Kipchoge und die Kraft der Pionierleistung

Eliud Kipchoge hat den Marathon in unter zwei Stunden geschafft. Kritiker halten ihm seine Tricksereien vor.

Die Schuhe leuchten – doch erinnern wird man sich an seinen Namen: Eliud Kipchoge. (Video: ORF)
Video: Christian Bruna/Keystone

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Eliud Kipchoge ist ein Magier. Seine Weltrekordzeit liegt bei 2:01:39 Stunden. Am Samstagmorgen aber im Prater von Wien konnte der Kenianer die 42,195 km plötzlich um sagenhafte 1:59 Minuten schneller laufen – und damit die Schallmauer von zwei Stunden relativ klar unterbieten.

Der 34-Jährige vollbrachte folglich, was gemessen an seiner Bestzeit eigentlich unmöglich scheint. Doch wie ein Zauberer trickste Kipchoge gekonnt: Er profitierte ab dem ersten und fast bis zum letzten Meter von Tempomachern, die ihm den Wind nahmen. Und er lief in einem Spezialschuh von Nike, der seine Laufökonomie verbesserte und dazu führte, dass Kipchoge im Vergleich zu herkömmlichen Modellen später ermüdete. Beides zusammen sowie einige andere untergeordnete Faktoren halfen ihm, diesen Meilenstein des Laufens zu setzen.

Seine Kritiker hatten sich da längst positioniert und das Event als reine PR-Show abgetan, weil quasi unter Laborbedingungen erreicht. Stellvertretend für sie sagte Viktor Röthlin, der frühere Schweizer Marathonrekordhalter, in hundert Jahren werde sich keiner mehr an diesen Lauf erinnern.

Viktor Röthlin lief mehrere Schweizer Rekordzeiten im Marathon. 2014 beendete er seine Sportlerkarriere. Foto: Keystone

Röthlin dürfte irren. Man wird im Gegenteil auch in hundert Jahren noch von Kipchoges Sternstunde erzählen. Aus einem simplen Grund: Geschichten von Pionieren und ihren Leistungen gehören zur DNA des Menschen. Die Fussnoten, in diesem Fall, dass Kipchoge dafür tief in die Trickkiste greifen musste, blenden wir da gerne aus.

Der Vergleich mit dem Bergsteigen

Dafür ein Beispiel aus der Höhenbergsteigerei. Der Vergleich ist nicht perfekt, aber der beste, der in den vergangenen Tagen rund ums Einschätzen dieses Laufprojekts zirkulierte. Er stammt vom kanadischen Sportwissenschaftsjournalisten Alex Hutchinson.

Edmund Hillary und Tenzing Norgay standen am 29. Mai 1953 als Erste auf dem höchsten Berg der Welt – dem Mount Everest. Sie benutzten dabei künstlichen Sauerstoff, wie Kipchoge also externe Hilfe. Erst Reinhold Messner und Peter Habeler bewältigten den Gipfelsturm 1978 erstmals ohne künstlichen Sauerstoff.

An welches Ereignis aber können sich selbst viele Menschen erinnern, die mit dem Höhenbergsteigen nun wirklich wenig anzufangen wissen? An die Pionierleistung von Hillary/Tenzing. Den Meilenstein von Messner/Habeler kennen primär Bergsteigeraffine. Denn die ultimative Geschichte war zu diesem Zeitpunkt bereits passiert (und erzählt).

Wer ein zweites Beispiel braucht: Zwei Amerikaner standen am 20. Juli 1969 auf dem Mond. An denjenigen Astronauten, der als Erster den Erdtrabanten berührte, können sich ganz viele erinnern. Doch wie hiess schon wieder der Zweite nach Neil Armstrong? (Es war Buzz Aldrin.) Den Dritten, der im Kommandomodul des Raumschiffs zurückblieb, kennen definitiv nur noch die wenigsten (Michael Collins).

Die Wette gilt darum: Eliud Kipchoge hat sich seinen Platz in der Historie gesichert. Durchbricht dann tatsächlich einmal ein Marathonläufer ohne Kniffs die zwei Stunden, wird er der Messner seiner Disziplin sein. Der Südtiroler ist bis heute ein Gigant seines Metiers. Auch als Pionier Nr. 2 bekommt man also meist noch ganz viel Bewunderung ab.

Erstellt: 14.10.2019, 08:34 Uhr

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