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Macht dieser Marathon Sinn?

In einem Experiment mit einem Läufertrio versucht Nike, Sportgeschichte zu inszenieren: 42,195 km erstmals unter 2 Stunden zu laufen – fast 3 Minuten schneller als je zuvor.

Eine Formel-1-Strecke soll für Tempo sorgen: Das Läufertrio von Nike. (Foto: Nike)
Eine Formel-1-Strecke soll für Tempo sorgen: Das Läufertrio von Nike. (Foto: Nike)

Monica Schneider

Die Läufer versetzen ihre Grenze im Kopf – auch künftig.

Ja

Die Krux ist ja, dass Marathonläufer gewöhnlich nicht auf normierter, flacher Bahn ohne Ecken laufen, sondern in gepflästerten Grossstädten mit hinderlichen Eigenheiten wie Brücken, Gefällen, Steigungen und exponierten Lagen. Die Leistungen sind trotzdem oft herausragend. Wie herausragend, kann aber kaum jemand abschliessend beurteilen, denn immer bleiben «Wenn» zurück: Wenn der Wind nicht . . . wenn die Pacemaker doch . . . wenn die Taktik – dann hätte und wäre der Sieger . . . Im Marathon gibt es einen Weltrekord. Verglichen wird aber nie Gleiches mit Gleichem. Die Strecke von Boston ist nicht die von New York und schon gar nicht jene von Berlin.

Ohne taktisches Geplänkel

Gerade deshalb ist das «Breaking 2»-­ Projekt so spannend – auch wenn uns die Marketingstrategen von Nike am Wickel haben. Drei der besten Athleten laufen 42,195 km unter Laborbedingungen: flach; eine Armada von sich abwechselnden Tempomachern schützt vor Wind und gibt den Rhythmus vor; fliegende Verpflegung; eigens dafür entwickelte Schuhe.

Dass eine Endzeit unter dem Bestwert von 2:02:57 Stunden (Dennis Kimetto, 2014) nicht als Weltrekord gewertet würde, weil es unter anderem nicht erlaubt ist, dass sich Pacemaker abwechseln, ist nicht wichtig. Wesentlich sind die Erkenntnisse, die zu dieser Zeit und zum Zeitgewinn verglichen mit Kimettos Rekord geführt hätten.

Laborbedingungen heisst: optimale Verhältnisse, die es erlauben, an die Grenze des Machbaren zu gehen, die vielleicht sogar unter der mythischen Marke von zwei Stunden liegt.

Weil wir nicht wissen, wie sich ein Marathon entwickelt, schauen wir immer wieder zu. Faszinierend wird es nun sein, eben weil wir einiges wissen und einige Annahmen gesichert scheinen: Wegfallen werden taktische ­Geplänkel wie 2016 in Berlin, als sich Kenenisa Bekele ein Katz-und-Maus-Spiel mit Wilson Kipsang erlaubte und letztlich 6 Sekunden über dem Welt­rekord blieb. Und: Die Läufer werden wohl über jene Grenze gehen, die sie bis jetzt im Kopf hatten: den Rekord – 2:02:56. Keiner versuchte bis jetzt, 1:59:59 zu laufen. Eine Studie mit Radfahrern belegt, dass die Grenze im Kopf limitierend wirkt. Jeder wuchs über sich hinaus, als diese ohne sein Wissen versetzt wurde.

Ob ein allfälliger Leistungssprung nun den Läufern oder den Bedingungen zuzuschreiben ist – beides dürfte das Marathonlaufen künftig nachhaltig beeinflussen.

Christian Brüngger

Das Team wird zur Basis, eine neue Disziplin entsteht.

Nein

Die Projekt-Schwärmer frohlocken seit Wochen: Grenzen werden mit diesem sensationellen Experiment verschoben! Träume erleb- und damit erfahrbar gemacht! Es wird nichts weniger als die DNA des Schneller, Höher, Weiter in einem prickelnden Wettlauf um Sportgeschichte herausgearbeitet!

Die Schwärmer unterliegen einem grossen Irrtum. Den Grund dafür beschrieb Regiegigant Woody Allen einst für seine Komödien: Reihe so viele Gags aneinander, dass der ­Zuschauer vor lauter Tempo gar keine Zeit mehr hat, über Widersprüche nachzudenken. Nike, der Initiant des Projekts, geht ähnlich vor, indem er behauptet, noch den kleinsten Faktor feinzutunen, damit einer der drei Läufer unter der «Schallmauer» von zwei Stunden bleibt. Also redet fast alles von den eigens ent­wickelten Wunderschuhen des Sport­artikelgiganten, dem Vorteil des Windschattenlaufens mit wechselnden Pacemakern oder dem superflachen, harmonischen Parcours. Nike und seine Projekt-Schwärmer lenken damit in Allen-Manier von den zwei Haupt-­widersprüchen ab, die sich aus dem Experiment ergeben.

Der Beste ist das Team

1. Selbst wenn einer der drei Läufer diese 2-Stunden-Marke unterbieten sollte, wird er nur unwesentlich mehr leisten, als er es bislang in einem ­herkömmlichen Marathon tat. Athleten mit einer Bestzeit von 2:03 Stunden oder mehr können ihre Leistung ohne Dopen nicht plötzlich minutenweise verbessern. Einzig die Rahmenbedingungen sind im Nike-Projekt also fundamental besser. Wie schnell der schnellste Mann nun aber 42,195 km aus eigener Kraft absolvieren kann, wissen wir nach diesem Experiment nicht. Wir sind so schlau wie zuvor.

2. Im Einzelsport – was das Marathonlaufen bislang ist – sucht man den Besten unter vielen Exzellenten. Im Nike-Projekt ist das Individuum allerdings nur so stark, wie es seine Helfer sind. Denn eine Unmenge an Tempomachern soll den drei auserwählten Läufern bis zum Schluss den gewünschten Windschatten bieten – und damit den entscheidenden Faktor liefern, damit ganz viele Sekunden gewonnen werden.

Die Kraft des Einzelnen wird durch die Power der Teamarbeit ersetzt. Wir erhalten als Folge eine neue Disziplin, nennen wir sie in Anlehnung an den Radsport: Mannschafts-Zeitrennen. Mit dem Marathonlaufen, wie wir es ­bisher kennen, hat dieser Ansatz nur noch die Distanz gemeinsam.

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