasieger in Paris in einem Rechtsstreit mit seinen E-Scootern durch, darf sein Unternehmen nicht Bolt ­Mobility nennen, weil eine Konkurrenzfirma den Namen Bolt schon für sich geschützt hat.

Daneben sinniert der schnellste Mann der Welt auch immer wieder über den Zustand seiner Disziplin. Immerhin verkörpert Bolt die goldene Generation des jamaikanischen Sprints. Ab seinem Durchbruch 2007 sammelte das Land mit seinen 2,9 Millionen Einwohnern bei den Männern fast alle grossen Titel über die Kurzdistanzen – und schlug den Sprint-Riesen USA selbst in der Staffel ein ums andere Mal.

Im auffälligsten Jahr (2012) stellte Jamaika zwei Sprinter der Top 3 der Welt über 100 m, fünf der Top 10 und acht der Top 20. Jamaika war tatsächlich die «Sprintfabrik», als die es von der damaligen jamaikanischen Sportministerin 2008 an den Spielen von Peking bezeichnet wurde.

Mittlerweile blickt man in Jamaika mit Wehmut auf diese überragenden Jahre zurück. Denn die Sprintfabrik liefert bei den Männern bloss noch Mittelmass – mit Ausreissern nach unten (siehe Grafik). So figuriert mit Routinier Yohan Blake als Siebter zurzeit nur ein Jamaikaner in den Top 20 über 100 m. Ihm folgen Nobodys wie Andre Ewers (10,06) oder Raheem Chambers (10,09) mit Zeiten, die man früher auf der Insel als lachhaft langsam taxiert hätte.

Was also ist seit Bolts Abgang passiert, dass der jamaikanische Männersprint derart durchfällt? Man sollte sich der Frage mit einer anderen nähern: Wie konnte sich Jamaika überhaupt zur führenden Sprintnation entwickeln? Anhand der Antworten müsste zu erklären sein, warum sie jetzt durchfällt.

Abenteuerliche Thesen

Einsichten liefert die umfassendste Arbeit zum Thema. Sie stammt von jamaikanischen und britischen Wissenschaftlern. Auf 144 Seiten versuchen sie, Jamaikas Sprintaufstieg zu erklären. Einige Autoren pflügten sich ­dabei wie Indiana Jones durchs jamaikanische Gebüsch – auf der Suche nach dem Heiligen Gral, nach der ultimativen Antwort. Dabei stiessen sie auf manch abenteuerliche These. Die wohl kühnste: Von den Hunderttausenden verschleppten afrikanischen Sklaven nach Jamaika hätten nur die Stärksten diese mörderische Überfahrt überlebt.

Ohnehin mit vielen schnell zuckenden Muskelfasern ausgestattet, habe sich eine Elite auf Jamaika gebildet. Da sich der Genpool über die Jahre auf der eher abgeschotteten Insel lange nur bescheiden erweitert habe, seien auch die prominenten Abkömmlinge der Neuzeit im biologischen Vorteil.

Ein zweiter scheinbarer Erfolgsgrund: Der Yams, diese Kraftwurzel der Jamaikaner und Stärkelieferant, mache sie so unwiderstehlich. Ernährungsexperten haben den Mythos widerlegt.

Viel mehr Substanz hat die These, dass das British Empire stark und zufällig zum Erfolg beigetragen habe. 1910 führte die damalige Kolonialmacht im Land die sogenannten Champs ein, die nationalen Schulmeisterschaften.

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Während der Champ-Tage steht das Land fast still und huldigt den kleinen bis grösseren Leichtathleten, als seien sie globale Stars. Alle späteren Titelsammler wie Bolt durchliefen diese prickelnde Lebensschule, weshalb Bolt einst sagte: «Wer den Druck an den Champs aushält, wo jeder jeden kennt, fürchtet die anonyme internationale Bühne kein bisschen.»

Wer darum als Youngster auffällt, trainiert bald mit dem einen oder anderen Vorbild, was natürlich inspiriert und für ein stets hohes Niveau im Trainingsalltag sorgt. Nur: Fast alle diese Erklärungsansätze gelten bis heute (oder taugen bis heute nicht). Zumal die jamaikanischen Youngsters auch in der jüngeren Vergangenheit auf der globalen Bühne ähnlich dominant agierten wie zur goldenen Phase. Die Pipeline der Talente ist also vorhanden, bloss scheint diesen Teenagern der Übergang zur Elite nicht mehr dermassen problemlos zu gelingen wie früher.

Spekulation um Betrug bleibt

Bleibt eine These, die sich nie überzeugend erhärten liess: dass Jamaika seine goldene Generation mit illegalen Substanzen produzierte und nun damit aufgehört hat – aus welchen Gründen auch immer.

Natürlich ist die eine oder andere jamaikanische Grösse durchgefallen, fast alle von ihnen aber mit vergleichsweise harmlosen Substanzen. Entsprechend wurden sie nur für Monate gesperrt.

Hinzu kommt: Selbst wenn diese Betrugsspekulation zutreffen sollte, erklärt sich damit nicht, warum fast alle Jamaikaner die 100 m zurzeit nicht einmal in annähernd 10,00 Sekunden zurücklegen. So viel Talent hat das Land weiterhin alleweil. Dafür braucht es keinen Usain Bolt.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 03.06.2019, 22:28 Uhr

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